Eine Reihe von Streichhölzern, nebeneinander, vor dunklem Hintergrund, brennt. Darüber der Hinweis: Handeln Sie jetzt! (Foto: Jamie Street/Unsplash)

Wo waren Sie, als es darum ging, den erneuten Aufstieg der Rechtsextremen zu verhindern?

In Chemnitz und anderen Städten jagen und verprügeln Nazis Andersdenkende, anders Aussehende und Medienvertreter_innen. Viele fragen sich nun erschrocken, wie es so weit kommen konnte. Ich frage dagegen: Wo waren Sie all die Jahre, als es darum ging, den erneuten Aufstieg der Rechtsextremen zu verhindern?

Eine Reihe von Streichhölzern, nebeneinander, vor dunklem Hintergrund, brennt. Darüber der Hinweis: Handeln Sie jetzt! (Foto: Jamie Street/Unsplash)

Ja, wo waren Sie? Das müssen Sie sich schon mal fragen lassen. Es ist ja nicht so, als hätte es seit Kriegsende keine Nazis mehr in Deutschland gegeben oder als seien die untätig und unauffällig geblieben. Neben den Rechtspopulist_innen und Rechtsextremen innerhalb all der anderen Parteien saßen immer auch bekennende Nazis und Neonazis im Bundestag oder den Landtagen. Das war 1949 so, das war in den goldenen 80er Jahren so, und das ist heute immer noch so.

Das Kalkül der Nazis geht auf

Immer dann, wenn Rechtsextreme in den letzten Jahrzehnten in den Bundestag oder in Landtage eingezogen sind, war die Bestürzung groß. Doch der Schock verflog meist schnell, denn sie demontierten sich sehr bald selbst, indem sie sich lächerlich machten, Gelder veruntreuten, und in hohem Bogen wieder aus den Regierungssitzen herausflogen. Doch Schritt für Schritt und vor aller Augen verschoben sie dabei die Grenzen des Sagbaren und des Machbaren.

Und ihr Kalkül ging auf: Niemand nahm sie mehr ernst, bis auf eine Handvoll Journalist_innen und Wissenschaftler_innen, die teilweise unter Lebensgefahr in den Reihen der Nazis recherchierten. Die meisten anderen dachten, diese vermeintlichen Suppenkasper seien so dumm wie harmlos. Selbst dann noch, als es immer öfter Berichte über ihren Machtwillen, ihre äußerst guten Finanzstrukturen und ihre Skrupellosigkeit gab. Selbst dann noch, als sie über Jahre am hellichten Tag  wieder Menschen in Deutschland umbrachten.

Und jetzt? Sie sind wieder da: offen und ohne Scham, mit einem unbändigen Willen zu Macht und Zerstörung.

Sie tragen ihre Niedertracht offen zur Schau

Denn mit dem Belächeln und Wegschauen war der perfekte Boden für jene Gruppierung bereitet, die 2017 mit rechtspopulistischen und rechtsextremen Ansichten demokratisch denkende und handelnde Parteien übertrumpft hat.

Eine Gruppierung, die derzeit jede zweite Schlagzeile bestimmt, die sich mittlerweile ganz offen mit Rechtsextremen zeigt, die sich nicht von Hakenkreuzen und Hitlergrüßen distanziert, und die zum Dank dafür in den öffentlich-rechtlichen Talkshows, Nachrichten und vielen Medienberichten auf dem Silbertablett die Möglichkeit geschenkt bekommt, ihre widerlichen Thesen Schritt für Schritt scheinbar „normal“ werden zu lassen.

So normal, dass ihnen längst wieder abgenommen wird, dass sie sich entrüstet vom Rechtsextremismus distanzieren, während sie das niederträchtige Gegenteil ganz offen zur Schau zu tragen. Wenn sie z. B. ausgerechnet eine weiße Rose im Knopfloch tragen, anstatt die auf den Stolpersteinen ihrer Städte niederzulegen und sich für Frieden und ein positives Miteinander einzusetzen. Oder wenn sie in dem Bundesland mit der niedrigsten Zuwanderungsrate von Menschen aus dem Ausland am lautesten gegen Menschen aus dem Ausland hetzen und jubelnd dabeistehen, wenn andere Menschen schon wieder drangsaliert, gejagt oder ermordet werden.

So weit, so vorhersehbar

So weit, so vorhersehbar.

Denn wir haben gewarnt, wieder und wieder, jahrzehntelang und unüberhörbar. Und nun frage ich Sie, die Sie jetzt auch jammern und zetern und die Hände bestürzt oder ratlos über dem Kopf zusammenschlagen: Wo waren Sie in all diesen Jahren? Was haben Sie getan, um diesen Aufstieg der Nazis zu verhindern? Was von dem, das Sie auf jeden Fall besser machen wollten als Ihre Eltern, Großeltern oder Urgroßeltern, haben Sie tatsächlich besser gemacht?

Oder gehören Sie eher zu all jenen, die täglich mit gespanntem Gruselschauder darauf warten, dass es wieder neue Ausfälle, neue Ungeheuerlichkeiten und neue nachweislich rechtsextreme Äußerungen gibt? Hat Sie auch die große Lust am Untergang ergriffen? Glauben Sie immer noch, dass eine Gruppierung, die von aktuell 10,5 Millionen Menschen gewählt würde, einfach so wieder weggeht? In der Lächerlichkeit und Bedeutungslosigkeit verschwindet? Eine Gruppierung, die von den dümmsten und/oder skrupellosesten Mitgliedern anderer Parteien von der CSU bis zur FDP auch noch Schützenhilfe erhält?

Die AfD steht genauso gut da wie einst die NSDAP

Die NSDAP erzielte im Jahr 1928 bei den Reichstagswahlen noch 2,8%. 1930 waren es bereits 18,3%.

Die AfD erzielte nach 4,7% im Jahr 2013 bei der letzten Bundestagswahl 2017 insgesamt 12,6%. Und die aktuelle Wahlneigung liegt bei 17%.

Wie weit wollen Sie sie noch kommen lassen? Wann wollen Sie anfangen, etwas gegen den erneuten Aufstieg der Rechtsextremen zu unternehmen? Oder wollen Sie es doch lieber Ihren Kindern und Enkelkindern zumuten, sich im Nachhinein für Ihre Untätigkeit zutiefst schämen zu müssen, nachdem Sie den Nazis wieder freien Lauf ließen?

Aber was können wir denn tun, fragen Sie, wenn die Regierung schon so wenig bis gar nichts dagegen unternimmt?

1. Nehmen Sie die Rechtsextremen ernst und beim Wort

Politik, Medien und Bevölkerung verhalten sich momentan mehrheitlich genauso wie Biedermann in Max Frischs Stück „Biedermann und die Brandstifter“: Sie glauben den Rechtsextremen nicht und reichen ihnen sogar noch persönlich die Streichhölzer, mit denen die ihre offen angekündigten Brände legen. Oder, wie Cornelie Ueding es im Deutschlandfunk Kultur formulierte:

„Die Palette unserer selbstverordneten Betriebsblindheit reicht von lascher Duldung bis hin zu feiger Kompromissbereitschaft, von Trägheit bis zu falsch verstandener Höflichkeit.“

Nehmen Sie die Rechtsextremen deshalb endlich ernst und beim Wort.

2. Nehmen Sie jene ernst, die warnen und Angst haben

Aber nehmen Sie auch die Sorgen jener Menschen endlich ernst, die Angst um Leib und Leben haben. Selbst wenn Sie persönlich nicht davon betroffen sind, selbst wenn Sie noch immer glauben, dass das doch alles gar nicht sein kann – es ist so. Hören Sie deshalb diesen Menschen zu, nehmen Sie deren Sorgen ernst. Nehmen Sie auch die Warnungen ernst und handeln Sie. Wie? Z. B. so:

3. Achten Sie auf Ihre Sprache und Inhalte.

Fallen Sie nicht leichtfertig auf das Narrativ der Nazis herein. Bloß weil die einen Mann vor laufenden Kameras durch die Straßen hetzen, der dunkle Haare und einen Bart hat, ist er doch nicht automatisch ein Nicht-Deutscher, dessen Wurzeln nicht nachweislich 400 Jahre zurück mitten in Deutschland liegen. Er ist zunächst einmal ein Mensch.

Stoppen Sie sich sofort bei ähnlichen automatischen Annahmen – zumal die Geschichte zeigt, dass Nazis keinen Unterschied machen, ob der Mensch, den sie verachten, verprügeln, hetzen oder ermorden Geflüchtete_r ist oder Deutsche_r, Muslim_in, Jüd_in, Christ_in oder Atheist_in, Klempner_in, Politiker_in oder Journalist_in, Frau, Mann oder ein Mensch anderen Geschlechts.

Nazis aber spekulieren darauf, dass Sie deren Narrative übernehmen. Dass Sie automatisch annehmen, dass ein Mann mit dunklen Haaren und Bart ein „Migrant“ ist und damit ihrer Ansicht nach weniger wert als sie und Sie („und ich“ kann ich hier nicht anfügen – als Frau und Journalistin stehe ich ziemlich weit unten auf deren Werteskala). Die spekulieren darauf, dass Sie einen Mann mit dunklen Haaren und Bart bald auch ganz automatisch als vermeintlich nicht-zugehörig ansehen anstatt als das, was er ist: ein Mensch. Ein Mensch, der Rechte hat und eine Menschenwürde, und der dem Schutz des Staates und der Gesellschaft untersteht.

(Diesen Tweet schrieb Özdemir übrigens, bevor irgendjemand wusste, woher der betroffene Mann eigentlich stammt, ob aus Chemnitz, aus München oder tatsächlich aus einem anderen Land.)

4. Teilen Sie keine Postings mehr von oder über Nazis

Überlassen Sie die Information über Äußerungen oder Gewaltakte von Rechtspopulist_innen und Rechtsextremen ausschließlich den berichtenden Medien. Informieren Sie sich unbedingt. Aber wenn Sie aus Abscheu oder Entrüstung selbst diese Postings teilen, wenn Sie sie zitieren, wenn Sie solche Leute auf Ihre Podien und in Ihre Talkshows einladen, tragen Sie aktiv und sehenden Auges dazu bei, Sprache und Thesen der Nazis zu verbreiten und zu normalem Sprachgebrauch, zu normaler Themenwahl zu machen. Sie sollten aber nie wieder normal werden.

Mehr dazu, wie Sie eine weitere Verbreitung und Normalisierung rechtsextremen Gedankenguts verhindern können, finden Sie in meinem Artikel „So machen Sie rechtspopulistische und rechtsextreme Ideologien wieder salonfähig“.

5. Informieren Sie sich über den Rechtsextremismus

Seien Sie nicht ahnungslos, wenn es um den Rechtsextremismus geht. Informieren Sie sich darüber, worum es den Rechtsextremen und Rechtspopulist_innen geht, wie sie funktionieren, mit welchen Mitteln sie vorgehen, wie sie sprechen, welche Bilder sie nutzen, was ihre Ziele sind – z. B. bei der Bundeszentrale für Politische Bildung. Dafür ist die da. Auch für Lehrkräfte an Schulen gibt es z. B. hier Materialien für den Unterricht, für die Universitäten gibt es z. B. hier etwas.

Lesen Sie aber auch Medien oder Blogs wie den Störungsmelder, die Belltower.News (ehemals „Netz gegen Nazis“) und Nazis & Goldmund.

6. Werden Sie aktiv gegen Rechtsextremismus

Auch wenn oder gerade weil Organisationen, die gegen den Rechtsextremismus kämpfen, von der Politik immer stärker die Gelder gekürzt werden, sollten Sie aktiv gegen Rechtsextremismus werden. Treten Sie einer der Initiativen bei (einen kleinen Überblick gibt es z. B. hier), beteiligen Sie sich an Demonstrationen, helfen Sie bei der Aufklärung mit, werden Sie politisch aktiv, unterstützen Sie Initiativen und Medien gegen rechts finanziell, helfen Sie von Nazi-Gewalt Betroffenen und Aussteiger_innen aus der Nazi-Szene.

Sprechen Sie auch in Ihrem direkten Umfeld an, wenn Sie merken, dass da rechtsextreme Widerwärtigkeiten naiv nachgeplappert werden oder jemand mit Pegida & Co. sympathisiert – denn das ist alles andere als harmlos, wie ich schon 2014 in meinem Artikel „Was ist so gefährlich an Pegida?“ schrieb. Sehen Sie unangemessen viele Inhalte und Auftritte von Rechtsextremen und Rechtspopulist_innen in den Medien, beschweren Sie sich dort – von selbst scheinen manche das Maß der ausgewogenen Berichterstattung nicht finden zu wollen oder zu können.

7. Und eine Bitte an die Medien und Medienverbände

Liebe Kolleg_innen, setzen Sie bei solchen Themen bitte sowohl in den Redaktionen als auch an den Social-Media-Profilen ausschließlich Personal ein, das sein Handwerk gelernt hat. Geben Sie Nazis nicht so viel Raum. Übernehmen Sie weder deren Sprache noch deren Inhalte oder Narrative außerhalb von reinen Wortzitaten. Berichten Sie kritisch über sie, anstatt nur wiederzugeben. Finden Sie für Interviews und Talkshows Expert_innen, die sich mit dem Thema auskennen, anstatt Rechtsopulist_innen und Rechtsextremen weitgehend ahnungslose Promis und Talkshow-Dauergäste gegenüberzusetzen.

Nehmen Sie Ihre eigene Empörung über Äußerungen und Aktionen der Nazis nicht automatisch zum Maßstab des Interesses Ihrer Leser_innen. Wählen Sie solche Themen nicht mehr nach Klickbait-Wert, sondern bedenken Sie Ihre gesellschaftliche Verantwortung und Pflicht zur ausgewogenen Berichterstattung. Zu der es übrigens auch gehört, endlich mehr Frauen zu Wort kommen zu lassen (mehr dazu im Blog „thea).

Lesen Sie die Handreichungen der Bundeszentrale für Politische Bildung für die Medien zum Thema Rechtsextremismus, z. B. dazu wie man von Rechtsextremen gezielt gestreute Gerüchte rechtzeitig durchschaut. Zeigen Sie auch deren Bilder nicht leichtfertig und behaupten, das gehöre zur Berichterstattung. Lassen Sie sich von jenen Kolleg_innen, die seit Jahren im Umfeld von Nazis recherchieren und mit deren Strategien vertraut sind, nachhaltig aufklären.

Veranstalten Sie Fortbildungen und Webinare mit den Expert_innen, um die Kolleg_innen zu sensibilisieren (hallo, DJV, ver.di und Freischreiber!). Machen Sie Elisabeth Wehlings Buch zur Pflichtlektüre in Ihrer Redaktion. Auch damit solche unfassbaren Dummheiten nicht mehr passieren:

Screenshot Twitter-Account von „hart aber fair“ am 04.06.2018 um 11:17 Uhr.
Screenshot Twitter-Account von „hart aber fair“ am 04.06.2018 um 11:17 Uhr. (Quelle: https://twitter.com/hartaberfair/status/1003350066814443520)

Wir alle tragen die Verantwortung für den Aufstieg der Rechtsextremen

Bevor Sie nun aber denken: Ja, genau, die Politik und die Medien sind schuld!, muss ich Ihnen sagen: In einer Demokratie sind nie die anderen schuld – es sind immer wir alle, wir selbst, die diese Verantwortung tragen. Jede_r einzelne von uns, auch Sie, auch ich.

Wir alle hatten mehr Freiheit, mehr Bildung und mehr Möglichkeiten als unsere Vorfahren. Wir alle hatten freien Zugang zum Wissen über das, was die Nazis ab 1933 getan haben und welche, bis heute schier unfassbaren, Folgen dies für Millionen Menschen hatte. Wir alle hatten die Chance diesmal frühzeitig gegen Rechtspopulist_innen und Rechtsextreme aktiv zu werden. Wir alle haben’s versemmelt.

Hören Sie auf die Rechtsextremen zu verharmlosen. Handeln Sie endlich.

 

Birte Vogel

Ich bin freie Journalistin & Autorin, schreibe Sachbücher (selbst und als Ghostwriterin) und coache Unternehmer_innen von der Idee bis zum fertigen Buch (auch hier vor Ort auf Amrum). Und ich berate Journalist_innen, wie sie aus ganz guten Porträts herausragende machen können.
Kontakt:
Tel.: 04682 – 96 842 37
E-Mail: vogel[at]nordsee-text.de

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