Porträts schreiben – Das Vorgespräch (7)

Porträts schreiben: Was hat Basketball mit einem Rabbiner zu tun? Das Vorgespräch hat's rausgebracht.
Porträts schreiben: Was hat Basketball mit einem Rabbiner zu tun? Das Vorgespräch hat’s rausgebracht. (Foto: Keith Allison – https://www.flickr.com/photos/keithallison/5481207318/. Lizenziert unter Creative Commons Attribution-Share Alike 2.0 über Wikimedia Commons)

Wenn Sie Porträts schreiben und Person, Termin und Ort feststehen, und wenn Sie bereits recht gut vorbereitet sind, sollten Sie sich nach Möglichkeit nicht sofort ins offizielle erste Interview stürzen. Wenn Zeit und Honorar es zulassen, sollten Sie ein informelles Vorgespräch mit der zu porträtierenden Person führen. Es gibt zwar Menschen, denen man nur eine einzige Frage stellen muss, damit sie zwei Stunden lang fast ohne Luft zu holen von sich selbst erzählen, egal, ob Sie mit jemandem aus der Familie oder live vor laufenden Fernsehkameras sprechen. Doch die meisten Menschen sind es nicht gewohnt, jemandem von der Presse Rede und Antwort zu stehen. Viele sind nervös und fühlen sich gar nicht wohl dabei, der gesamten Öffentlichkeit etwas über sich selbst erzählen zu müssen (auch wenn sie dem Porträt ganz freiwillig zugestimmt haben). Wenn sie jedoch wissen, dass beim Vorgespräch kein Mikrofon mitläuft und sie nicht hundertprozentig auf ihre Wortwahl achten müssen, dann geben sich die meisten Gesprächspartner_innen viel natürlicher und sprechen in der Regel sehr viel offener als in einer „echten“ Interviewsituation.

Bei einem Vorgespräch haben Sie also zum einen die Möglichkeit, Ihrem Gegenüber das Gefühl zu geben, sich entspannen zu können, weil es bei Ihnen in guten, respektvollen und professionellen Händen ist. Sie können jetzt schon das Vertrauen aufbauen, das die Basis für Ihr erstes Interview und alle weiteren bilden sollte (wie genau Sie Vertrauen aufbauen können, erkläre ich in einem anderen Posting).

Das Vorgespräch sollten Sie zum anderen aber auch dazu nutzen, mehr über den Menschen zu erfahren, der Ihnen da gegenüber sitzt. Nicht, indem Sie ihn löchern, um in der Kürze der Zeit alles Mögliche aus ihm herauszupressen, sondern um zu sehen, wie er tickt, worüber er gern spricht, wo er eher Hemmungen hat, was ihn antreibt, was er mag und was nicht.

Vorgespräche fördern oft unerwartete Details zutage

Wie im letzten Posting („Porträts schreiben – Ihre Haltung (6)) schon erwähnt: bleiben Sie offen dafür, dass Sie Ihr ursprüngliches Bild von dieser Person jederzeit revidieren können, dass Sie bei überraschenden Informationen oder Wendungen darauf einsteigen und nachhaken, und nicht stur an Ihrem fest gezimmerten Fragenkatalog festhalten.

Bei meinem Vorgespräch mit dem Rabbiner Dr. Gábor Lengyel für mein Buch wusste er, dass es ein informelles Gespräch ohne Fotografen sein würde. Deshalb war er ein wenig leger gekleidet und trug Sportschuhe. Wäre das Interview unser erstes Gespräch gewesen, hätte ich ihn lediglich in für das Foto blankgeputzten schwarzen Lederschuhen gesehen und möglicherweise nie etwas über seine Leidenschaft für Basketball erfahren. Erst nachdem ich ihn auf die Sportschuhe angesprochen hatte, erzählte er mir davon. Auf diese Weise erhielt ich ein kleines Detail, das dem Porträt des Rabbiners eine, wie ich finde, schöne und für viele Leser_innen sicher auch unerwartete Facette hinzugefügt hat.

Halten Sie das Vorgespräch locker und entspannt. Der Fokus sollte die Vertrauensbildung sein. Schreiben Sie trotzdem ruhig ein paar Stichworte mit, um das Gesagte nicht zu vergessen, aber auch als Erinnerung für eventuelle Nachfragen im Interview oder für weitere Recherchen. Die Informationen, die Sie in diesem Gespräch erhalten, sollten Sie jedoch mit viel Fingerspitzengefühl behandeln, wenn Sie am Ende das Porträt schreiben. Gerade bei Menschen, die den Umgang mit Journalist_innen noch nicht kennen, kann es sein, dass sie Ihnen zu viel Privates anvertrauen, das dann nichts im Porträt zu suchen hat.

Schließlich sollten Sie Ihrem Gegenüber während des Vorgesprächs auch noch erklären, wie das mit den Interviews und den Fotos laufen wird und welchen thematischen Fokus das Porträt haben soll. Das hilft insbesondere jenen, die selten oder nie mit der Presse zu tun haben, sich darauf einzustellen, inhaltlich ein bisschen vorzubereiten und ggf. Hintergrundmaterial für Sie herauszusuchen, das Ihnen sonst vielleicht nicht zur Verfügung gestanden hätte.

Birte Vogel

Ich bin freie Journalistin & Autorin, schreibe Sachbücher (selbst und als Ghostwriterin) und coache Unternehmer_innen von der Idee bis zum fertigen Buch (auch hier vor Ort auf Amrum). Und ich berate Journalist_innen, wie sie aus ganz guten Porträts herausragende machen können.
Kontakt:
Tel.: 04682 – 96 842 37
E-Mail: vogel[at]nordsee-text.de

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