Porträts schreiben – Warum Termine und Orte wichtig sind (5)

Ein Café ist der beliebteste und zugleich der schlechteste Ort für ein Porträtinterview. (Foto: Lichtbild Austria / pixelio.de)
Ein Café ist der beliebteste und zugleich der schlechteste Ort für ein Porträtinterview. (Foto: Lichtbild Austria / pixelio.de)

Häufig muss es schnell gehen, wenn Sie Porträts schreiben, gerade bei Tageszeitungen ist nicht viel Zeit für große Fisimatenten. Also wird der Termin zwischen andere gequetscht, und ein Ort gewählt, der Ihnen und der zu porträtierenden Person einigermaßen passt. Keine guten Voraussetzungen für ein gutes Porträtgespräch. Schon gar nicht, wenn es der einzige Termin sein muss, da für mehr Termine weder Zeit noch Geld da ist.

Der passende Termin

Wenn Sie mehrere Gesprächstermine anvisieren, dann sollten Sie dafür sorgen, dass Sie selbst nicht in Zeitnot geraten. Es kann immer sein, dass ein Gespräch sehr viel länger dauert als geplant. Gerade bei einem Porträtinterview, dessen einer Stützpfeiler Vertrauen ist, kann es dauern, bis sich Ihr Gegenüber öffnet. Es wäre eher kontraproduktiv, wenn Sie ständig auf die Uhr schauen und sich dann leider in dem Moment verabschieden müssen, in dem Ihre GesprächspartnerInnen Ihnen gerade zu vertrauen und sich zu öffnen begonnen haben.

Wenn dies Ihr einziger Termin (von einem Vorgespräch abgesehen) ist, dann sollten Sie darauf Wert legen, dass Sie beide nicht in Zeitnot geraten. Der Termin sollte so liegen, dass Sie nicht gestresst von irgendwo anders angehetzt kommen müssen, und erst einmal eine Zeitlang brauchen, um für dieses Gespräch überhaupt runterzukommen. Legen Sie ihn auch so, dass Sie zumindest für den Großteil der Zeit möglichst ungestört sind. Es ist natürlich interessant, zu sehen, wie Ihre GesprächspartnerInnen mit Angestellten, Kolleg_innen, Kindern usw. umgehen, wenn die in das Interview hineinplatzen. Doch kann dadurch auch so manche sehr konzentrierte, sehr persönliche Situation erheblich, manchmal auch unwiderruflich gestört werden. Das werden Sie nie ganz vermeiden können, doch die Kunst besteht dann darin, Ihr Gegenüber wieder in die Stimmung vor der Unterbrechung zurückzuleiten. Auch dafür brauchen Sie beide Zeit, erst recht, wenn es Ihr einziger Interviewtermin ist.

Der richtige Ort

Der Ort ist mindestens genauso wichtig wie der Zeitpunkt bzw. der Zeitrahmen. Für sehr viele Interviews wird als Treffpunkt ein Café gewählt, das beide kennen und recht gut erreichen können. Doch das ist – insbesondere, wenn es Ihr einziges Gespräch ist – einer der schlechtesten Orte für ein Porträtgespräch. Im Café geben sich Menschen selten so, wie sie sich z. B. zu Hause geben würden. Unbewusst achten sie verstärkt auf ihre Außenwirkung, sind schnell abgelenkt durch Kellner_innen, Nachbestellungen oder andere Gäste. Wenn es dort laut ist, fällt es beiden Seiten schwer, sich auf das Gespräch zu konzentrieren, und eine vertrauliche Gesprächsatmosphäre kann da kaum entstehen.

Hinzu kommt – sollten Sie das Gespräch aufnehmen –, dass die Tonqualität bei starkem Umgebungslärm sehr schlecht sein kann. Mir ist es einmal passiert, dass mein (bis dahin sehr zuverlässiges) digitales Aufnahmegerät ohne einen Mucks verstarb. Bis ich es merkte, verging fast eine halbe Stunde, da ich so auf das Gespräch konzentriert war und meinem Aufnahmegerät leider vertraute. Ich brachte sofort mein Ersatzgerät zum Einsatz, doch dessen Tonqualität war so schlecht, dass ich anschließend beim Transkribieren kaum etwas verstehen konnte – der Hintergrundlärm im Café war wesentlich lauter als das, was mein Interviewpartner sagte. So fehlten mir vom Rest des Interviews zahlreiche Formulierungen und ein paar sehr sprechende Anekdoten. Zum Glück hatte ich von anderen Gesprächen schon genug Material – es hätte aber auch anders kommen können.

Für das Hauptinterview, erst recht, wenn es das einzige Interview ist, sollten Sie daher immer einen möglichst ruhigen Ort wählen, an dem sich Ihre Gesprächspartner_innen wohl fühlen. Am besten lassen Sie sie auswählen, wo sie sich mit Ihnen treffen möchten. Das mag für Sie eine längere Anfahrt bedeuten, was im Hinblick auf Ihr Honorar nicht ganz unwichtig ist. Doch sagt die Wahl dieses Ortes schon einiges über die Person aus, und, was in meinen Augen ausschlaggebend ist: hier wird Ihr Gegenüber mit großer Wahrscheinlichkeit entspannt sein, sich ganz natürlich geben können und ohne große Unterbrechungen oder Showeinlagen reden können und wollen.

(Dieses Posting ist Teil meiner Serie „Porträts schreiben„.)

Birte Vogel

Ich bin freie Journalistin & Autorin, schreibe Sachbücher (selbst und als Ghostwriterin) und coache Unternehmer_innen von der Idee bis zum fertigen Buch (auch hier vor Ort auf Amrum). Und ich berate Journalist_innen, wie sie aus ganz guten Porträts herausragende machen können.
Kontakt:
Tel.: 04682 – 96 842 37
E-Mail: vogel[at]nordsee-text.de

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