Wenn eine Zeitung das Maß verliert

Auf etwas mehr als einer halben Seite: Zündstoff in der Siegener Zeitung vom 30.10.2013 (Screenshot der pdf-Datei des Artikels)
Auf etwas mehr als einer halben Seite: Zündstoff in der Siegener Zeitung vom 30.10.2013 (Screenshot der pdf-Datei des Artikels)

Am 30. Oktober 2013 erschien in der Printausgabe der Siegener Zeitung (Lokalteil, Seite 3) ein etwas mehr als halbseitiger Artikel betitelt „Eine Entwicklung mit Zündstoff“. Hauptaussage des Artikels war, dass in der Gemeinde Burbach die Zunahme von Ladendiebstählen sowie zwei Körperverletzungen durch Asylbewerber Angst und Schrecken in der Bevölkerung verbreiten, insbesondere bei dem weiblichen Ladenpersonal Burbachs. Im Artikel kommt der Bürgermeister der Gemeinde zu Wort, ein Sprecher der betroffenen Händler, eine Händlerin sowie die Pressesprecherin der Erstaufnahme-Einrichtung, aus der ein Großteil der besagten Diebe stammte. Ihre Zitate beziehen sich auf das gestohlene Diebesgut, das Vorgehen einiger Diebe, die Maßnahmen der Gemeinde, der Händler und der Einrichtung gegen weitere Diebstähle. Ein geschätztes Sechstel des Textes bezog sich auf jene Personen aus dieser Einrichtung, die keine Diebstähle begehen.

Brandgefährliche Entwicklung? Mafia? NSA?

Ein Artikel wie jeder andere in einer Lokalzeitung, scheint es. Doch wer genau hinschaut, stellt fest, dass hier eine halbe Zeitungsseite darauf verwendet wurde, aus sieben Ladendiebstählen und einem Ehestreit ein Schreckensszenario zu konstruieren. Wetter gibt mit dem Titel, dessen stärkstes Wort er gleich im dritten Satz noch einmal wiederholt („Nun gibt es richtig Zündstoff“), die Richtung vor.

Der Text beinhaltet Sätze wie „beklagen nicht wenige Angestellte – vornehmlich weibliche -, sich bei der Ausübung ihrer Arbeit derzeit nicht mehr sicher zu fühlen“, „sind es mehrheitlich die jüngeren Flüchtlinge, die Angst verbreiten“, „Offiziell dürfen bzw. wollen die Ladeninhaber und ihre Angestellten nichts sagen. Zu sensibel sei das Thema.“, „Zudem wolle man keine Stimmung machen“, „zu sehr brennt das Thema unter den Nägeln“, „Aus diesem Grund habe man die Polizeipräsenz im Ort verstärkt“. Auf den ersten Blick und jeder für sich genommen scheinen diese Sätze ganz sachlich Tatsachen und Aussagen wiederzugeben.

Doch es geht hier um gerade einmal sieben Ladendiebstähle und einen handgreiflichen Ehestreit, die aber auf einer halben Seite behandelt werden und mit „Zündstoff“ überschrieben sind. Dies allein impliziert schon, dass es sich hier um eine außergewöhnliche und brandgefährliche Entwicklung handeln muss, die eine Gefahr für die gesamte Bevölkerung Burbachs darstellen könnte. Hinzu kommt, dass Wetter „nach gesicherten SZ-Informationen“ berichtet und einige Informationen „aus sicherer Quelle“ erfahren haben will – was Assoziationen einer Ermittlung gegen die Mafia oder den NSA hervorruft. Bei sieben Ladendiebstählen und einem Ehestreit. Anders als der Journalist bewertet der Sprecher der betroffenen Händler die Lage laut Artikel so: „Wir sprechen hier von einzelnen ,schwarzen Schafen’.“

Zeitungen schaffen Realitäten

In vielen Gegenden Deutschlands wächst 21 Jahre, nachdem in Rostock-Lichtenhagen ein Haus voller Asylbewerber von jubelnden Deutschen in Brand gesteckt wurde, die Ausländerfeindlichkeit und gipfelt in zunehmenden Märschen von Neonazis und anderen Rechtsgerichteten gegen die Aufnahme von Flüchtlingen. Mit Hinblick auf diese stete Bewegung nach rechts frage ich als Journalistin mich, ob es angemessen ist, einen Bericht mit derart suggestiver Sprache über vergleichsweise geringfügige Geschehnisse auf Seite 3 über eine halbe Seite laufen zu lassen. Oder ob es nicht eher die Aufgabe einer vermeintlich neutralen Zeitung ist, in diesen Zeiten noch stärker auf einen neutralen Gebrauch der Sprache und eine Ausgewogenheit der Fakten zu achten, anstatt durch suggestive Sprache und Übertreibungen neue Realitäten zu schaffen.

„Nie darf ein Zweifel daran bestehen, dass ich als Reporter verantwortlich bin für die Realität, die ich mit meiner Geschichte schaffe.“

Dies war einer der Grundsätze des kürzlich verstorbenen Spiegel-Reporters Jürgen Leinemann. Eine Zeitung wie die Siegener Zeitung, die von jeher sehr konservativ geprägt war, die in Zeiten des Dritten Reichs als Sprachrohr der Nazis fungiert hat – müsste es sich so eine Lokalzeitung nicht erst recht zur Aufgabe machen, mit allen Kräften neutral zu berichten? Wohlgemerkt: es handelt sich bei dem Artikel nicht um einen Kommentar, sondern um einen Bericht.

Eine Kurzversion des Printartikels wurde noch am selben Tag auf der Website der Siegener Zeitung veröffentlicht (s. Screenshot). Er war von über 7.000 Zeichen auf nicht einmal 2.000 Zeichen zusammengekürzt worden. Sämtliche Zitate waren gestrichen, auch die Fürsprache für die Flüchtlinge durch den Händler-Sprecher. Übrig blieben Sätze wie „Nun gibt es richtig Zündstoff“, „Wie die SZ aus sicherer Quelle erfahren hat, sind bis heute weitere Anzeigen erfolgt.“ und „Fast täglich könnte die Pressestelle ihre Zahlen korrigieren.“ Der Artikel schließt mit „Darüber hinaus beklagen nicht wenige Angestellte – vornehmlich weibliche -, sich bei der Ausübung ihrer Arbeit derzeit nicht mehr sicher zu fühlen.“ Es gab keinen Hinweis darauf, dass es eine ausführlichere Version dieses Artikels in der Printausgabe gibt. Somit stellte der Online-Artikel die Situation aufgrund dieser Kürzung noch verzerrter dar.

Kaum Moderation der Diskussion auf Facebook

Ein Link zum Online-Artikel wurde auf der Facebook-Seite der Siegener Zeitung und auf anderen Siegener Facebook-Seiten gepostet, was dort zahlreiche Reaktionen hervorrief. Nachdem einige LeserInnen den Online-Artikel in ihren Facebook-Kommentaren als unsachlich und aufhetzend anprangerten, folgten zahlreiche ausländerfeindliche und rechtsgerichtete Kommentare wie „direkt zurück in die Heimat schicken ohne wenn und aber“ oder ein Ruf nach einem neuen Adolf Hitler. Die jeweiligen Betreiber der Facebook-Seiten griffen nur unwesentlich moderierend ein, bei der Siegener Zeitung wurde lediglich bei Kommentaren, die sich auf die journalistische Qualität des Artikels bezogen, moderierend eingegriffen. Bei der Polizei Siegen-Wittgenstein liefen unterdes mehrere Anzeigen gegen einige der Kommentatoren ein.

In der Folge griffen andere Medien diese Vorgänge auf, darunter der SiegerlandKurier, Der Westen und Die Ruhrbarone. Sie kamen jedoch zu einem ganz anderen Schluss als die Siegener Zeitung: Sie fanden, nicht die Taten der Asylbewerber seien Zündstoff, sondern die Siegener Zeitung zündele selbst. Einige Fans der Sportfreunde Siegen protestierten bei einem Spiel des Regionalligisten mit einem Transparent mit der Aufschrift „Refugees welcome“ (Flüchtlinge sind willkommen).

Ich habe bei Michael Wetter, dem Journalisten beider Artikel, nachgefragt, wer den Artikel für die Online-Fassung gekürzt habe, ob er selbst die beiden Artikel (Print und Online) für ausgewogen und sachlich halte, wie er zu der durch den Artikel ausgelösten ausländerfeindlichen Hetze auf Facebook stehe, ob er bei sich selbst eine Verantwortung dafür sehe und ob er daraus Konsequenzen ziehen werde. Ich habe bis zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Blogposts keine Antwort erhalten.

Chefredakteur weicht aus

Ich habe darüber hinaus beim Chefredakteur der Siegener Zeitung, Dieter Sobotka, u. a. um Stellungnahme zur Ausgewogenheit und Sachlichkeit beider Artikel sowie zu seiner Verantwortung und den Konsequenzen, die er daraus zieht, gebeten. Sobotka schrieb, nachdem, wie er sagte, weitere Anfragen dieser Art an ihn gerichtet wurden, 17 Tage nach Erscheinen des Artikels einen Leitartikel in der Printausgabe der Siegener Zeitung von Samstag, dem 16.11.2013. Er betitelte ihn mit „Der falsche Weg. Verschweigen löst keine Probleme“ und weicht darin dem, was ihm in seiner Position als Chefredakteur anzulasten ist, aus. Er schreibt, der Umbau der Website der Siegener Zeitung sei der Grund, warum der Artikel online wesentlich verkürzt worden war. Allerdings startete die neue Website erst 5 Tage nach Erscheinen des Artikels. Und einige Zeit später wurde die verkürzte Version „auf Grund der Diskussionen in den vergangenen Tagen über diesen Online-Artikel“ um die (nicht einmal html-befreite) Version des Printartikels verlängert.

Chefredakteur Sobotka schreibt außerdem in seinem Leitartikel: „Leider befinden wir uns in einigen Bereichen bereits auf einem „Schweigemarsch“. Wir sind in der medialen wie in der öffentlichen Diskussion dabei, Ereignisse zu „bereinigen“ und auch bei der Integration von Menschen Probleme auszublenden oder zumindest zu kaschieren.“
Auch damit geht er dem eigentlichen Thema aus dem Weg. Denn der Siegener Zeitung wurde nicht vorgeworfen, über die falschen Probleme zu schreiben, sondern es ging darum, dass sie Probleme überhaupt erst entstehen lässt, indem sie unausgewogen schreiben lässt und eine Anzahl von sieben Ladendiebstählen und einem Ehestreit in einem halbseitigen, suggestiven Artikel zu einer Größe aufbläst, die den realen Vorgängen und Zuständen gar nicht entspricht. Dass die Siegener Zeitung über Schokoriegel- und Nähgarndiebstähle in ähnlicher Zahl, die von Menschen mit deutscher Staatsbürgerschaft begangen wurden, berichtet, muss man nach Lage der Dinge bezweifeln.

Sobotka hat sich mit seinem Leitartikel keinen Gefallen getan. Er zieht im Zusammenhang mit einer Frage nach der Legitimität eines halbseitigen Artikels einen Vergleich zu Gesprächen über Moschee-Neubauten und ihre Minarette oder über Sozialbetrug – Diskussionen, deren Gründe seiner Ansicht nach ausgeblendet oder kaschiert würden. Er ereifert sich darüber, dass Menschen, die über solche Dinge sprächen, rein aus Bequemlichkeit und ganz automatisch „virtuelle Springerstiefel verpasst“ bekämen. Und schreibt wenig später, es sei der Lokalredaktion in Burbach klar gewesen, dass „ein Bericht über Verfehlungen von Asylsuchenden Vorurteile schüren würde“. Doch war man nicht der Ansicht, dass ein in dieser Weise verfasster Bericht Vorurteile gegenüber Asylsuchenden und AusländerInnen schüren würde, sondern „Vorurteile gegenüber der Siegener Zeitung, begleitet vom Vorwurf, sie spiele Rechten in die Hände“.

Sachliche Richtigkeit darf nicht der einzige Gradmesser sein

Sobotka schreibt, Probleme würden nicht verschwinden, wenn man sie ausblende. Stimmt. Das gilt auch für Probleme innerhalb einer Redaktion, die bis zur höchsten Stelle nicht erkennt, mit welcher Art von parteinehmender, aufwiegelnder Sprache und unausgewogener Berichterstattung ihr eigenes Blatt an die Öffentlichkeit tritt.

Auf meine Frage der Ausgewogenheit, die ein wichtiges Merkmal eines guten journalistischen Berichtes ist, geht Sobotka nicht ein. Für ihn stellt sich das Ganze so dar: „Im Online-Artikel fehlten Passagen, gleichwohl sind beide Berichte sachlich richtig.“ Sachliche Richtigkeit ist jedoch nicht das einzige Merkmal eines Berichtes. Auch die Sprache und die Auswahl der Aussagen und Zitate spielen eine ganz wesentliche Rolle. Sie entscheiden über die Neutralität eines Artikels und über die Möglichkeiten der LeserInnen, sich ein eigenes Bild machen zu können. Dass der Online-Artikel durch das Weglassen der Zitate und anderer Textstellen eine ganz andere Aussage trifft als der Print-Artikel, sieht der Chefredakteur nicht.

Die Konsequenz Sobotkas aus der ganzen Sache ist: „Komplexe Sachverhalte werden nicht mehr in Online-Artikeln verkürzt dargestellt.“ Und seit dem 30. Oktober vermeldet auch die Facebook-Seite der Siegener Zeitung nichts anderes mehr als Standorte von Radarfallen auf Straßen rund um Siegen. Ist das der Gang einer Zeitung ins 21. Jahrhundert?

Ein Blick auf fehlende Fakten

Was die Fakten des Artikels von Michael Wetter betrifft, wäre dem Artikel der Ausgewogenheit halber noch Folgendes hinzuzufügen:

Es sind im Durchschnitt etwa 400 bis 450 Flüchtlinge vorübergehend in Burbach untergebracht. Sie kommen aus Kriegsgebieten oder sahen in ihrer Heimat keine Zukunft mehr und wagten deshalb eine oft lebensgefährliche Flucht in ein hoffentlich besseres Leben. Sie haben ihre Familien, ihr Zuhause, alles, was sie kannten und was ihnen vertraut war, zurückgelassen oder zurücklassen müssen.

Sie sind in einem Land angekommen, wo sie in alten Militärkasernen untergebracht sind, wo sie nichts mehr selbstbestimmt tun dürfen und wo sie in keiner Minute sicher sein können, ob sie dauerhaft bleiben dürfen oder ob sie wieder weggeschickt werden. Sie dürfen nicht arbeiten, um sich selbst ihre Angehörigen selbstständig versorgen zu können, und viele bekommen erst nach Monaten die Möglichkeit, die deutsche Sprache zu lernen.

Sie sind auf unbestimmte Zeit von der Barmherzigkeit und dem Wohlwollen eines Staates und seiner BürgerInnen vollkommen abhängig. Auf Gedeih und Verderb. Wer nicht weiß, wie es Flüchtlingen körperlich und psychisch geht und unter welchem Druck sie stehen, sollte sie einmal fragen, oder zumindest diejenigen, die während des Dritten Reichs ihre Heimat verlassen und hier im Westen, wo sie oftmals nicht willkommen waren, versuchen mussten, wieder Fuß zu fassen. Sie durften jedoch arbeiten – ein Fakt, der vielen ihre Menschenwürde wieder zurückgegeben hat.

Der stellvertretende Pressesprecher der Polizei Siegen-Wittgenstein, Meik Reichmann, sagte mir, das Diebesgut aus den Ladendiebstählen sei ausschließlich Ware zum alltäglichen Bedarf gewesen, u. a. Nähgarn und Schokoriegel. Er relativierte das Bild, das die Siegener Zeitung zeichnete: „Es waren keine schwerwiegenden Eigentumsdelikte. Die Körperverletzungen waren minderschwer – ein Ehepaar hatte sich gestritten und es war zu Handgreiflichkeiten gekommen. Was die Diebstähle innerhalb der Einrichtung angeht, wurden diese nicht zur Anzeige gebracht. Genauso hat es keine Anzeigen oder Meldungen seitens weiblichen Ladenpersonals wegen des Gefühls der Bedrohung gegeben.“ Reichmann fügte hinzu: „Straftaten werden in Burbach aber auch passieren, wenn die Flüchtlinge wieder weg sind.“

Aussagen werfen ein anderes Licht auf die Vorgänge

In den ehemaligen Siegerland-Kasernen sind laut Christoph Söbbeler, dem Pressesprecher der für Flüchtlingsfragen in Nordrhein-Westfalen zuständigen Bezirksregierung Arnsberg, Kriegs- und Armutsflüchtlinge aus Syrien und anderen Ländern untergebracht. Burbach sei für sie eine Übergangsstation, von der aus sie in der Regel nach drei bis fünf Tagen nach Dortmund und Bielefeld weiterverteilt würden. „Sie erhalten in Burbach Unterkunft, Bekleidung und Mahlzeiten. Bargeld erhalten sie meistens erst dann, wenn sie nach Dortmund oder Bielefeld kommen.“

Dieses sogenannte „Taschengeld“ beliefe sich auf 144 Euro monatlich für Erwachsene und 80 Euro monatlich pro Kind. Sollten sie aus verwaltungstechnischen Gründen länger als 3-5 Tage bleiben müssen, würde ihnen das Taschengeld anteilig auch schon in Burbach ausgezahlt. „Wie viel Bargeld die Flüchtlinge selbst mitbringen“, so Söbbeler, „wissen wir ebenso wenig wie die Anzahl der Tage oder Wochen, die die Flüchtlinge bereits auf der Flucht sind.“

Er sagt weiter, die Bezirksregierung „ist der Gemeinde Burbach sehr dankbar. Wir haben großen Respekt davor, dass die Unterbringung der Flüchtlinge so kurzfristig, problemlos und pragmatisch vor sich ging.“ Eine nicht unbedeutende Aussage, die die Stimmung innerhalb der Gemeinde Burbach in einem anderen Licht erscheinen lässt als der Artikel der Siegener Zeitung. Normalerweise schlagen sich die Orte ja nicht darum, Flüchtlinge aufzunehmen, wie Meldungen aus Orten wie Schneeberg oder Berlin-Hellersdorf nur allzu deutlich zeigen. „Aber wenn es so positiv läuft, muss man das auch mal sagen“, so Söbbeler. „Es kommt immer wieder mal zu solchen unerwünschten Ladendiebstählen“, relativiert auch er die Aussage des Artikels, „aber die kommen unter Umständen auch in einer Kommune ohne eine Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge vor.“

Journalismus muss Hilfsmittel zur Meinungsbildung sein, nicht Meinungsbilder

Fakten und Aussagen, die ein wesentlich vollständigeres Bild der Situation liefern und die auch Michael Wetter mit nur einem Telefonanruf hätte bekommen können.

Die Aufgabe des Journalismus, sagt Kulturjournalistin Susanne Gurschler im Interview, sei es „zu helfen, die Welt zu verstehen“, und dies geschehe durch „Orientierung, Information, Meinungsbildung – wobei ich mit Meinungsbildung meine, dass die Leser sich ihre eigene Meinung bilden können sollen, nicht, dass ich ihnen meine Meinung vorgebe.“

Journalismus kann nie vollkommen objektiv sein, doch haben JournalistInnen die Aufgabe, so objektiv und wahrheitsgerecht wie möglich zu berichten – sowohl was die Fakten betrifft, als auch was die Wahl ihrer Worte und die Länge und Platzierung eines Artikels betrifft. Im Fall der Siegener Zeitung ist dies nicht geschehen – sie hat damit das neutrale Maß verloren und zur Polarisierung und Verstärkung pauschaler Vorurteile gegenüber Hilfsbedürftigen in einer Gemeinde beigetragen, die sich bislang auf positive Weise für die Flüchtlinge eingesetzt hat.


(Zuerst veröffentlicht am 18.11.2013 auf „Schreiben als Beruf“.)