"Hinter sich lassen" bedeutet vergessen – und das darf niemals sein. (Foto: pixabay)

Warum man Auschwitz niemals „hinter sich lassen“ darf

Schaue ich in diesen Tagen nach Dresden und lese dann Berichte darüber, dass laut einer Bertelsmann-Studie 81 % der Bevölkerung „die Geschichte der Judenverfolgung ‚hinter sich lassen‘ möchten“, bin ich fassungslos. Denn „hinter sich lassen“ ist viel mehr als nur, das Gefühl einer ungerechten Schuldzuweisung loszuwerden oder die Lasten früherer Generationen abzuwerfen. „Hinter sich lassen“ bedeutet, da ist etwas abgeschlossen, ein für alle Mal; und es ist Zeit, dieses Etwas zu vergessen.

Man kann eine alte Liebschaft „hinter sich lassen“, die Heimatstadt, die einem zu eng geworden ist, oder einen früheren Job. Dass man in seiner Jugend mal Cindy & Bert toll fand oder Pur – abgeschlossen. Dass man sich mit der besten Freundin gestritten oder den iPod in der Straßenbahn hat liegenlassen – vergessen.

Aber über sechs Millionen Ermordete?

Wie kann man unter sechs Millionen unschuldige, auf unaussprechlich bestialische Weise zu Tode gebrachte Menschen einen Schlussstrich ziehen, wie es sich 58 % wünschen? Mich friert bei dem Gedanken. Und ich kann mir diesen Wunsch nur dadurch erklären, dass sich zum einen ein Übermaß an Kriegsberichten in allen Medien vor allem mit Fakten beschäftigt, nicht mit Menschen, und dass sich die Erinnerungskultur seit vielen Jahren fast nur noch auf Kranzniederlegungen beschränkt. Persönliche Begegnungen sind äußerst selten. Doch genau die sind so wichtig für das eigene Verstehen und Handeln: Begegnungen von Mensch zu Mensch, nicht von Mensch zu Zahlen und Erinnerungsstelen.

"Hinter sich lassen" bedeutet vergessen – und das darf niemals sein. (Foto: pixabay)
„Hinter sich lassen“ bedeutet vergessen – und das darf niemals sein. (Foto: pixabay)

Ich bin mit Jugendlichen unterschiedlicher Glaubensrichtungen und Herkunftsländer zur Schule gegangen, doch das einzige jüdische Mädchen, das ich in der Schulzeit kannte, war Anne Frank. Sinti erlebte ich nur, wenn sie einmal im Jahr in der Stadt waren und sich anboten, die Scheren und Messer des Haushalts zu schleifen. Über viele Jahrzehnte waren die Überlebenden des Holocaust aus dem Blick, dem Land und somit auch aus dem Bewusstsein der Menschen verschwunden.

Die Opfer können niemals „alles hinter sich lassen“

Nur in meinem Elternhaus lernte ich einige Jüd_innen kennen – ohne Ausnahme kamen sie aber aus Israel angereist, obwohl sie alle gebürtige Deutsche waren. Ich weiß noch, wie ich als Kind völlig ahnungslos einen unserer Gäste fragte, warum er sich eine Zahl auf seinen Arm geschrieben hatte. Diese entsetzliche Zahl, die er nicht einfach „hinter sich lassen“ konnte. Als ich erfuhr, was es damit auf sich hatte, konnte ich ihm nicht mehr in die Augen sehen, so sehr habe ich mich geschämt, dass solche unmenschlichen Dinge hier hatte geschehen können.

Die erste Sintizza lernte ich erst mit 40 Jahren kennen, als ich Ramona Richter für meinen Porträtband „Hannover persönlich“ interviewte. Ich schaffte es auch erst als Erwachsene, das Achterhuis in der Amsterdamer Prinsengracht zu besichtigen, in dem Anne Frank ihre letzten halbwegs glücklichen Tage verbrachte.

Im Zuge eines Landespflege-Projektes der Uni Hannover in Bergen-Belsen diskutierte ich tagelang u. a. mit zwei jungen Israelis, die viele Familienmitglieder im Holocaust verloren hatten, darüber, wie weit man ein ehemaliges KZ, Massengrab Tausender Menschen umbauen durfte, um der Erinnerung an die hier Ermordeten einen angemessenen, würdigen Rahmen zu geben. Das KZ war nach dem Krieg wie ein Heide- und Waldgarten gestaltet worden, in dem einige Menschen zur Zeit unseres Projektes ihre Hunde spazieren führten.

Nie implizierte jemand, dass ich Schuld trug – dennoch fühlte ich sie

Ein paar Jahre später begegnete ich, wieder in Bergen-Belsen, einem Ehepaar im Alter von weit über 80 Jahren. Sie waren aus Israel angereist, um die Eröffnung des Dokumentationszentrums in jenem ehemaligen Konzentrationslager zu erleben, in dem sie einst um ihr Leben gebangt hatten. In jenem Land, das ihnen zahllose Angehörige und Heimat nahm. Sie drückten mir freundlich lächelnd die Hand und luden mich mit großer Selbstverständlichkeit zu sich nach Israel ein.

Ich bin mir sicher, dass es zahlreiche Menschen in Deutschland gibt, die niemals auch nur eine einzige solcher direkten Berührungen mit dem Holocaust und seinen Folgen oder mit Überlebenden dieses Horrors hatten. Und ich weiß selbst, wie es sich anfühlt, über viele Jahre das Gefühl zu haben, irgendwie mitschuldig zu sein, ohne es tatsächlich zu sein. Und das, obwohl nie jemand aussprach oder auch nur implizierte, dass ich Schuld trug.

Auf der einen Seite also die höchst bereichernden Begegnungen mit Überlebenden des Holocaust und ihren Nachkommen, auf der anderen Seite das selbst auferlegte Schuldgefühl und die Erfahrung einige Jahre lang im Ausland als „eine von denen“ angesehen und als „Nazi“ beschimpft zu werden – dieser Zwiespalt hat jedoch nie dazu geführt, dass ich ernsthaft meinte, man müsse doch nun endlich die über sechs Millionen Toten „hinter sich lassen“.

Wir sind mitverantwortlich für das, was heute geschieht

Für das, was die Generation meiner Großeltern und Urgroßeltern getan oder (vielerorts sehenden Auges) hat geschehen lassen, war und bin ich nicht verantwortlich. Doch ich bin mitverantwortlich für das, was heute geschieht. Und wenn ich sehe, wie in Dresden und anderen Städten, genauso wie vor achtzig Jahren, wieder Bürger_innen ganz selbstverständlich gemeinsam mit strammen Neonazis auf die Straßen gehen und in den mächtigen Chor einfallen, sie seien „das Volk“ – dann wird mir angst und bange.

Denn so viel habe ich aus der Geschichte gelernt, dass ich weiß, wie blitzschnell sich Menschen mit etwas gemein machen und mitlaufen, solange sie einen Vorteil daraus für sich selbst ziehen und sich endlich einmal stark fühlen können. Und wie sagenhaft schnell so etwas nach sehr weit rechts ziehen kann, auch im vermeintlich so weltoffenen Europa, zeigt sich u. a. in Frankreich und in Ungarn.

Nein, angesichts dieser Demonstration von tausendfacher Geschichtsvergessenheit und Relativierung des eigenen Handelns in Dresden und anderen Städten wäre nichts falscher, als den Holocaust und seine über sechs Millionen Toten „hinter sich zu lassen“ oder einen „Schlussstrich“ zu ziehen. 70 Jahre nach der Befreiung der Menschen aus dem Konzentrationslager Auschwitz steht für mich fester als je zuvor: der Holocaust und all diese unschuldigen Opfer dürfen nie, niemals abgehakt und vergessen werden.

Es kann jederzeit wieder geschehen, auch Ihnen und mir

Wer das anders sieht, möge zum einen mal ganz genau hinsehen und -hören, wer da alles bei „Pegida“ & Co. mitläuft (hier und hier, und achten Sie auch darauf, wer dort im Hintergrund vorbeiläuft, was auf den Flaggen steht, und was dort skandiert wird). Dann empfehle ich Ihnen diese Sendung von Günther Jauch und anschließend den Film „Night will fall“.

Diese Geschehnisse, diese über sechs Millionen Menschen soll man ausgerechnet in Deutschland „hinter sich lassen“, einen „Schlussstrich darunter ziehen“? Es geht doch schon längst nicht mehr um Schuld – es geht heute darum, jenen Menschen Ehre zu erweisen, die durch ihre Mitmenschen schier unvorstellbares Leid erlebt haben. Und darum, dass dieses Leid jederzeit, jeden Tag wieder geschehen kann, nicht nur den anderen, auch Ihnen und mir. Die Anfänge dessen sehen wir gerade in Dresden.

Birte Vogel

Ich bin freie Journalistin & Texterin und schreibe Pressetexte, Webtexte, Imagetexte, Reden, Fach- und Sachbücher, Handouts, Newsletter, Broschüren, Editorials, Porträts, Kolumnen, Blogtexte, Biografien, Chroniken u. v. m. für Medien, Selbstständige und Unternehmen.

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