Blind vertrauen? Wenn Sie Porträts schreiben, muss Ihr Gegenüber Ihnen vertrauen können. (Foto: La-Liana / pixelio.de)

Porträts schreiben – Vertrauen aufbauen (8)

Einfach mal den Schnabel halten – wenn Sie dreidimensionale Porträts schreiben wollen, muss Ihr Gegenüber Ihnen vertrauen können. (Foto: La-Liana / pixelio.de)
Einfach mal den Schnabel halten – wenn Sie dreidimensionale Porträts schreiben wollen, muss Ihr Gegenüber Ihnen vertrauen können. (Foto: La-Liana / pixelio.de)

Wenn Sie lebendige, dreidimensionale Porträts schreiben möchten, dann ist das Vertrauen nicht nur ein zentraler, sondern ein ebenfalls dreidimensionaler Faktor. Erstens müssen Sie Ihrem Gegenüber vertrauen können, dass das, was Sie nicht nachprüfen können, der Wahrheit entspricht (z. B. die Wiedergabe privater Gespräche mit mittlerweile verstorbenen Personen).

Zweitens vertrauen die Leser_innen Ihnen und Ihrem Gegenüber, sie mit dem Geschriebenen nicht übers Ohr zu hauen. Was passieren kann, wenn Sie es dennoch tun, zeigt die Geschichte des einstigen Interview-Stars des Süddeutsche Zeitung Magazins, Tom Kummer, der nach 19 fiktiven „Exklusiv-Interviews“ mit amerikanischen Superstars heute sein Geld hauptsächlich als Tennislehrer verdient.

Und drittens muss die zu porträtierende Person Ihnen vertrauen. Sie muss darin vertrauen können, dass Sie die Informationen, die Sie bekommen, sorgsam und vertraulich behandeln. Dazu gehört, dass Sie sehr genau auswählen, worüber Sie in Ihrem Porträt schreiben werden – dass Sie bestimmte sensible Informationen, so verlockend es manchmal sein mag, nicht nutzen, weil sie z. B. der porträtierten Person oder Dritten möglicherweise unzumutbaren Schaden zufügen.

Vertrauen ist einer der wichtigsten Faktoren für das Gelingen des Porträts

Dazu gehört aber auch, dass Sie die (unveröffentlichten) Einzelheiten des Gesprächs nicht in Ihrem Freundeskreis, auf Facebook oder bei einem Kurs, in dem Sie von Ihrer Arbeit berichten sollen, verbreiten. Auch hier mag es sehr verführerisch sein, trotzdem darüber zu sprechen, denn Sie können sich dadurch der Aufmerksamkeit Ihres Publikums und jeder Menge Lacher sicher sein, erst recht, wenn es um prominente Personen geht. Doch Sie missbrauchen damit das Vertrauen dieser Personen.

Dieses Vertrauen ist jedoch einer der wichtigsten Faktoren für das Gelingen Ihres Textes. Vertraut Ihr Gegenüber Ihnen nicht, bekommen Sie von ihm nichts als Oberfläche und dünne Phrasen, wie wir Sie seit Jahrzehnten aus der Politik kennen. Das möchte heute kein Mensch mehr lesen. Doch wie kann man Vertrauen schaffen?

Wie schafft man Vertrauen?

Vertrauen kann schon dann entstehen, wenn die Chemie stimmt. Dies ist längst nicht immer der Fall, doch wäre das kein Grund, aufzugeben. Es wäre nur ein Grund mehr, die folgenden Punkte konsequenter zu beachten, die dabei helfen, Vertrauen entstehen zu lassen:

  1.  Ehrliches Interesse, statt Zitatejagd

    Ihr Gegenüber spürt in der Regel sehr genau, ob Sie nur einen Pflichttermin absolvieren, ob sie nur Ihren Fragenkatalog abspulen, ob sie nur auf Sensations- und Zitatejagd sind oder ob Sie ein ehrliches Interesse an seiner Person und Geschichte haben. Letzteres können Sie Ihrem Gegenüber durch gute Vorbereitung beweisen, durch aktives Zuhören und durch die Art Ihrer Fragen.

  2. Neutrale Haltung

    Im Falle bspw. eines Kindsmörders mag es schwerfallen, neutral zu bleiben – das Leid der Opfer und ihres Umfelds geht so sehr zu Herzen, dass es nicht einfach ist, bei der Vorbereitung und im Gespräch sachlich zu bleiben und irgendein Interesse an der Person selbst zu haben. Doch sollte Ihre Haltung möglichst eine neutrale, wertungsfreie sein (mehr dazu in „Porträts schreiben – Ihre Haltung (6)„), auch bei einem Menschen, dessen Taten Sie persönlich abstoßend finden. Gleiches gilt auch für jemanden, der Ihnen besonders sympathisch ist. Es ist wichtig, offen dafür zu bleiben, dass Sie Ihr Bild oder Ihre vorgefasste Meinung von der zu porträtierenden Person (vollkommen) revidieren müssen. Diese Offenheit kann Ihr Gegenüber dazu bringen, Ihnen zu vertrauen und sich zu öffnen.

  3. Verstehen wollen

    Nicht alles kann man verstehen, bestimmte Handlungen sind sehr schwer nachzuvollziehen. Viele Menschen wollen auch gar nicht verstehen, warum ein Mann einer Frau Säure ins Gesicht schüttet oder warum eine westliche, modern erzogene Frau beschließt, ein Kopftuch zu tragen. Als Journalist_innen, insbesondere beim Porträtschreiben, müssen wir aber zumindest versuchen, die Beweggründe zu verstehen. Denn unsere Aufgabe ist es nicht nur, das Oberflächliche darzustellen, sondern auch die Hintergründe so aufzubereiten, dass die Leser_innen die Möglichkeit haben, sich ihre eigene Meinung dazu bilden zu können. Das bedeutet, Sie müssen zumindest versuchen, zu verstehen. Zeigen Sie Ihrem Gegenüber, dass Sie verstehen wollen – das allein kann manche Barriere zwischen Ihnen durchbrechen.

  4. Nur mit offenen Karten

    Spielen Sie immer mit offenen Karten. Erwarten Sie nicht nur Ehrlichkeit von Ihrem Gegenüber, sondern seien Sie selbst ehrlich und glaubwürdig. Wenn Sie beim Porträtschreiben vorhaben, bestimmte sensible Informationen zu nutzen, egal, ob es irgendjemandem Schaden zufügt oder nicht, dann müssen Sie Ihr Gegenüber darauf hinweisen. Wenn Sie hingegen so tun, als würden Sie diese Dinge selbstverständlich vertraulich behandeln, sie dann aber doch veröffentlichen, dann können Sie sich nicht nur großen Ärger einhandeln, sondern werden in Zukunft noch stärker um das Vertrauen ihrer Gesprächspartner_innen kämpfen müssen.

  5. Sich selbst öffnen

    In einem Porträt geht es in der Regel um die zu porträtierende Person, nicht um Sie. Doch dürfen Sie nicht erwarten, dass Ihre Gesprächspartner_innen Ihnen gegenüber ganz offen über ihr Leben berichten, während Sie die verschlossene Auster mimen, weil es ja gar nicht um Sie geht. Vertrauen gewinnen Sie nur, wenn Sie sich selbst ebenfalls öffnen. Sie müssen nicht gleich Ihr ganzes Herz ausschütten, denn Sie sind ja nicht dort, um eine enge Freundschaft zu knüpfen. Doch wenn Ihr Gegenüber auch etwas über Sie wissen möchte, dann sollten Sie sich darauf einlassen und von sich selbst erzählen.

  6. Äußerlichkeiten können entscheidend sein

    Je besser Sie äußerlich in die Welt Ihrer Gesprächspartner_innen passen, desto leichter ist die erste Schwelle übersprungen. Denn dann hat Ihr Gegenüber schon gleich das Gefühl: „Die kennt meine Welt / der könnte mich verstehen.“ Wenn Sie eine international erfolgreiche Firmengründerin interviewen, ist es hilfreich, wenn Sie am Morgen frische, gebügelte Kleidung angezogen und die gammelige Strickjacke gegen einen Blazer / ein Jackett getauscht haben. Wenn Sie einen Punker interviewen, sollten Sie den Blazer / das Jackett besser zu Hause lassen. Überlegen Sie sich auch sehr gut, ob Sie vor dem Gespräch wirklich noch in einen Parfümtopf fallen oder nach Knoblauch/Alkohol/Zigaretten/3-Tage-nicht-gewaschen müffen müssen.

Manches mag Ihnen übertrieben vorkommen, gerade die letzten beiden Punkte. Doch sollten Sie immer bedenken, dass Sie etwas von Ihrem Gegenüber wollen, nicht umgekehrt. Vertrauen ist nichts, was man auf rein sachlicher Ebene gewinnt, sondern es hat immer mit Gefühlen zu tun – vieles davon läuft unbewusst ab, auch die Einschätzung des Gegenübers aufgrund von Äußerlichkeiten oder aufgrund des Maßes, in dem man sich öffnet. Vertrauen ist nie einseitig – Sie müssen immer erst etwas geben, bevor Sie etwas bekommen können.

(Dieses Posting ist Teil meiner Serie „Porträts schreiben“.)

Schreiben Sie selbst Porträts und kommen nicht weiter? Ich berate Sie gern!

Birte Vogel

Ich bin freie Journalistin & Texterin und schreibe Pressetexte, Webtexte, Imagetexte, Reden, Fach- und Sachbücher, Handouts, Newsletter, Broschüren, Editorials, Porträts, Kolumnen, Blogtexte, Biografien, Chroniken u. v. m. für Medien, Selbstständige und Unternehmen.

Kontakt:
Tel.: 04702 - 521 79 60
E-Mail: post[at]birtevogel.de

2 thoughts on “Porträts schreiben – Vertrauen aufbauen (8)

  1. Hallo Birte,

    danke für diesen guten Artikel. Man sollte sich wirklich öfters öffnen, damit die Menschen einen so sehen, wie man wirklich ist.
    Im Berufsleben finde ich das mit den offenen Karten sehr wichtig. Als Kunde möchte man wissen, wo und wie man steht und nicht erst später überrumpelt werden.

    Dein Schreibstil gefällt mir auch sehr gut 🙂

    Liebe Grüße.

    • Vielen Dank für das nette Kompliment, Isabel! 🙂
      Es ist sicher für niemanden leicht, sich zu öffnen – und zu häufig wird dieses Vertrauen ja auch missbraucht. Dennoch ist das besonders wichtig beim Porträtschreiben: sich das Vertrauen des Gegenübers zu verdienen, und es eben nicht auszunutzen.
      Und Du hast recht, dass es auch in der Zusammenarbeit mit Kund_innen wichtig ist – eigentlich unterscheidet sich das gar nicht groß vom Porträtschreiben: offene Karten und gegenseitiges Vertrauen sind immer noch die Basis der besten (und längsten) Geschäftsbeziehungen.

      (P. S.: Für alle, die meinen Schreibstil ebenfalls mögen – ich schreibe auch für Unternehmen: http://nordsee-text.de 😉 )

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