Porträts schreiben – Warum lesen und schreiben wir Porträts so gerne? (2)

Porträts gehören zu den beliebtesten Texten in Zeitungen und Zeitschriften. (Foto: W.R.Wagner / pixelio.de)
Porträts gehören zu den beliebtesten Texten in Zeitungen und Zeitschriften. (Foto: W.R.Wagner / pixelio.de)

Porträts gehören zu den beliebtesten Texten in den Medien, sowohl bei den Leser_innen als auch bei den Journalist_innen. Doch warum ist das so? Die Antwort ist eigentlich ganz einfach: Menschen interessieren sich für wenig mehr als für andere Menschen. Für manche wird das, was hinter den Vorhängen im Nachbarhaus vor sich geht, umso spannender, je dichter die Vorhänge sind. Und da aus dem eigenen kleinen Wohnzimmer heraus der Einblick in die Welt der Prominenz mehr als gering ist, stürzen sich viele voller Begeisterung auf die Klatsch- und Tratschgeschichten der Boulevardpresse über diesen winzigen Teil der Weltbevölkerung. Immer schneller machen Medien da mal jemanden zum „Star“ oder zur „Ikone“, um Leser_innen an sich zu binden.

Diese sehr menschliche Neugier auf „die anderen“ machen Porträts ungeheuer attraktiv. Denn dort erfährt man (im besten Fall) wesentlich mehr über eine Person als in den üblichen Meldungen. Insbesondere, wenn Prominente endlich einmal nicht nur durch auswendig gelernte Standardantworten und Photoshop zu austauschbaren Pappkamerad_innen degradiert werden, sondern uns einen echten Blick hinter die Kulissen gewähren.

Porträts sind Anregung, Inspiration und können Hoffnung geben

Doch warum interessieren wir uns dafür überhaupt? Wir kennen die doch alle gar nicht persönlich! Richtig, aber wir sind von Natur aus neugierig. Wir suchen immer ein Gegenüber, in dem wir uns spiegeln, mit dem wir uns vergleichen können. Wir erkennen uns (oder einen Teil von uns) in anderen Menschen, und wir können uns dadurch vergewissern, dass wir nicht die einzigen sind, deren Lebenswege durch plötzliche Brüche und schwierige Phasen beeinflusst werden. Für manche hat das etwas Tröstliches, gerade wenn es um Menschen geht, die privilegierter (oder sogar weniger privilegiert) zu sein scheinen als man selbst. Die Porträtierten können uns auf diese Weise auch zu Vorbildern werden, wenn sie Neues gewagt oder Tiefschläge überstanden haben und ihren Weg (trotzdem) erfolgreich weitergegangen sind.

Porträts bilden uns und geben uns die Möglichkeit zu erkennen, wo wir gerade stehen, wer wir sind. Sie geben uns Anregungen für unser Leben, Inspiration, Hoffnung. Und manchmal erkennen wir beim Lesen auch unsere eigenen Grenzen: ob wir in so einer Situation auch so weit gegangen wären; ob uns das auch hätten passieren können; ob wir diesen Mut gehabt hätten; ob wir das auch hätten tun können. Wir lernen von den Porträtierten und können an ihrem Beispiel erkennen, wo wir in unserem eigenen Leben im Vergleich zu ihnen stehen.

Ein Mensch wie du und ich

Porträts sind natürlich nicht nur auf Prominente beschränkt. Gerade Lokalzeitungen porträtieren häufig ganz unbekannte Menschen, die z. B. ein außergewöhnliches Leben hatten oder sich in besonderem Maße für eine Sache engagieren. Und wenn es aktuell ein komplexes Thema gibt, das schwer zu vermitteln ist, dann wird häufig eine Person gesucht, die in diesem Zusammenhang porträtiert werden kann. Auf diese Weise wird ein Thema plötzlich verständlich, weil es nicht nur von Zahlen und Fakten bestimmt ist; da ist auf einmal ein Mensch wie du und ich, bei dem wir Anknüpfungspunkte finden und darüber das Thema leicht(er) verstehen können.

All dies waren auch die Gründe, warum ich für mein Porträtbuch „Hannover persönlich“ eine Mischung aus Prominenten (bundesweit und regional) und unbekannten Menschen gewählt habe. Jede_r von ihnen hatte eine interessante Geschichte zu erzählen, hatte postitive Dinge und schwere Zeiten erlebt und Konsequenzen daraus gezogen, die für meine Leser_innen inspirierend sein konnten, ihnen Hoffnung machen, Anregungen geben oder ihnen ein Thema nahebringen konnten, mit dem sie noch nie zuvor in Berührung gekommen waren. Auf diese Weise war das Buch auch für viele Menschen, die mit Hannover gar nichts am Hut haben, interessant – denn ich habe darin die Geschichten von Menschen wie dir und mir erzählt.

(Dieser Artikel ist Teil meiner Serie „Porträts schreiben„.)

Birte Vogel

Ich bin freie Journalistin & Autorin, schreibe Sachbücher (selbst und als Ghostwriterin) und coache Unternehmer_innen von der Idee bis zum fertigen Buch (auch hier vor Ort auf Amrum). Und ich berate Journalist_innen, wie sie aus ganz guten Porträts herausragende machen können.
Kontakt:
Tel.: 04682 – 96 842 37
E-Mail: vogel[at]nordsee-text.de

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