Das ist so gefährlich an "Pegida": der erneute Marsch mit den Rechtsextremen. Und wieder sieht's niemand, hört's niemand, sagt's niemand? (Foto: Rolf Handke / pixelio.de)

Was ist so gefährlich an „Pegida“?

15.000 Menschen sollen es gewesen sein, die zuletzt in Dresden mitmarschiert sind mit „Pegida“, den selbsternannten „Patriotischen Europäern gegen die Islamisierung des Abendlandes“.

15.000 Menschen!

Viele von ihnen protestieren, so ist es einigen Medienberichten zu entnehmen, weil sie frustriert sind, weil sie Angst haben, und weil sie das Gefühl haben, dass die Politik nichts für sie tut, sondern nur für andere (in diesem Fall Menschen, die vor Krieg, Verfolgung, Vergewaltigung flüchten). Angesichts einer Reihe von Regierungen, deren jahrzehntelanges Scheuklappen-Credo vom ewigen Wachstum die Taschen einiger Weniger bis zum Bersten gefüllt, dabei aber einen großen Teil der Bevölkerung völlig abgehängt hat, mögen manche denken, solche Ängste seien ganz legitim. Das wären sie auch, würden sie nicht – wie in diesem Fall – von ganz rechts entzündet und geschürt. Von dort, wo man seit dem Überraschungserfolg der AfD Morgenluft wittert.

Das ist so gefährlich an "Pegida": der erneute Marsch mit den Rechtsextremen. Und wieder sieht's niemand, hört's niemand, sagt's niemand? (Foto: Rolf Handke / pixelio.de)
Das ist so gefährlich an „Pegida“: der erneute Marsch mit den Rechtsextremen. Und wieder sieht’s niemand, hört’s niemand, sagt’s niemand? (Foto: Rolf Handke / pixelio.de)

Sie sind alles andere als ahnungslos

Dass Menschen ihre Sorgen und ihre Wut bei Demonstrationen äußern, ist normalerweise ein Zeichen für eine gesunde Demokratie mit Meinungsfreiheit. Ihre Meinungen muss man nicht teilen, doch muss man sie tolerieren, solange sie unsere Gesetze nicht verletzen und niemandem Schaden zufügen. Gerade Letzteres ist jedoch längst nicht mehr der Fall. Und so mehren sich die Gegenstimmen, die den Rufen der Pegida („Wir sind das Volk!“) antworten: „Ihr seid eben nicht das Volk!“ –  angesichts der wachsenden Zahlen von Demonstrant_innen (15.000 allein in Dresden) ist diese Entgegnung jedoch zu einfach. Genauso einfach macht man es sich mit Begriffen wie „Wutbürgern“ und „Frustbürgern“ oder mit dem Hinweis auf das einstige „Tal der Ahnungslosen“. Denn sie sind alles andere als ahnungslos. Sie wissen ganz genau, was sie da tun und mit wem.

Manche Beobachter_innen schütteln verständnislos den Kopf oder werden wütend, wenn eine Bewegung wie „Pegida“ ausgerechnet das schwächste Glied unserer Gesellschaft als Problem identifiziert: nämlich jene Menschen, die alles verloren haben, ihre Heimat, ihre Familien, alles, was sie kannten und was ihnen lieb war. Und die jetzt bei uns vorübergehend Zuflucht und Schutz suchen. Dass sie nun zu Sündenböcken gemacht werden, dazu haben allerdings sowohl Politik als auch Medien einen großen Teil beigetragen.

Viele belächeln, dass an einem Ort, an dem so ziemlich die wenigsten Menschen aus anderen Ländern leben, nun ausgerechnet gegen Menschen aus anderen Ländern demonstriert wird. Sie nehmen „Pegida“ deshalb nicht erst und glauben, dass das Ganze über Weihnachten ohnehin im Sand verlaufen wird. Vielleicht wird es das – doch der Stachel sitzt. Und die Wunde wird schwären – die Ausländerfeindlichkeit in Deutschland und die chronische Blindheit auf dem rechten Auge werden durch Belächeln nicht verschwinden.

Tausende Bürger_innen machen sich mit Rechtsextremen gemein

Und bei all dem übersehen viele etwas, das in meinen Augen so besonders gefährlich an „Pegida“ und diesen Demonstrationen und der größte Skandal ist: dass hier nämlich Tausende Bürger_innen nicht das geringste Problem damit haben, gemeinsam mit Rechtsextremen und Neonazis zu marschieren. Damit ist eine Schranke aufgegangen, die niemals wieder hätte aufgehen dürfen.

„Wir haben die schlimmsten rechtspopulistischen, antisemitischen, rassistischen Aufmärsche seit 1945. […] Man kann jetzt im Detail beobachten, wie völkische Bewegung entsteht.“
(Jutta Ditfurth in der Kulturzeit)

So groß kann und darf aber keine Wut, keine Angst, kein Frust dieser Welt sein, dass man sich mit Menschen gemein macht, die den Nationalsozialismus verherrlichen, den Holocaust entweder leugnen oder aus tiefstem Herzen befürworten, die Hass gegen andere Menschen, gegen unsere Demokratie und unsere Freiheit säen. Egal wie (vermeintlich) gleich die Ziele sind. Was fällt diesen Menschen eigentlich ein, sich hier in diesem Land, keine 70 Jahre nach Kriegsende, Seite an Seite mit Rechtsextremen auf die Straße zu stellen und laut im Chor zu brüllen? Dabei ist es vollkommen egal, ob es nur eine_r oder mehr als zehntausend Rechtsextreme sind, mit denen man da marschiert.

Was muss man nun aus der Tatsache schließen, dass es doch so viele tun, und dass sich 15.000 Demonstrant_innen mit Rechtsextremen solidarisieren? Muss man automatisch daraus schließen, dass all diese Demonstrant_innen im Grunde mehr oder weniger fest davon überzeugt sind, dass die Neonazis, die Rechtsextremen und Leute wie die von der NPD und der AfD doch gar nicht so unrecht haben? Dass sie möglicherweise wirklich alle rechtsextrem denken? Der Gedanke liegt durchaus nahe.

Rechtsextremismus oder Paradebeispiel für politische Dummheit?

Es sei denn … Kennen Sie „Biedermann und die Brandstifter“ von Max Frisch? Wenn nicht, lege ich Ihnen die Lektüre sehr ans Herz. Denn das, was gerade in Dresden passiert, ähnelt nur allzu sehr dem, was bei Frisch passiert: Biedermann gibt den Brandstiftern einen Unterschlupf, hilft ihnen gar, die Zündschnur für ihr Verbrechen zu vermessen. Und am Ende gibt er ihnen noch die Streichhölzer, mit denen sie sein Haus in Brand stecken – alles in dem Glauben, dass sie das, was sie laut verkünden: nämlich Häuser anzuzünden, eigentlich gar nicht so meinen. Denn kein Mensch kann so etwas ernst meinen. Oder?

Das Stück ist, so Wikipedia, „ein Paradebeispiel für die politische Dummheit“ der Bürger_innen. Und genauso ist Pegida ein Paradebeispiel für die unfassbare politische Dummheit jener, die sich machtlos fühlten und nun im Sog des Gefühls, „endlich“ für „das Richtige“ aufzustehen, ausgerechnet mit Rechtsextremen gemein machen.

Falls Sie jetzt denken sollten: „Na gut, Dummheit ist nicht strafbar. Also, was soll’s?“ – dann haben Sie in den letzten Wochen nicht genau genug Zeitung gelesen. Denn u. a. auf Spiegel Online stand, dass die CDU in Thüringen gerade – laut SpOn sogar mit dem Segen der Bundeskanzlerin – bislang kategorisch ausgeschlossene, nun aber dann doch sehr konkrete Kooperationsgespräche für einen gemeinsamen Ministerpräsidentschaftskandidaten mit der AfD geführt habe. Und wo die AfD steht, bewies Bernd Lucke spätestens am Wochenende bei Günther Jauch (s. u. a. ab Minute 34:15) und beweisen die AfD-Mitglieder, die bei „Pegida“ dabei sind.

Ganz einträchtig marschieren also nun Biedermanns Nachkommen wieder Seit‘ an Seit‘ mit Rechtsextremen durch Deutschland.

Ein Schelm, wer Böses dabei denkt?

Birte Vogel

Ich bin freie Journalistin & Texterin und schreibe Pressetexte, Webtexte, Imagetexte, Reden, Fach- und Sachbücher, Handouts, Newsletter, Broschüren, Editorials, Porträts, Kolumnen, Blogtexte, Biografien, Chroniken u. v. m. für Medien, Selbstständige und Unternehmen.

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Tel.: 04702 - 521 79 60
E-Mail: post[at]birtevogel.de

5 Gedanken zu „Was ist so gefährlich an „Pegida“?

  1. Danke für diesen klugen Blick!
    Ich würde jedoch gerne „politische Dummheit“ mit „politische Faulheit“ ergänzen.
    Damit meine ich meine ganz eigene, denn ich habe mich seit vielen Jahren einer politischen Diskussion verweigert. Es lief doch alles prima und meiner Bürgerpflicht bin ich ja nachgekommen, in dem ich meine Steuern halbwegs pünktlich, (wenn auch zähneknirschend) entrichtet habe.
    Hie und da noch eine kleine Spende, um das Gewissen zu beruhigen und ansonsten nix.
    Ich fürchte, dass ich mit dieser Haltung nicht alleine bin, denn die sinkende Wahlbeteiligung spricht für diesen Trend.
    Aus dieser „politischer Faulheit“ u. a. ist das Vakuum entstanden, den die Populisten jetzt bedauerlicherweise erfolgreich und laut ausfüllen.
    Die Frage für die Zukunft muss also lauten: Was kann ich dazu beitragen, dass in Deutschland eine Zivilgesellschaft entsteht, in der Radikale – egal aus welcher Richtung sie auch kommen – von vornherein gar keine Chance bekommen mit ihren kruden Verschwörungstheorien und Erlösungsphantasien Menschen zu infizieren.
    Extremisten jedweder Couleur sind nicht die wahren Gefährder unserer Freiheit und Demokratie.
    Der grösste Feind ist unsere Gleichgültigkeit.

    Herzliche Grüsse,
    Etelka

    • Liebe Etelka,

      Du hast ganz recht, die politische Faulheit und die Gleichgültigkeit sind neben der politischen Dummheit sehr schwerwiegende Faktoren. Aber dass so viele Menschen mittlerweile gegen diese „X-gida“-Gruppen auf die Straße gehen, ist ja eigentlich ein Zeichen dafür, dass es doch eine Menge Leute gibt, die sich selbst die Frage nach der Zukunft zumindest schon mal mit „so jedenfalls nicht“ beantwortet haben. Ich hoffe, dass Faulheit und Gleichgültigkeit am Ende nicht wieder überwiegen und die Wahlbeteiligung und das Mitdenken weiter sinken. Denn bis dahin wäre die Gesellschaft wieder ein ganzes Stück weiter nach rechts gerückt. Wie das dann weitergeht, sieht man ja u. a. an Frankreich und Ungarn.

      Liebe Grüße
      Birte

  2. Na ja, wenn man der Lügenpresse alles unvoreingenommen glaubt, dann kann man wirklich zu diesem Schluß kommen. Und da wären wir schon wieder bei den bösen Nazis: Lügenpresse, so wird kolportiert, sei ein Kampfbegriff von Joseph Goebbels. Wer der Lügenpresse und überhaupt der politisch-medialen Klasse aber nicht alles glaubt und selber nachschaut, der wird fündig: Lügenpresse wurde schon im Kaiserreich und viel später von der 68er Bewegung als Kampfbegriff verwendet.
    Aber wenn man sich nicht informiert, dann bleibt man eben in der Deutungshoheit der politisch-medialen Klasse hängen. So wundert es dann auch nicht, daß friedlich spazieren gehende Menschen plötzlich „marschieren“ oder gar „aufmarschieren“.
    Übrigens hat der Verfassungschutz erst kürzlich bekannt gegeben, daß Rechtsextreme keinen Einfluß auf die Pegida haben. Das könnte man geflissentlich einmal zur Kenntnis nehmen; man muß eben nur den „Qualitätsjournalismus“ der Lügenpresse beiseite legen und sich im Einzelfall selber informieren.
    Ganz anders hingegen der Einfluß gewalttätiger Linksextremisten, die jetzt sogar mit Mord gegen Pegida-Anhänger drohen, auf die herrschende politisch-mediale Klasse. Immerhin verbrüderte sich der Oberbürgermeister von Hannover, Stefan Schostok mit diesem faschistoiden Mob. Daß diese Gewalttäter andere daran hindern, ihre Meinung frei zu äußern, ihr Grundrecht auf Versammlungsfreiheit wahrzunehmen feiert er zusammen mit diesen Gewalttätern als Sieg. Als Sieg über die Demokratie? Einheitlich schwarz uniformierte Gewalttäter wollen die Meinungsvielfalt niederknüppeln. Sie skandieren von Toleranz und Vielfalt, aber praktizieren das diametrale Gegenteil. Toleranz lassen sie nicht zu, Meinungsvielfalt wollen sie verhindern.
    Pegida hat in ihrem 19-Punkte-Papier aufgeführt, daß „Menschen, die vor Krieg, Verfolgung, Vergewaltigung flüchten“ selbstverständlich auch bei uns Zuflucht finden müssen; das sei ein Gebot der Menschlichkeit. Wenn das in so genannten „Medienberichten“ dann ins Gegenteil verkehrt wird, darf man ruhigen Gewissens auf das Etikett „Lügenpresse“ verweisen.
    Ein beliebter Vorwurf, der auch hier gerne wiederholt wird, lautet ja auch: <>
    Erstens geht es nicht um Menschen aus anderen Ländern, sondern ursprünglich um Moslems, die sich nicht an unsere christlich geprägte Gesellschaft anpassen wolllen, sowie um diejenigen „Islamversteher“, die der Meinung sind, man müsse diesen Menschen, die unsere Gesellschaft und unsere Lebensweise ablehnen, mit Zugeständnissen entgegenkommen. Es geht also um die schleichende Islamisierung, die wir nicht wollen. Was die Moslems, die bei uns leben, in ihrer Wohnung machen, ob sie dort auf ihrem Gebetsteppich durch die Zimmer fliegen und hundert Mal am Tag gen Mekka knieen und was auch immer beten, das alles geht niemanden etwas an. Aber außerhalb ihrer vier Wände haben sie sich an die Gepflogenheiten ihrer Gastgeber zu halten. Wenn sie das nicht wollen, gibt es genügend andere Länder, in denen sie mit ihren islamischen Lebensgewohnheiten willkommen sind. Appeasement war noch nie von Erfolg gekrönt.
    Im übrigen gibt es in der Nord- und Ostsee auch keine Tsunamis. Das bedeutet, daß ein Unglück, wie das in Fukushima hier völlig unvorstellbar ist. Trotzdem hat die Angst davor zur Kehrtwende von der Kehrtwende der Kehrtwende in der Energiepolitik und zum direkten Ausstieg aus der Kernenergie geführt (die ich ebenfalls ablehne, aber aus ganz anderen Gründen). Ende vorigen Jahres demonstrierten in München 20000 Menschen gegen Pegida, obwohl es in München gar keine Pegida gab. Auch das könnte man belächeln. Dort hetzte dann ein verurteilter Drogenkrimineller (Konstantin Wecker) über Pegida und alle jubelten ihm zu, während über den ehemaligen Orga-Leiter der Pegida, Lutz Bachmann, der auch ein drogenkriminelles Vorleben hat, mächtig hergezogen wurde. Wie war das noch mit dem Glashaus und den Steinen?
    Daß Pegida Demonstranten vor ca. 0,4% Moslems in Dresden Angst hätten, wird belächelt, daß aber die politisch-mediale Klasse bei ca. 0,05% Demonstranten für Pegida das große Zittern bekommt, stimmt doch bedenklich. Offensichtlich sind sie sich dessen bewußt, daß sie ihre Macht verlieren könnten, daß ihnen die Fleischtöpfe aus denen sie sich großzügig bedienen, plötzlich nicht mehr so einfach zur Verfügung stehen könnten. Denn ihre Macht haben sie über andere Menschen nur, wenn sie sie über ihre Angstgefühle gefügig machen: Angst vor Atom, Angst vor Genen, Angst vor den bösen Russen, Angst vor allem möglichen. Dann kommen sie als die großen Retter. Und schwupps, haben sie die Macht über die Menschen. So, wie es die Kirche seit Jahrhunderten auch immer gemacht hat: Angst vor dem Fegefeuer, wenn die Menschen ihnen nicht gehörig sein sollten. Nun aber herrschen andere Zeiten. Die Menschen gehen verstärkt dazu über, sich unabhängig und vielfältig zu informieren. Die Manipulation der Wahrheit funktioniert nicht mehr so gut, wie noch vor ein paar Jahren. Und im Erkennen manipulierter Nachrichten und im „zwischen-den-Zeilen-lesen“ sind die Menschen der ehemaligen DDR noch einigermaßen geübt. Die Westdeutschen (noch) nicht. Daher auch der Zulauf zu Pegida ausgerechnet in Sachsen.
    In der Quintessenz wird es nicht darum gehen, den Menschen die Politik des Mainstreams besser zu erklären, ihnen irgendwelche Ängste zu unterstellen, die man dann in gewohnt arroganter Weise wieder von ihnen nehmen kann. Es wird darum gehen, ob die politisch-mediale Klasse fähig ist, Fehler einzugestehen, zu korrigieren und den eingeschlagenen Weg zu verlassen und einen neuen Weg zu beschreiten. Es wird auch die Aufgabe der Pegida Bewegung sein, der politisch-medialen Klasse ihre Angst vor der Wahrheit zu nehmen – nicht umgekehrt. Sich Fehler einzugestehen, ist keine Niederlage, sondern zeugt von Größe und geistiger Freiheit. Ich fürchte aber, daß nur wenige aus der politisch-medialen Klasse dazu imstande sein werden.

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