Man muss sich einlassen können auf Mensch und Geschichte, um ein gutes Porträt über jeden Menschen schreiben zu können. (Foto: Birte Vogel)

Porträts schreiben – Welche Personen eignen sich für Porträts? (3)

Es braucht Zeit und Interesse an Mensch und Geschichte, um ein interessantes Porträt über jeden Menschen schreiben zu können. (Foto: Birte Vogel)
Es braucht Zeit und Interesse an Mensch und Geschichte, um ein interessantes Porträt über jeden Menschen schreiben zu können. (Foto: Birte Vogel)

In den meisten Medien werden vor allem Prominente porträtiert, was den Eindruck erweckt, dass sie die einzigen Menschen sind, die etwas Interessantes zu erzählen hätten. Was natürlich Unsinn ist. Prominente sind nur unkomplizierter für die JournalistInnen, da sie immer im Gespräch sind, in der Regel schon sehr viel über sie bekannt ist, und man nicht so viel Zeit aufwenden muss, um so viel über sie herauszufinden, dass man ihnen ein paar Fragen stellen kann. Außerdem wird Klatsch und Tratsch über Promis von einer breiten Masse gern gelesen, und wenn es tatsächlich mal ein bisschen was Exklusives dazugibt, umso besser (für den Verlag).

Ich weiß nicht, wie’s Ihnen geht, aber mich langweilen diese Texte in der Regel zu Tode. Den Prominenten scheint es, an ihren Zitaten gemessen, oft nicht viel anders zu gehen: ich bin mir sicher, keine_r von ihnen wird je mitgezählt haben, wie häufig ihnen z. B. die Frage „Wie gefällt es Ihnen hier in …?“ gestellt wurde und wie häufig sie darauf „Super!“ geantwortet haben, obwohl sie nichts weiter als Flughafen, Taxi und Hotelzimmer gesehen haben. Die Häufigkeit belangloser und uninteressanter Fragen nimmt mit dem Bekanntheitsgrad zu. Und ich frage mich immer: Wer, bitte, will so etwas ernsthaft lesen? Aber das werde ich in einem anderen Posting nochmal aufgreifen.

Wen interessiert schon Lieschen Müller? Falsche Frage!

Welche Personen eignen sich also – von Prominenten abgesehen – für Porträts? Die Antwort ist: alle. Und warum werden meist nur Prominente porträtiert? Das hat mehrere Gründe. Zum einen s. o., denn die Medienhäuser versuchen, mit so wenig Geld wie möglich so viel Leserschaft wie möglich an sich zu binden. Da zieht ein prominenter Name ungeheuer, und je schneller und einfacher so ein Porträt herzustellen ist, desto besser (vermeintlich).

Es gibt aber auch Redaktionen, in denen herablassend gefragt wird: „Wen interessiert denn schon, wie Lieschen Müller ihre Blumen gießt?“ Solche Fragen stellt nur, wer vergessen oder nie gelernt hat, wie man eine interessante Geschichte aufspürt. Denn Lieschen Müller hat immer eine ganz besondere Geschichte zu erzählen. Immer. Man muss nur Interesse und Zeit haben und wissen, wie man sie aus ihr rausbekommt. Und genau daran scheitert es oft. Denn wenn man schon mit einer solchen Haltung („Wen interessiert schon Lieschen Müller?“) bei ihr klingelt, wird daraus in der Regel nur ein Bratwurst-Text. Man spult ein paar Standardfragen ab, schaut auf die Uhr, wenn Frau Müller schon wieder abschweift, und muss dann leider auch schon weiter, Termindruck. Dass das Ergebnis in der Regel niemanden beeindrucken wird, ist da wenig überraschend.

Warum lohnt es sich, Unbekannte zu portätieren?

Im vorhergehenden Teil dieser Reihe, „Porträts schreiben – Warum lesen und schreiben wir Porträts so gerne? (2)„, habe ich geschrieben:

Wir suchen immer ein Gegenüber, in dem wir uns spiegeln, mit dem wir uns vergleichen können. Wir erkennen uns (oder einen Teil von uns) in anderen Menschen, und wir können uns dadurch vergewissern, dass wir nicht die einzigen sind, deren Lebenswege durch plötzliche Brüche und schwierige Phasen beeinflusst werden. Für manche hat das etwas Tröstliches, gerade wenn es um Menschen geht, die privilegierter (oder sogar weniger privilegiert) zu sein scheinen als man selbst. Die Porträtierten können uns auf diese Weise auch zu Vorbildern werden, wenn sie Neues gewagt oder Tiefschläge überstanden haben und ihren Weg (trotzdem) erfolgreich weitergegangen sind.

Mit den typischen Prominenten-Porträts wird jedoch in der Regel nur die Klatschsucht kurzfristig befriedigt. Porträts von Menschen, die nicht im Zentrum aller Aufmerksamkeit stehen, können hingegen neue Welten eröffnen und Vorbilder schaffen. Sie können inspirieren und berühren, und die LeserInnen können viel leichter einen Zugang zu einem Thema und zu ihnen finden, weil sie Menschen wie Sie und ich sind.

Hätte ich – wie viele es mir geraten haben – in meinem Buch ausschließlich Prominente porträtiert, hätte ich niemals so wunderbare Menschen kennengelernt und vorstellen dürfen wie z. B. die Dame auf dem Bild oben: Ramona Richter, eine Sintizza. Was ist eine Sintizza*?, fragen Sie sich gerade? Eben! Warum wissen wir vermeintlich alles über George Clooney oder Heidi Klum, aber nichts über die Menschen in unserer Umgebung? Noch ein Grund mehr, sich die Zeit zu nehmen und sich auf unbekannte Menschen und ihre Geschichten einzulassen.

Was unsichtbar ist, ist nicht mehr erzählenswert?

Annika Dickel, eine meiner Porträtierten, ist Schauspielerin und Artistin. Sie war lange Jahre Leiterin eines Kinder- und Jugendzirkus und erzählte mir, dass es bei der Nachwuchsarbeit ein Problem gäbe. Die jungen Artist_innen würden auf Youtube & Co. nur noch ihre ganz großen Vorbilder von der Weltspitze sehen, was zwar einerseits ein großer Anreiz für sie sein könnte. Doch, so Dickel:

„Dadurch entsteht auch eine gewisse Respektlosigkeit gegenüber denen, die mittelklasse sind. Gerade in der Artistik gibt es viele Leute, die ganz gut sind. Aber das ist nichts mehr wert, weil andere mehr können.“

Was unsichtbar ist, ist nichts mehr wert? Ganz ähnlich ist das leider auch bei Porträts: Lieschen Müllers Geschichte ist in den Augen vieler nicht erzählenswert, weil Prominente scheinbar so viel mehr Interessantes zu bieten haben. Der Schein trügt – in der Artistik genauso wie bei Porträts. Prominente sind nur prominent, weil die Medien sie dazu gemacht haben, nicht, weil sie tatsächlich so furchtbar aufregend sind. Ihr Wert für die Medien ist ein von den Medien selbst erfundener, doch sind Prominente nichts weiter als Menschen wie Sie und ich – die auch wirklich Interessantes zu erzählen hätten, wenn sie denn irgendwer mal fragen würde.

Damit Sie sehen können, dass man auch über völlig Unbekannte hervorragende Porträts schreiben kann, wenn man nur möchte, hier drei Beispiele:

  • Mr. Bad News“ (1966; nur in englischer Sprache) von Gay Talese, über Alden Whitman, den Mann, der die Nachrufe für die New York Times schreibt
  • Wenn Lehmann stirbt, is bei mir Feierabend“ (1976) von Marie-Luise Scherer über Fritz Machnow und seinen Hund
  • Renter: Tod im Paradies“ (2009) von Alexander Osang über den „kleinen Heinz“ in seinem Rentnerparadies in Thailand.

Ich bin mir sicher, dass Ihnen diese drei Porträts sehr viel mehr sagen und sehr viel länger in Erinnerung bleiben werden als die „Porträts“, die Sie zuletzt über George Clooney oder Heidi Klum gelesen haben.

*Eine Sintizza ist eine weibliche Angehörige der Sinti, einer Volksgruppe, die mindestens seit Beginn des 15. Jahrhunderts in Deutschland lebt.

(Dieses Posting ist Teil meiner Serie „Porträts schreiben„.)

Birte Vogel

Ich bin freie Journalistin & Autorin, schreibe Sachbücher (selbst und als Ghostwriterin) und coache Unternehmer_innen von der Idee bis zum fertigen Buch (auch hier vor Ort auf Amrum). Und ich berate Journalist_innen, wie sie aus ganz guten Porträts herausragende machen können.
Kontakt:
Tel.: 04682 – 96 842 37
E-Mail: vogel[at]nordsee-text.de

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