Porträts schreiben – Die Vorbereitung (4)

Porträts werden meist aus einem ganz bestimmten Anlass geschrieben: jemand hat einen runden Geburtstag, eine Firma feiert Jubiläum, ein Film hat Premiere, jemand wird geehrt o. Ä. Manche Porträts erscheinen innerhalb einer bestimmten Reihe, z. B. über „Menschen dieser Stadt“, erfolgreiche Unternehmer_innen oder besonders verdiente Ehrenamtliche. Andere Porträts sollen ein aktuelles Thema näher oder aus einem neuen Blickwinkel beleuchten oder Personen im Wahlkampf vorstellen.

Was ist bislang bekannt?

Den Anlass für das Porträt im Hinterkopf, müssen Sie klären, für welches Medium Sie es schreiben, wie viel Text es sein darf und welcher Zeitrahmen dafür zur Verfügung steht. Nicht zuletzt sollten Sie mit einberechnen, wie viel Honorar Sie bekommen, um den Aufwand für die Vorbereitungen richtig zu kalkulieren. Dies ist allerdings oft ein Dilemma, denn Porträts werden selten gut genug bezahlt, um sich so erschöpfend vorbereiten zu können, wie man es gerne tun würde, um dem Menschen, den man da der Öffentlichkeit präsentiert, auch wirklich gerecht zu werden. Dazu in einem anderen Posting mehr.

Nun beginnt die Suche nach dem, was bislang über die zu porträtierende Person bekannt ist. Im Lokalen haben Sie vielleicht Kolleg_innen, die schon mit dieser Person zu tun hatten, vielleicht sogar über sie geschrieben haben. Oder sie wissen möglicherweise, wen Sie um Hintergrundinformationen bitten könnten.

Befragen Sie auch das Umfeld: Was sagen diese Leute über die betreffende Person? Welche gemeinsamen Erlebnisse hatten sie? Was macht die Person in ihrer Freizeit? Engagiert sie sich im Chor, im Sportverein, für die Tafel? Geht sie sonntags in die Kirche? Welchen Sport treibt sie? Hat sie Haustiere? Worin ist sie besonders gut? Hat sie besondere Vorlieben oder Erlebnisse? Wo sind die Brüche in ihrem Lebenslauf? Welche Eigenschaften werden ihr nachgesagt? Wofür ist sie gefürchtet? Für was wird sie geliebt oder respektiert? Wer hat noch ein Hühnchen mit ihr zu rupfen und warum?

Diese Recherchen sollten jedoch immer maßvoll sein – in den Mülltonnen der Person zu wühlen oder Familie und Nachbarn zu bedrängen wird Ihnen keinen Vorteil einräumen. Im Gegenteil: bekommt die zu porträtierende Person Wind davon, kann es sein, dass sie dicht macht, noch bevor Sie ein Wort mit ihr selbst gesprochen haben.

Wikipedia nur als Ausgangspunkt

Lokale, regionale und überregionale Pressearchive können für die Vorbereitung hilfreich sein. Wodurch ist die zu porträtierende Person schon einmal der Öffentlichkeit bekannt geworden? Der Wahrheitsgehalt von Skandal- und Klatschmeldungen ist bekanntlich oft fraglich – dennoch können solche Meldungen auch Ausgangspunkt für weiterführende Recherche sein.

Für berühmte Persönlichkeiten können Sie außerdem das Munzinger Archiv nutzen (Achtung: kostenpflichtig!, aber vielleicht hat die Redaktion bereits einen Zugang, den Sie nutzen können). In manchen Fällen sind auch die herkömmlichen Wege wertvoll: Bibliotheken und Stadtarchive – die haben längst nicht alles digitalisiert, und die Kataloge sind auf ersten Blick nicht immer logisch, was die Suche etwas aufwändiger machen kann. Aber vielleicht finden Sie dort z. B. Hintergrundinformationen zur Familiengeschichte der zu porträtierenden Person.

Verlassen Sie sich nie allein auf Wikipedia. So riesig dieses Online-Lexikon mittlerweile ist, sind die Daten, Fakten und Zitate dort nicht so gesichert wie es im Journalismus sein muss. Denken Sie nur an das Jahr 2009, als der CSU-Politiker Karl-Theodor zu Guttenberg Wirtschaftsminister wurde. Sehr viele Medien berichteten am folgenden Morgen über den neuen Minister mit den elf Vornamen. Ein Fehler, wie sich zeigte, denn ein Spaßvogel hatte Guttenberg über Nacht einen elften Vornamen (Wilhelm) auf Wikipedia angedichtet, wo eigentlich nur zehn sein sollten. Und wie viele (auch seriöse) Medien hatten das ungeprüft von dort übernommen!

Hat die oder der zu Porträtierende Bücher oder Artikel geschrieben? Lesen Sie sich ein – Sie sollten zumindest wissen, worum es darin geht und was die Kritiker_innen dazu gesagt haben. Gibt es Bilder, Filmaufnahmen? Schauen Sie sie sich unbedingt an, denn sie werden die zu porträtierende Person möglicherweise in ganz unterschiedlichen Situationen, mal gestellt, mal ungestellt zeigen. Körperhaltung, Mimik und Stimme sind wichtige Faktoren wenn Sie ein Porträt schreiben. Ist die Person online aktiv? Wie und auf welchen Portalen? Lesen Sie sich nach Möglichkeit auch dort ein.

Die drei wichtigsten Fragen: Warum? Wieso? Weshalb?

Bei Ihrer Recherche sollten Sie immer die Frage nach den Beweggründen im Hinterkopf haben: warum ist sie diesen privaten oder beruflichen Weg gegangen? Wieso hat sie mit 16 mit dem Leistungssport aufgehört? Weshalb sammelt sie Steine? Warum fährt sie einen schrottreifen Bulli, wenn sie sich einen Ferrari leisten könnte? Wieso hat sie diese Ausbildung gemacht? Weshalb fährt sie jedes Jahr in den Harz? Warum bekriegt sie sich im Rathaus mit ihrem Parteifreund? Wieso lebt sie vegetarisch? Weshalb ist sie nie in ihren Heimatort zurückgekehrt? Warum war die Karriere wichtiger als die Familie (oder umgekehrt)? Weshalb kann sie Stuttgart, Schmetterlinge oder Sahnetorten nicht ausstehen? … Genau in diesen Fragen stecken möglicherweise die interessantesten Geschichten.

Sollte man sich all diese Fragen z. B. auch bei einem politischen Porträt stellen? Unbedingt! Denn es sollte in einem Porträt immer um den Menschen gehen, nicht um die heiße Luft, die dieser Mensch vor Wahlen herausbläst. Oberflächliches lesen wir Tag für Tag – das macht den Journalist_innen wenig Mühe, stiehlt aber den Interviewpartner_innen genauso wie den Leser_innen Zeit. Eine dem Anlass und der Person angemessene und gute Vorbereitung mag viel Arbeit sein und oft nur mager bezahlt werden. Doch sie lohnt sich inhaltlich – für Sie, weil Sie wesentlich bessere Interviews führen können, für die Leser_innen, weil sie tiefgründigere Porträts zu lesen bekommen, und für die Interviewpartner_innen, weil die Zeit, die sie in die Interviews investiert haben, mit einem fairen und interessanten Porträt belohnt wurde.

Es ist in der Regel besser, zu gut vorbereitet zu sein. Denn es gibt absolut keine Entschuldigung für Eingangssätze wie: „Ich soll über Sie schreiben, weiß aber gar nicht, was Sie so machen. Erzählen Sie doch mal.“ Und doch gehören sie für Interviewpartner_innen leider zum Alltag. Darauf werde ich noch in einem anderen Posting zurückkommen. Hier nur so viel: Zeigen Sie Respekt vor der Person, die Sie interviewen, indem Sie sich so gut wie es nur irgendwie geht vorbereiten.

(Dieses Posting ist Teil meiner Serie „Porträts schreiben„.)

Birte Vogel

Ich bin freie Journalistin & Autorin, schreibe Sachbücher (selbst und als Ghostwriterin) und coache Unternehmer_innen von der Idee bis zum fertigen Buch (auch hier vor Ort auf Amrum). Und ich berate Journalist_innen, wie sie aus ganz guten Porträts herausragende machen können.
Kontakt:
Tel.: 04682 – 96 842 37
E-Mail: vogel[at]nordsee-text.de

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