Texten, Bloggen und Rätselerfinden: Biggi Mestmäcker

Texterin, Bloggerin & Rätselerfinderin Biggi Mestmäcker (Foto: privat)
Texterin, Bloggerin & Rätselerfinderin Biggi Mestmäcker (Foto: privat)

Biggi Mestmäcker hat einen Magister in Germanistik, Publizistik- und Kommunikationswissenschaften und Politikwissenschaft. Sie arbeitete im Kulturmanagement, in der Redaktion und im Lektorat eines Verlags, machte PR und leitete Korrespondenzseminare. Seit 1994 ist sie selbstständige Texterin, Bloggerin (u. a. auf Pommeswelt), Marketingberaterin und Rätselerfinderin. Ein paar Rätsel für jede Jahreszeit hat sie auf ihrer Website zum kostenlosen Download bereitgestellt.

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Birte Vogel (bv): Frau Mestmäcker, Sie texten jetzt seit fast 20 Jahren. Wird das nicht irgendwann mal langweilig?

Biggi Mestmäcker (BM): Nein. Das Schreiben wird schon manchmal langweilig, aber das Texten nicht. Deshalb liebe ich meinen beruflichen Bauchladen so sehr, weil sich die Themen immer verändern.

bv: Wollten Sie in all den Jahren auch schon mal hinwerfen und was ganz anderes machen?

BM: Nein. Natürlich hab ich mal Phasen, wo es mir reicht. Aber ich liebe meinen Beruf. Ich finde es selber erstaunlich, denn ich bin nach all den Jahren immer noch verliebt in manche Texte oder freu mich, wenn der Kunde sich freut. Das macht mir einfach Spaß.

bv: Was genau macht denn eine Texterin?

BM: Ich schreibe, was andere zu sagen haben. Das heißt, ich mache die Unternehmenskommunikation für Firmen. Die besteht aus allem, was man drucken kann: Briefe, Mailings, Flyer, Broschüren, Kataloge, zunehmend auch fürs Medium Internet. Früher hab ich sehr viele PR-Artikel und Pressetexte geschrieben, heute geht es mehr um Online-Marketing. Ich mache viel im Bereich Schmuck – Anzeigentexte, kleine Werbetexte. Neulich nannte mich mal jemand in einem Workshop „die Queen des Kurzen“ (lacht).

bv: Sie haben einen Magister in Germanistik, Publizistik- und Kommunikationswissenschaften und Politikwissenschaft. Wie sind Sie dann Texterin geworden?

BM: Nach dem Studium bin ich mit meinem späteren Mann nach Saarbrücken gegangen und suchte einen Job. Gerhard Bungert, der künstlerische Leiter des neu gegründeten „Kulturforums Saarbrücker Schloss“, suchte eine wissenschaftliche Mitarbeiterin, aber erst für ein paar Monate später. Er war außerdem freiberuflicher Journalist und sein Wohnzimmer war sein Homeoffice. Für den Übergang bot er mir an, bei ihm zu arbeiten, als Praktikum, und sagte: „Ich kann dich aber nicht bezahlen.“ Weil ich sonst nichts hatte und weil ich den Job im Schloss wollte, hab ich bei ihm angefangen.

bv: Was haben Sie in diesem Praktikum gemacht?

BM: Bei Bungert hab ich schreiben gelernt. Ich hab für eine Metzgerkette die Kundenzeitschrift gemacht, Bungert hat mich zu Korrespondenzseminaren als Trainerin mitgenommen, später hab ich die auch alleine gemacht. Dann hab ich bei ihm Recherche gelernt, hab ihm für seine Bücher die Inhalte zusammenrecherchiert. Als er später eine Medienagentur aufgemacht hat, hab ich nebenberuflich für ihn weitergeschrieben. Gleichzeitig war ich aber im Kulturforum angestellt.

Wenn’s schwierig wird, motiviere ich mich, indem ich mich neu erfinde

bv: Warum haben Sie sich dann 1994 selbstständig gemacht?

BM: Mein Mann hatte in Düsseldorf eine Stelle bekommen. Wir verließen das Saarland, die Metzgerzeitschrift schrieb ich aber immer noch. Als sie fertig war, schickte ich sie per Fax hin und bekam die Nachricht, dass sie den Auftrag schon jemand anderem gegeben hatten. Da war ich so sauer, dass ich mein erstes Mailing in eigener Sache geschrieben hab. Dann rief der erste Kunde an. Gleichzeitig hatte ich zwei kleine Kinder und eine Halbtagsstelle im Kulturamt. Ich hab den Job im Kulturamt gern gemacht, aber das Geld war nicht ausreichend. Ich hab deshalb gekündigt und dann auch einen richtigen Businessplan für mein Unternehmen gemacht. Es ist also erst 2002 richtig losgegangen.

bv: Wäre das ein Weg, der heute auch noch so funktionieren würde?

BM: Na ja, ich bin diesen Weg ja nicht gegangen, um Texterin zu werden. Das Texten hab ich eher zufällig, en passant, gelernt und erst Jahre später gemerkt, wie sehr ich davon profitiert habe. Generell finde ich es zwar eine Unsitte, dass so furchtbar viele Firmen richtig hochbezahlte Jobs von Praktikanten machen lassen – Praktikanten sollten honoriert werden -, aber ich finde Praktika auf jeden Fall wichtig. Ich bin damals auf eine andere Weise honoriert worden – es war für mich eine kostenlose Fortbildung. Und dadurch hab ich ja auch Jobs bekommen.

bv: Sie haben unter der Firmierung „TXT“ angefangen. Nach 13 Jahren haben Sie sich entschieden, unter ihrem eigenen Namen weiterzumachen und bieten seitdem „Mehr als Text“ an, nämlich Texte, Rätsel, Social Media und Onlinemarketing. Ist das Stehen auf mehreren Standbeinen sicherer oder einfach nur interessanter?

BM: Auf jeden Fall beides. Immer dann, wenn’s langweilig und schwierig wird, motiviere ich mich, indem ich mich neu erfinde, mich neu positioniere. Denn das ist nach 20 Jahren das größte Problem: die Disziplin aufrechtzuerhalten. Wenn ich denke, es geht nichts mehr, überlege ich mir was Neues, das mir wieder Schwung bringt. Mich können Auftragslöcher daher nicht mehr schocken. Man entwickelt dadurch eine Gelassenheit, die hilft, sich aus dem Loch wieder rauszuholen.

bv: Können Sie darauf immer vertrauen?

BM: Dran gewöhnen sollte man sich nicht, glaube ich. Das halte ich für gefährlich. Zu einer Selbstständigkeit gehören ja nicht nur ich, meine Motivation und meine Kompetenz, sondern auch die Kunden. Man ist aufeinander angewiesen, und es kann immer passieren, dass da einer wegbricht. Deshalb hab ich ganz unterschiedlich gewichtete Kunden.

Wertschätzung ist genauso wichtig wie Geld

bv: Behalten Sie das, was Sie einmal verändert haben, dann auf jeden Fall bei?

BM: Nein, im Lauf der Zeit rudert man manchmal auch wieder zurück, so nach dem Motto: Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern? (lacht) Früher dachte ich, ich will keine Existenzgründer mehr, keine Kleinstfirmen, denn die haben ja alle kein Geld. Jetzt hab ich zufällig mehrmals hintereinander kleine Unternehmen bedient; das waren absolute Low-Budget-Projekte. Die haben mir so einen Spaß gemacht! Diese Kunden können sich noch so richtig darüber freuen, was man für sie tut. Also versuche ich jetzt, auch wieder kleinere Regionalkunden zu akquirieren.

bv: Ist Ihnen das Geld heute also nicht mehr so wichtig?

BM: Es macht unheimlich viel Freude, für Leute zu arbeiten, die das wertschätzen, was du tust. Geld ist nicht alles. Wertschätzung in Form von Begeisterung ist genauso wichtig.

bv: Was reizt Sie an der Selbstständigkeit?

BM: Ich bin nicht der Typ Befehlsempfänger. Ich mag es, selbst zu entscheiden, was ich tue, wann und wie. Aber ich wollte auch Kinder und Beruf vereinbaren. Das war oftmals ein Eiertanz, aber es ging. Sicher auch deshalb, weil ich Nachtmensch bin und mit wenig Schlaf auskomme. Wenn alle geschlafen haben, hab ich gearbeitet.

bv: Haben Sie sich auch schon einmal gegen bestimmte Themen entschieden?

BM: Ach, nach wie vor mach ich alles. Außer Parteiwerbung; die werd ich auch nicht machen. Es gibt bestimmt auch Produkte, die ich nicht machen würde. Ich muss schon morgens in den Spiegel gucken können.

bv: Sie schreiben auch Kreuzworträtsel. Wie kamen Sie darauf?

BM: Wir waren im Urlaub in Holland, saßen abends in der Ferienwohnung und mussten uns beschäftigen, denn der Fernseher stand in dem Zimmer, in dem die Kinder – damals drei und ein Jahr alt – schliefen. Wir hatten auch schon alle vorhandenen Kreuzworträtsel gelöst. Da sagte mein Mann: „Mach doch selber eins.“ Also hab ich versucht, eins wie „Um die Ecke gedacht“ im „Stern“ zu bauen. Das hat Spaß gemacht, war aber ziemlich schwierig und hat nicht funktioniert. Später hab ich mal für eine Saarbrücker Zeitschrift das Sommerrätsel gemacht, riesengroß und komplett von Hand.

Ich bin eh ein Online-Exhibitionist

bv: Machen Sie das auch heute noch von Hand?

BM: Nein, mein Mann ist Programmierer und hat ein Kreuzworträtselprogramm programmiert, mit dem die Rätsel richtig gut aussehen: nicht flatterig, keine schwarzen Felder, keine KFZ-Kennzeichen. Jedes Wort ist mindestens drei, vier Buchstaben groß. Er hat dann noch ein riesengroßes Lexikon aufgebaut und war irgendwann so weit, auf Knopfdruck ein Layout in verschiedenen Größen zu produzieren. Da dachte ich: Boah, die versuch ich zu verkaufen! Aber Rätsel in Zeitschriften gab’s ja wie Sand am Meer. Also dachte ich, ich biete einfach Unternehmensrätsel an. Ich kann Ihnen ein Birte-Vogel-Rätsel machen, wenn Sie wollen. Das dreht sich nur um Sie.

bv: Darauf werd ich gerne mal zurückkommen. Was macht Ihnen am Rätselerstellen denn so viel Spaß?

BM: Erstmal rätsel ich selber gern, in allen Variationen. Dann ist ja jede Definition für sich auch wieder eine Kurztextform. Und ich stelle mir gerne vor, wie meine Rätsellöser rumtüfteln – manchmal freu ich mich darüber, manchmal bin ich auch ein bisschen schadenfroh.

bv: Ich stelle mir das trotzdem ganz schön schwierig vor.

BM: Die größte Schwierigkeit ist, dass in so einem Rätsel immer wieder gleiche Wörter vorkommen, die ich aber immer unterschiedlich definieren will. Ebene oder Efeu – ich weiß gar nicht, wie oft ich schon das Wort Efeu hatte. Und den Bezug zum Unternehmen durchzuhalten ist auch nicht immer einfach. Man darf es damit auch nicht übertreiben, darf das nicht ganz so bierernst nehmen, sonst kriegt man ja Knoten im Hirn.

bv: Wie kommt man denn an Kreuzworträtsel-Aufträge?

BM: Bislang sind die immer auf mich zugekommen. Sie haben gegoogelt und meine Website gefunden.

bv: Könnten Sie allein von den Rätseln leben?

BM: Nein, selbst die ganz großen kosten nicht einmal einen Tagessatz – das würde ja keiner bezahlen. Mal ganz abgesehen von der ganzen Arbeit, die mein Mann da vorher schon reingesteckt hat. Aber das macht so viel Spaß, dass ich’s trotzdem anbiete.

bv: Sie sind eine Bloggerin der ersten Stunde, bloggen auf Pommeswelt und anderen Portalen, auch für Ihre KundInnen. Was hat Sie daran so früh schon fasziniert?

BM: Auch dazu bin ich wie die Jungfrau zum Kind gekommen. Ich las Carola Heines Blog Moving Target, als ich sie noch gar nicht persönlich kannte. Und ich dachte: Mein Gott, jeden Tag was reinschreiben – wo nimmt sie die Zeit her? Dann fing Susi Ackstaller, die ich von den Webgrrls kannte, auch an zu bloggen, und da hatte ich den Tick: Das will ich auch! Ich bin eh ein Online-Exhibitionist – da ich viel online arbeite, lebe ich auch da. Und ich hab so viel aus dem Internet bekommen, dass ich auch gerne sehr viel reingebe.

Es gelingt mir nie, mich da privat rauszunehmen

bv: Haben Sie von Anfang mehrere Blogs geführt?

BM: Nein, ich hab erst im „TXT-Guckloch“ passend zu meinem kleinen Unternehmen gebloggt. Dann kam mir beim Aufräumen die Idee zur Pommeswelt. Ich hatte nämlich ein Buchmanuskript dazu in der Schublade, für das ich aber keinen Verlag gefunden hatte. Als ich das wiederfand, dachte ich, das wäre doch viel zu schade zum Vergammeln. Also hab ich eine Agentur beauftragt, die mir eine Website erstellt hat. Damals war das deutsche Web ja noch klein. Ehe ich mich versah, haben alle über die Pommeswelt geschrieben, und die Radiosender wollten mit Fritti sprechen (Fritti ist das Pseudonym für Biggi Mestmäcker in der Pommeswelt, Anm. d. Red.). Ich hab gebloggt, ohne zu wissen, was ich da tue. Ich hab Fakten zusammengetragen und ergänzt, und ich fand einen großen Sponsor, der mir die ersten zwei Jahre finanziert hat. Der kam sogar zu mir nach Hause und saß frühmorgens mit einem Leberwurstbrot in der Hand auf einem Höckerchen an meinem Schreibtisch und hat sich von mir die Pommeswelt erklären lassen.

bv: Sie haben zwischendurch mal eine zweijährige Pause mit der Pommeswelt eingelegt. Wurde das Blog danach schnell wieder angenommen oder hat sich die Pause gerächt?

BM: Viele sagten: Endlich ist sie wieder da! Vor allem Leute aus der Food-Blogger-Szene. Es hat sich aber alles verändert, und ich finde, zum Nachteil. Die Kommunikation hat sich verändert, jetzt spielt sich alles bei Facebook ab. Auch bei mir. Ich facebooke eher als dass ich blogge. Das liegt aber auch daran, dass ich viel im Kundenauftrag blogge. Wenn du vier Blogs am Tag gefüllt hast, dann hast du am Abend keine Lust mehr, dein eigenes Blog zu füllen. Irgendwann bist du auch mal leergeschrieben.

bv: Welche Schwierigkeiten gibt es da noch?

BM: Schwierig ist, überhaupt den Arbeitsalltag vernünftig zu strukturieren. Ich halte nichts von automatischen Ankündigungen von Blogbeiträgen auf Facebook. Also geh ich zu Fuß zu Facebook, schreibe die Ankündigung für Kunde A, und dann denke ich: Nu bin ich grad bei Facebook, dann mach ich auch was für die Kunden B und C, dann scrolle ich durch meine eigene Timeline und gucke, was ich teilen oder schreiben kann – man muss sich ja inspirieren lassen. Aber dann sehe ich Ihr Interview mit Heike Virchow, dann muss ich das auch direkt lesen. Es gelingt mir nie, mich da privat rauszunehmen. Aber es gibt ja auch Aufträge, für die ich mich intensiv und stundenlang in ein Projekt einarbeiten muss. Da muss ich mir auch mal zwei Blog- und Facebook-freie Tage nehmen.

Dank des Netzwerkens hab ich nie klassisch akquirieren müssen

bv: Wie viele Blogs betexten Sie?

BM: Sechs. Vier davon täglich.

bv: Das ist eine Menge. Wie schaffen Sie es, das alles unter einen Hut zu bringen?

BM: Ich hab in all den Jahren eine große Routine entwickelt und auch eine gewisse Lässigkeit. Ich gehe unverkrampft daran und schreibe, wir mir der Schnabel gewachsen ist. Zack. Formuliert. Gepostet. Fertig. Diese Medien verlangen in meinen Augen keine Perfektion, sondern Authentizität, Ehrlichkeit und Offenheit. Ich kann auch nur für Kunden arbeiten, die das gutheißen und locker sehen.

bv: Haben Sie auch schon Aufträge nicht angenommen, weil es menschlich einfach nicht passte?

BM: Früher öfter als heute. Seit meine Website nach dem Relaunch vor ein paar Jahren flockiger geworden war, sind alle Kunden so, wie ich sie gern hätte. Steife Businesstypen fühlen sich von meiner Website nicht angesprochen. Das hat also gut funktioniert.

bv: Ich höre immer wieder, dass zahlungsunfähige oder -unwillige Kunden zunehmen. Ist das auch Ihre Erfahrung?

BM: Das kann ich nicht bestätigen. Ich hab ganz, ganz selten Schwierigkeiten. In 20 Jahren hab ich nur einmal ein Inkassobüro beauftragt und nur zwei-, dreimal Mahnungen geschrieben. Die engagieren mich gar nicht erst, wenn sie mich nicht bezahlen können.

bv: Nach so vielen Jahren im Beruf: Wie schwer fällt Ihnen Akquise?

BM: Akquise ist immer. Ich hab schon meinem Zahnarzt einen Flyer verkauft, während er mir noch ein Loch gefüllt hat. Ich hab dank des Netzwerkens nie im klassischen Sinn akquirieren müssen. Ich hab das Networking bei und von den Webgrrls und im Texttreff gelernt. Ich hab wahnsinnig viel kostenlos, aber nicht umsonst gemacht. Mein Name war verbunden mit: Da kommen Infos, das hat Hand und Fuß. Und ich hatte sehr früh eine Website. Mehr brauche ich nicht.

bv: Was halten Sie vom Netzwerken über andere Business-Plattformen?

BM: So was wie das, was die Leute bei Xing machen, wo sie nach fünf Minuten Visitenkarten austauschen? Gar nichts. Ich würde doch nie irgendjemanden beauftragen, nur weil ich seine Visitenkarte hab.

bv: Werden Ihre Texte eigentlich häufig im Netz geklaut?

BM: Ja, und es sind immer dieselben Branchen. Ich verdiene durchaus auch Geld mit den Abmahnungen. Keine meiner Seiten ist so oft geklaut worden wie die für einen Fliesenleger. Leider gibt es sie nun nicht mehr. Dann kriegt der arme andere Fliesenleger meine Abmahnung mit Rechnung und fällt aus allen Wolken. Der hat ja selbst keine Ahnung. Da hat der Dienstleister, der ihm die Seite gebaut hat, meinen Text geklaut.

Die Selbstbestimmtheit ist durch nichts aufzuwiegen

bv: Werden denn all Ihre Abmahn-Rechnungen bezahlt?

BM: Manche zahlen, manche nicht. Ich bin ja kein Abmahnhai, nur manchmal bin ich sauer. Vor allem, wenn ich erkennen kann, dass das ein Dienstleister war und nicht der Nachbarsjunge.

bv: Wie sehen Sie die Entwicklung der Honorare für TexterInnen?

BM: Natürlich haben sich meine Honorare erhöht. Begonnen hab ich vor 20 Jahren mit 40 DM in der Stunde. Ich weiß noch, wie stolz ich war, als ich dann 60 DM genommen hab. Heute nehme ich 90 Euro. Es ist alles teurer geworden. Wenn man das am Wert misst, hat sich da nicht viel verändert. Es ist aber ganz unterschiedlich, wie Kunden das annehmen. Je größer der Kunde und je liquider er ist, desto mehr wird gehandelt. Kleine Kunden fügen sich und zahlen. Die kommen gar nicht auf die Idee zu handeln.

bv: Was sind denn für Sie die Vorteile der Selbstständigkeit?

BM: Die absolute Selbstbestimmtheit ist durch nichts aufzuwiegen. Man könnte mir einen Job anbieten, wo ich jeden Monat 10.000 Euro netto verdiene. Würd ich nicht machen. Na ja, ich würd schon mal drüber nachdenken. (lacht) Als Selbstständige kann ich aber alles selber gestalten, bis ins kleinste Detail. Damit meine ich gar nicht das Aufstehen morgens, sondern die Kleinigkeiten. Natürlich muss ich sehen, dass die Studienplätze meiner Kinder nicht gefährdet sind und der Kühlschrank gefüllt ist. Aber ich möchte nicht tauschen. Mir ist es auch wichtig, dass ich entscheiden kann, wie ich mit den Leuten rede, ob ich rumflachse. Erst neulich hab ich einem Neukunden bereits am zweiten Tag das Du angeboten. Da war ich aber auch doppelt so alt, da durfte ich das. Ich find’s einfach schön, wenn meine Kunden meine Freunde werden oder es sich so anfühlt, als wären sie es. Ich brauch die Distanz nicht.

bv: Hat die Selbstständigkeit auch Nachteile in Ihren Augen?

BM: Na ja, sie ist halt selbst und ständig. Manchmal denke ich, ich bin ein Workoholic. Ich habe Freunde, geh ins Kino, mache, was alle Menschen so tun. Aber während andere am Feierabend Pullis stricken oder fernsehen, blogge ich oder suche Themen für meine Kunden. Ich arbeite eigentlich fast immer. Das ist einerseits schön, das mach ich ja gern. Ich kann aber nur ganz, ganz schlecht abschalten. Ich kann nicht sagen: So, es ist acht Uhr, ich mach jetzt Feierabend. Meine Arbeit krieg ich nie aus dem Kopf. Und der ganze Buchhaltungsscheiß natürlich. Den mach ich nicht gern.

bv: Welche Arbeitszeiten haben Sie?

BM: Ich werd ja auch älter und ruhiger, deshalb ist meine Kernarbeitszeit von neun bis fünf Uhr oder auch bis sechs Uhr. Es kann aber durchaus passieren, dass ich zu Hause um halb zehn den Laptop nochmal aufklappe. Seit ich nicht mehr im Homeoffice arbeite, sondern in einer Bürogemeinschaft, wird es besser, weil ich mich jetzt schwerer motivieren kann, zu Hause noch was zu tun. Ich käme zwar nie auf die Idee, einen Kunden auf morgen zu vertrösten, aber zu Hause mach ich jetzt fast nur noch Privates. Das finde ich eine angenehme Begleiterscheinung der Bürogemeinschaft: dass man das Gefühl für Arbeitszeiten bekommt und sowas wie Feierabend hat.

Social Media hat meinen Arbeitsalltag extrem verändert

bv: Was hat sich in diesem Job verändert, seit Sie schreiben?

BM: Technisch hat sich alles verändert, klar. Als ich anfing, hatte ich nur ein Fax und einen Computer, aber noch kein Internet. Auf jeden Fall hat sich auch das Tempo verändert und die Anspruchshaltung der Kunden. Das liegt an der Art und Vielfalt der Kommunikation. Kunden sagen: „Ich hab dir vor drei Stunden eine Mail geschrieben. Was ist? Du hast noch gar nicht reagiert!“ Das liegt aber auch daran, dass ich meine Kunden verwöhnt habe.
Social Media hat meinen Arbeitsalltag extrem verändert, diese riesige Informationsflut, und ich tu mich immer schwerer damit. Ich hab manchmal auch den Eindruck, dass ich mich zur Langsamkeit zwingen muss, weil alles andere zu Lasten der Qualität meiner Arbeit geht. Multitasking wird gefordert, man macht ja alles gleichzeitig. Früher war’s geruhsamer, und ich weiß nicht, ob ich dieses Tempo auf Dauer durchhalten kann. Früher hab ich an einem Tag ein Mailing gemacht, am nächsten einen Flyer. Heute schreib ich an einem Tag sieben Facebookseiten, fünf Blogartikel und Flyertexte noch dazu.

bv: In Ihrem Blog schreiben Sie: „mein Beruf macht mir Freude, aber das Motiv für meine Arbeit ist nicht Leidenschaft, sondern Lebensunterhaltssicherung.“ Für einen kreativen Beruf hört sich das sehr pragmatisch an. Waren Sie immer so pragmatisch?

BM: Ja, das ist eine meiner Hauptcharaktereigenschaften. Schlussendlich mach ich das alles fürs Geld. Aber was für ein glücklicher Umstand, so pragmatisch zu sein, und trotzdem seine Arbeit zu lieben!

bv: Welchen Stellenwert hat das reine Online-Texten heute aus Ihrer Sicht?

BM: Da bin ich vielleicht ein bisschen befangen, weil Online-Marketing mein Hauptstandbein ist. Insgesamt hab ich den Eindruck, dass Online den Print deutlich in die Ecke drängt. Kunden haben früher Broschüren gemacht und hinterlegen heute nur noch PDF-Dateien.

bv: Ist das eine gute Entwicklung?

BM: Ich halte es für eine ganz normale Entwicklung. Fortschritt wird ja am Anfang häufig als negativ oder anstrengend empfunden, und irgendwann ist es halt so. Ich selber bin aber ein absoluter Papierjunkie, ich druck mir auch die PDFs aus.

bv: Was würden Sie Leuten raten, die sich fürs Texten interessieren?

BM: Als erstes: mach mal drei Monate Praktikum bei mir. Da können die sich das angucken, was wirklich an Aufgaben anfällt. Richte dir ein Blog ein, such dir ein Thema, das dir am Herzen liegt, und fang an zu schreiben. Das kann ja nicht jeder, manche fühlen sich damit unwohl. Man muss erstmal ausprobieren, wie sich das anfühlt. Dann würde ich empfehlen, auch fürs eigene Selbstwertgefühl und Selbstbewusstsein, eine qualifizierte Fortbildung oder Kurse zu machen. Wenn man als Autodidakt unterwegs ist, hat man immer wieder Zweifel und fragt sich: „Ich nenn mich hier Texterin – ist das nicht anmaßend?“ Entscheidend ist aber, was hinten rauskommt, wie Kohl mal gesagt hat (lacht) – solange die Kunden zufrieden sind.

bv: Was sollte man, Ihrer Ansicht nach, unbedingt für diesen Job mitbringen?

BM: Disziplin, unbedingt, Geduld und Ausdauer. Und dann sollte man ein bisschen eloquent sein, freundlich, und gern und gut auf Menschen zugehen können. Aber man braucht auch eine gewisse Härte, wenn’s ums Verhandeln geht. Das ist ein typisches Frauenproblem: manchmal ist man nicht hart genug.

bv: Wäre es ratsam, sich auf ein bestimmtes Fachgebiet zu spezialisieren oder sind GeneralistInnen besser dran?

BM: Das ist so ein Ja-Nein-Ding. Eine Nische zu haben ist gut. Sie haben ja mit den Porträts eine perfekte Nische für sich gefunden. Mir persönlich wäre eine einzige Nische zu langweilig. Ich wüsste genau: nach drei Monaten müsste ich was Neues machen. Eine der Nischen in meinem Gemischtwarenladen ist Schmuck, und ich werde in der Branche empfohlen und rumgereicht. Aber nur das zu machen, würde mir irgendwann nicht mehr reichen. Ich finde, das ist eine Typfrage. Ich würde jedem raten, sich zwei, drei Nischen zu suchen, dann offen durch die Welt zu gehen und sich zu überlegen, was man sonst noch machen könnte.

bv: Herzlichen Dank für das Gespräch!


(Zuerst veröffentlicht am 24.09.2013 auf „Schreiben als Beruf“.)