Screenshot Twitter-Beitrag von @nainablabla

Versicherungen oder Gedichtanalysen – was sollten 17-Jährige in der Schule lernen?

Vor wenigen Tagen machte dieser Tweet einer 17-jährigen Schülerin die Runde:

Das kam sogar Bundesbildungsministerin Johanna Wanka zu Ohren, die befand, es sei gut und wichtig, wenn man mal darüber spreche. Ja, angesichts der Anzahl von Retweets und Likes und des Rummels um die 17-Jährige ist das wohl dringend nötig.

Mein erster Gedanke war: Wahnsinn, Jugendliche können heute schon vor dem Abitur vier Sprachen so gut sprechen, dass sie in jeder einzelnen dieser Sprachen Gedichte analysieren können? Angenommen, das stimmt: eine Eins plus dafür!

Steht man mit Versicherungskenntnissen auf eigenen Beinen?

Nun möchte Naina aber gar keine Gedichte auf Deutsch, Englisch, Französisch und Spanisch analysieren können. Sie möchte viel lieber lernen, wie man auf eigenen Beinen steht. Und das heißt für sie: Ahnung von Steuern, Miete und Versicherungen zu haben. Hat ihr noch niemand gesagt, dass auch die meisten Erwachsenen bis zu ihrem Lebensende nicht die geringste Ahnung von Steuern, Miete und Versicherungen haben, und trotzdem ziemlich gut durchs Leben kommen (schließlich gibt’s für so etwas Fachleute)? Ich habe ihr zurückgetweetet:

Das hat natürlich niemanden interessiert – eine fast Fünfzigjährige, wie uncool. Doch warum meint eine fast Fünfzigjährige, so etwas tweeten zu müssen?

Was bedeutet es denn, ein Gedicht analysieren zu können?

Ich habe mich gefragt, was ich daraus, ein Gedicht analysieren zu können, fürs Leben gelernt habe. Ich habe die Fähigkeit erlernt, mich in andere hineinzuversetzen, in diesem Fall in Menschen, die ich nicht einmal persönlich kannte: die Lyriker_innen. Ich habe gelernt, aus dem Wenigen, das ich über diese Menschen wusste, und aus dem, was sie geschrieben haben, vorsichtige Schlüsse zu ziehen. Und zwar immer auf der Basis dessen, was diese Lyriker_innen erlebt haben, welche Erfahrungen sie im Leben gemacht, welche Verletzungen und Traumata sie erlitten haben, welche Hoffnungen sie trugen.

Und schließlich habe ich gelernt, mich sehr sorgsam der Wortwahl dieser Lyriker_innen zu widmen. Warum haben sie ausgerechnet dieses eine Wort gewählt und kein anderes? Was wollten sie mit diesem Wort, dieser Satzstellung, diesen Rhythmen, diesen Wort- oder Satz-Melodien tatsächlich ausdrücken? Was steht da zwischen den Zeilen? Die Schlüsse, die schließlich gezogen werden, sind aber nie endgültig. Sie sind auch nie einseitig, sondern sie lassen Raum für weitere Interpretationen, für ein anderes Verständnis, eine andere Sichtweise zu.

Gedichtanalysen lehren Empathie, Einfühlungsvermögen und den Blick aufs Ganze

Natürlich erschienen mir Gedichtanalysen zu Schulzeiten auch furchtbar weltfremd und überflüssig, denn meine Lehrer_innen haben mir den Sinn nie erklärt. Heute weiß ich, diese Analysen lehren einen ganz besonders wichtige Dinge: sie lehren uns Empathie, Einfühlungsvermögen und nicht pauschal vorzuverurteilen, sondern nur mit Blick auf den ganzen Menschen und seine Geschichte am Ende Schlüsse zu ziehen, dabei aber immer offen zu bleiben für andere Sichtweisen.

Sie lehren uns auch, selbst bedacht mit unseren Worten umzugehen. Naina hat das Ganze in vier verschiedenen Sprachen gelernt, mit denen sie fast auf der ganzen Welt durchkommen kann. Gibt es eine bessere Kombination für einen Start in ein eigenverantwortliches, erwachsenes Leben?

Angesichts dessen, was gerade in Paris geschehen ist, was in Syrien, Nigeria und so vielen anderen Ländern dieser Welt geschieht, aber auch angesichts dessen, was in Dresden und anderen Städten gerade geschieht und vor wenigen Wochen geschehen ist – halte ich diese Fähigkeiten für wichtiger denn je. Sie können aus dieser Welt eine bessere machen. Sie haben auf jeden Fall mich zu einem besseren Menschen gemacht.

Als ob Steuern, Miete und Versicherungen die wirklich wichtigen Dinge wären

Aber Naina ist 17 und möchte lieber etwas über Steuern, Miete und Versicherungen lernen, denn aus ihrer Sicht erscheint das alles unerlässlich für ein Erwachsensein in der heutigen Zeit. Bislang fast 14.000 Retweets und fast 25.000 Likes scheinen sie darin zu bestätigen. Als ob das die wirklich wichtigen Dinge in diesem Leben wären, als ob sie uns ernsthaft besser aufs Leben vorbereiten würden, als Sprachkenntnisse und die Fähigkeit zur Einfühlung ins Gegenüber, zur Empathie.

Ich bin dankbar, dass meine Schule so grässlich von vorgestern war, mir diesen altmodischen Quatsch beizubringen. Denn mit fast 50 weiß ich: es gibt wesentlich Wichtigeres in diesem Leben, als sich mit Steuern, Miete und Versicherungen auszukennen. Der Blick nach Paris, Dresden und in die Welt zeigt, dass sich an diesen Prioritäten in der Schule auch nichts ändern sollte – es sei denn zum Vorteil der humanistischen Lehre.

Birte Vogel

Ich bin freie Journalistin & Texterin und schreibe Pressetexte, Webtexte, Imagetexte, Reden, Fach- und Sachbücher, Handouts, Newsletter, Broschüren, Editorials, Porträts, Kolumnen, Blogtexte, Biografien, Chroniken u. v. m. für Medien, Selbstständige und Unternehmen.

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6 thoughts on “Versicherungen oder Gedichtanalysen – was sollten 17-Jährige in der Schule lernen?

  1. Liebe Birte,

    ich gebe dir weitgehend recht. Allerdings sagt meiner Meinung nach die Zahl der Likes nicht aus, dass alle diese Aussage toll oder richtig fanden. Ich like beispielsweise auch, wenn ich etwas bemerkenswert finde, und bemerkenswert ist diese Aussage auf jeden Fall.

    Meine Söhne würden sagen, sie hätten bei der Gedichtanalyse nicht etwa Empathie gelernt, sondern herauszufinden, was der Lehrer hören will. Was der Autor sich wirklich gedacht habe, könne man sowieso nicht wissen, aber der Lehrer kennt natürlich die „offizielle“ Interpretation und wenn man zu weit davon weg ist, bekommt man eine schlechte Note. Ja, so sollte es vielleicht nicht sein, so ist es aber leider oft. Darüber haben wir hier schon viel diskutiert.

    Als Literaturwissenschaftlerin bin ich durchaus dafür, in der Schule Gedichte zu lesen und darüber zu sprechen, aber ich selbst hatte in der Schule immer das Gefühl, dass die Texte, die ich mochte, im Deutschunterricht kaputtgemacht wurden. Gerade Lyrik spricht oft direkt das Herz an, wenn ich jedes Komma erklären musste, verging mir der Spaß daran.

    Mein älterer Sohn hat dieses Jahr mit dem Studium begonnen, musste sich auch um Versicherung, Mietvertrag und Co. kümmern und hat das ganz gut hinbekommen. Dafür braucht man nicht unbedingt ein Schulfach, die Jugendlichen sind auch so nicht lebensuntüchtig. sie können lesen, nachfragen oder suchen im Internet, wenn ihnen etwas nicht klar ist. Das klappt. Hier gibt es allerdings das Fach Wirtschaft und Recht, in dem die Schüler u. a. ein wenig über Verträge etc. erfahren.

    • Liebe Daniela,

      mit den Likes hast Du sicher recht, aber auch etwas bemerkenswert zu finden bedeutet ja, dass da etwas ist, über das man reden kann und sollte. Und weil genau das, was Du über Deinen Deutschunterricht schreibst, Millionen von Schüler_innen so gegangen ist und immer noch geht, sollte man wohl eher über eine Verbesserung der Lehrqualität sprechen als über eine Veränderung des Lehrplans.

      Ich weiß noch, wie ich am Ende eines Schuljahres bei einem Deutschlehrer den doppelten Werther durchnahm, und zu Beginn des nächsten bei einem neuen Deutschlehrer dieselben Werke gleich noch einmal. Das, was ich bei dem ersten gelernt hatte, und das mir bei diesem eine 2 eingebracht hatte, war dem anderen so überhaupt nicht einsichtig, und ich bekam eine 3. Ich habe es gehasst, und es hat mir Goethe für viele Jahre verleidet, aber ich habe immerhin gelernt, dass verschiedene Sichtweisen möglich sind. Aber – da hast Du völlig recht – es geht bis heute leider allzu häufig darum, die Thesen der Lehrer_innen oder irgendwelcher Analyse-Vorbeter_innen zu bekräftigen, anstatt das selbstständige Denken zu lernen und auch dafür gewürdigt zu werden. Deshalb s. o.: Diskussion über Lehrqualität – ja, Diskussion über den Unsinn von Gedichtanalysen – nein.

  2. Ich meine: Ihr Tweet ist ich ziemlich von oben herunter! Aus Naina Sicht sind das vielleicht wichtige Themen für sie, ob das in 10 Jahren (oder später mit 50 und mitten im Leben angekommen) noch genauso ist, weiß ich nicht und Sie, Frau Vogel, auch nicht.

    • Ich habe auch nicht behauptet, dass ich das weiß. In meinem Text steht, was ich aus den zahllosen Gedichtanalysen meiner Schulzeit gelernt habe, und dass ich persönlich sie deshalb für wichtiger halte als Versicherungs- und Steuerkenntnisse. Denn meine Lebenserfahrung hat mir gezeigt, dass Menschlichkeit kein Automatismus qua Geburt ist, sondern erlernt werden muss. Und dass man sie ganz sicher nicht aus Steuern und Versicherungen lernt – im Gegenteil.

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