Sachbücher schreiben: Simone Harland

Sachbuchautorin, Texterin und Redakteurin Simone Harland (Foto: privat)
Sachbuchautorin, Texterin und Redakteurin Simone Harland (Foto: privat)

Simone Harland ist Autorin und Mit-Autorin von über 60 Sachbüchern. Sie studierte Diplom-Sozialwissenschaften und machte im Anschluss ein Redaktions-Volontariat im Harenberg-Verlag. Nach fünf Jahren in einer festen Stelle machte sie sich 1995 als Autorin und Redakteurin selbstständig. Sie ist spezialisiert auf die Themen Medizin und Gesundheit, Arbeitsrecht, Wirtschafts- und Sozialpolitik, Zeitgeschichte, Ernährung und Familie. Seit kurzem bloggt sie auch aus dem Harland.

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Birte Vogel (bv): Frau Harland, Sie sind Autorin und Mit-Autorin sehr vieler Bücher. Haben Sie die eigentlich mal gezählt?

Simone Harland (SH): Nein. Ich hab irgendwann mal angefangen zu zählen, aber finde nicht alle wieder. Die sind übers ganze Haus verstreut. Ich weiß nur, dass es über 60 sind.

bv: Sie haben zunächst Sozialwissenschaften studiert. Wie kommt man von da zum Schreiben von Sachbüchern?

SH: Schreiben war immer mein Ziel, ich wollte immer was mit Journalismus machen und hab während des Studiums schon Praktika in Redaktionen gemacht. Aber es gab damals nicht so viele Möglichkeiten, was Journalistisches zu studieren. Dieser Studiengang war relativ weit gefächert, Publizistik und Kommunikationswissenschaften waren da mit eingebunden.

bv: Hat Sie das Studium denn aufs Schreiben vorbereitet?

SH: Es hat mir viele Grundlagen gebracht, nicht fürs Schreiben an sich, aber fürs Verständnis von Zusammenhängen. Ich habe auch Arbeitsrecht gemacht, was mir für meine Arbeitstexte viel gebracht hat.

bv: Was kam nach dem Studium?

SH: Ich hab mir erstmal ein Volontariat gesucht. Das war damals nur mit abgeschlossenem Studium möglich. Ich habe mich auf eine Zeitungsanzeige des Harenberg-Verlags beworben. Die hatten tausend Bewerber und haben zehn genommen. Und ich war dabei. Das hört sich sehr protzig an, aber ich glaube, ich habe einfach gut in die Redaktion hineingepasst.

Die Themenvielfalt ist sehr spannend

bv: Woraus bestand das Volontariat?

SH: Wir haben da alles von der Pike auf gelernt: Schreiben, Recherchieren, Lektorieren, Projektentwicklung. Harenberg brachte damals zum Beispiel das „Lexikon der Gegenwart“ heraus. Das hört sich vielleicht langweilig an, war es aber nicht. Denn es ging darum, zusammenzufassen, was in einem Jahr in einem Gebiet passiert ist. Das mussten wir genauso recherchieren wie Journalisten. Ich habe also das journalistische Handwerk mitgelernt und musste verschiedenste Textgattungen schreiben.

bv: Woraus besteht Ihre Arbeit heute?

SH: Ich schreibe Bücher, sowohl als Ghostwriter als auch als Autorin. Und ich mache eine Zeitschrift, führe dafür Interviews, suche die Themen aus usw.

bv: Die Themenvielfalt, über die Sie schreiben, ist ja sehr groß: „Der Mensch und seine Krankheiten“, „Hyperaktiv oder hochbegabt?“, „Neue Hochzeitsreden“, „Ratgeber Familie“ oder „Nie wieder Sodbrennen!“.

SH: Ich finde das einfach sehr spannend. Immer nur über das gleiche zu schreiben, wäre mir zu langweilig. Irgendwann gehen einem auch die Ideen aus, wenn man immer nur über das gleiche Thema schreibt.

bv: Wie sind Sie zu diesen medizinischen Themen gekommen?

SH: Ich wollte früher gern Medizin studieren, hatte also schon immer großes Interesse daran. Und dann ist es so wie mit den anderen Themengebieten: Man muss sich sehr detailliert einarbeiten, um ein ganzes Buch daraus machen zu können. Oberflächliches Wissen reicht da nicht. Ich finde es toll, dass ich mich immer in neue Themen einarbeiten darf. Ich lerne dadurch sehr viel. Allerdings vergesse ich danach auch viel. (lacht)

bv: Wenn Sie als Nicht-Medizinerin über medizinische Themen schreiben, haben Sie ja Ihren Leserinnen und Lesern gegenüber viel Verantwortung. Ich könnte mir vorstellen, dass das viel Druck auf Sie ausübt.

SH: Nein, gar nicht. Die Gesundheitsratgeber werden in der Regel nochmal von einem Mediziner geprüft.

bv: Gibt es Themen, über die Sie nie schreiben würden?

SH: Ja, alles was mit Kunsthistorik zu tun hat oder mit höherer Mathematik – da lass ich besser die Finger von. Mathematik für Dummies ginge vielleicht noch (lacht), aber das müsste auf unterem Level sein.

bv: Haben Sie ein Lieblingsthema?

SH: Ich würde sehr gerne über die verschiedenen Gesellschaftsschichten schreiben und das Auseinanderdriften der Gesellschaft. Aber momentan habe ich andere Bücher, die ich schreiben muss.

Verlage haben Honorare seit 23 Jahren nicht erhöht

bv: Wer sucht denn Ihre Buchthemen aus, die Verlage oder Sie selbst?

SH: Das kommt drauf an. Manche Verlage rufen an und fragen: „Können Sie mal da- und darüber schreiben?“ Ob ich die Aufträge annehme, kommt natürlich auf die Bezahlung und andere Faktoren an. Alles mach ich heute nicht mehr.

bv: Wie ist denn das Verhältnis von Auftragsarbeiten zu eigenen Themenvorschlägen?

SH: Ungefähr 80% Auftragsarbeiten und 20% eigene Themen. Zu den Auftragsarbeiten gehört auch das Ghostwriting. Früher war das wesentlich mehr, etwa 40% Ghosten und 60% unter meinem Namen. Heute sind es nur noch 20% Ghostwriting. Warum, weiß ich auch nicht. Vielleicht ist ja der Themenbereich eher für Auftragsarbeiten prädestiniert.

bv: Wie sieht denn die Honorarsituation in diesem Gebiet aus?

SH: Es ist nicht ganz einfach, sein Geld damit zu verdienen. Die Verlage haben, seit ich schreibe, die Honorare nicht erhöht.

bv: Seit 23 Jahren haben die Verlage die Honorare nicht erhöht?

SH: Nein. Und das ist schon wirklich bitter. Man muss da gut verhandeln können. Aber gute Honorare für Auftragsarbeiten sind schwieriger durchzusetzen als bei eigenen Themenvorschlägen. Es ist jedenfalls kein Job für Leute, die Sicherheit brauchen.

bv: Macht Ihnen das Sorgen?

SH: Nein, ich mache mir keine Gedanken, ich bin schon so lange im Job.

bv: Heißt das, dass man mit mehr Erfahrung auf jeden Fall höhere Honorare erwarten kann?

SH: Es ist immer eine Frage des Verhandlungsgeschicks und der Berufserfahrung. Und man kann sich selbst aber auch gewisse Sicherheiten schaffen. Ratgeberverlage haben zum Beispiel aufgrund des Internets sehr stark abgenommen. Wenn man nur für einen Verlag tätig ist, hat man natürlich ein Problem, wenn der dicht macht oder sein Programm runterfährt.

Der Trend geht zum erzählenden Sachbuch

bv: Wie wichtig ist das Publizieren fürs Internet in Ihrem Job?

SH: Ich selber schreibe momentan keine reinen E-Books. Auch die Verlage machen nicht explizit E-Books. Wenn ich jetzt aber entscheiden würde, ein Buch selbst herauszubringen, dann würde ich es wohl vorrangig als E-Book anbieten. Aber das ist ja enorm aufwändig. Beim Verlag ist man da, was z. B. Werbung betrifft, besser aufgehoben. Da weiß man, was man rauskriegt.

bv: Was hat sich im Sachbuchbereich verändert, seit Sie beruflich schreiben?

SH: Viele Verlage wurden geschlossen, der Falken-Verlag zum Beispiel. Reine Lexika- und Ratgeberverlage werden immer weniger, eindeutig wegen des Internets. Die Verlage hätten ihre Substanz auch im Internet verbreiten können, aber die Entwicklung wurde, glaube ich, einfach verpasst. Jetzt ist es für diese Verlage ohnehin zu spät, wie das Beispiel Brockhaus zeigt.

bv: Wohin geht denn der Sachbuch-Trend aus Ihrer Sicht?

SH: Der Trend geht eindeutig zum Humor und zum erzählenden Sachbuch. Es werden mehr Geschichten erzählt, zum Beispiel bei „Der König aller Krankheiten“  – das ist eine Biografie der Krankheit Krebs, wie sie sich in Tausenden Jahren entwickelt hat. Oder „Die Themse. Biographie eines Flusses„. Ein anderes Beispiel ist „Die Rüpel-Republik„. Da wird auf unterhaltsame Weise erzählt, wie Lösungen gefunden werden können.

bv: Und wie ist es um die grundsätzliche Lage für AutorInnen bestellt – nehmen die Aufträge ab?

SH: Der Sachbuchmarkt an sich geht nicht zurück, ob bei E-Books oder Totholzbüchern. Sachbücher sind durchaus noch im Kommen, aber eben andere als früher.

bv: Sie sind jetzt seit 18 Jahren freiberuflich tätig. Welche Vorteile hat die Freiberuflichkeit für Sie?

SH: Ich bin froh, nicht mehr in einem Gefängnis zu sitzen. Bitte nicht missverstehen: ich war damals in einer tollen Redaktion, wir sind heute noch befreundet. Aber ich hab mich immer eingesperrt gefühlt, ich konnte bei schönem Wetter nicht nach draußen gehen. Jetzt kann ich mir die Zeit frei einteilen, zwischendurch mit dem Hund spazieren gehen oder bis zehn Uhr abends arbeiten. Das ist für mich Luxus pur, rausgehen zu können, wann ich Lust dazu habe. Das Spazierengehen mit dem Hund ist mein Freiraum. Das bläst mir den Kopf frei. Unterwegs kommen mir die besten Ideen.

bv: Welche Nachteile hat die Selbstständigkeit?

SH: Dass ich mir meine Zeit frei einteilen kann (lacht schallend). Ich bin zwar gut darin, aber es gab Zeiten, da hab ich mindestens zehn Stunden am Tag gearbeitet, bis ich irgendwann auf dem Zahnfleisch gekrochen bin. Als Freiberufler versucht man ja, möglichst viel mitzunehmen. Heute kann ich die Aufträge mit jemandem teilen oder untervermitteln. Ich bin realistischer geworden. Und älter, das merkt man schon. Früher hat es mir nichts ausgemacht, bis zehn oder elf Uhr abends zu arbeiten. Heute liege ich da lieber im Bett, denn ich stehe um 5:20 Uhr auf.

bv: Welche Arbeitszeiten haben Sie?

SH: Ich fange um acht, halb neun an und arbeite immer bis mittags, wenn’s pressiert, auch nachmittags und abends. Ich hab das aber runtergefahren, als meine Kinder kleiner waren.

Volontariat ist zu empfehlen, Agentur nicht unbedingt nötig

bv: Kann man als Sachbuchautorin von einem Halbtagsjob leben? Insbesondere, da die Verlage, wie Sie sagten, seit über 20 Jahren die Honorare nicht erhöht haben.

SH: Nein, eine Familie könnte ich davon nicht ernähren. Wenn ich ganztags arbeiten würde, ginge das aber.

bv: Wie werden Sie bezahlt? Pauschal pro Buch, mit einem Garantiehonorar und/oder Tantiemen?

SH: Das kann ich mir teilweise aussuchen. Es gibt beides. Die Tantiemen liegen um die 8%. Das ist aber immer Verhandlungssache. Bei meinen eigenen Vorschlägen versuche ich immer entweder ein höheres Garantiehonorar oder eine höhere Beteiligung zu bekommen.

bv: Welche Möglichkeiten haben Ihrer Ansicht nach Leute, die mit dem Schreiben von Sachbüchern ihr Geld verdienen möchten?

SH: Ein Volontariat ist immer gut, darauf kann man aufbauen und dadurch kann man sich Kontakte schaffen. Es muss nicht im Buchverlag sein. Da wird heute weniger geschrieben, als lektoriert und Projekte gemanagt. Dass ich das Schreiben bei Harenberg gelernt habe, war damals schon eine Ausnahme. Ich würde ein Volontariat bei einer Zeitung, Zeitschrift oder eine Journalistenschule empfehlen. Dann hat man ein breites Wissen, man lernt, Themen anzubieten, Exposés zu schreiben.

bv: Braucht man eine Agentur, um an Aufträge zu kommen?

SH: Nein, eine Agentur ist nicht zwingend notwendig. Es gibt ohnehin nicht viele im Sachbuchbereich. Nach meiner Erfahrung kann man mit einem guten Exposé auch direkt bei Verlagen landen, wenn das Thema interessant, brisant oder aktuell ist und die Verlage glauben, dass Leute darüber unbedingt was lesen wollen. Wichtig ist ein professionelles Exposé und die Überlegung: wie mache ich das Thema schmackhaft? Am Ende ist es aber auch Glückssache, ob es klappt.

bv: Was sollte man, Ihrer Ansicht nach, unbedingt für diesen Job mitbringen?

SH: Durchhaltevermögen, Neugier, man sollte sich in neue Themen einarbeiten wollen, dazulernen wollen, man muss Rückschläge einstecken können und darf nicht alles persönlich nehmen. Und als Freiberufler muss man sich gut selbst organisieren können.

bv: Wäre es ratsam, sich auf ein bestimmtes Fachgebiet zu spezialisieren oder sind GeneralistInnen besser dran?

SH: Viele Experten schreiben mal ein Sachbuch oder lassen es schreiben. Man studiert ja nicht ein Fach wie Biologie, um Sachbuchautor zu werden. Aber sich als Experte für irgendwas ausweisen zu können, ist spitze.

bv: Wie wichtig waren Vorbilder für Ihren Weg? Und welche waren das?

SH: Da muss ich doch glatt überlegen. Nein, ich hab keine. Höchstens jemanden wie Wolf Schneider, weil es so wichtig ist, gut schreiben zu können. Wenn’s nicht um Sachbücher geht, dann auf jeden Fall Stephen King, weil der Mann großartig schreiben kann. Er kann mit einfachen Worten ganze Charakterstudien zeichnen und Gefühle erwecken. So möcht‘ ich schreiben können!

bv: Herzlichen Dank für das Gespräch!


(Zuerst veröffentlicht am 03.07.2013 auf „Schreiben als Beruf“.)