Porträts schreiben und (selbst bei Politiker_innen) unvoreingenommen bleiben? Nicht umsonst gilt das Porträt als Königsdisziplin. (Foto: Tim Reckmann / pixelio.de)

Porträts schreiben – Ihre Haltung (6)

Porträts schreiben und unvoreingenommen bleiben – selbst bei beliebten oder unbeliebten Politiker_innen? Ja! (Foto: Tim Reckmann / pixelio.de)
Porträts schreiben und unvoreingenommen bleiben – selbst bei beliebten oder unbeliebten Politiker_innen? Ja! (Foto: Tim Reckmann / pixelio.de)

Wenn Sie Porträts schreiben, sollten Sie möglichst unvoreingenommen in die Gespräche gehen. – Bei diesem Satz rollen viele Kolleg_innen mit den Augen, denn eine vollkommene Unvoreingenommenheit ist gar nicht machbar. Schon beim ersten Anblick einer Person, über die wir bis dato rein gar nichts wussten, machen wir uns ein Bild von ihr. Wir schauen sie an und stecken sie (meist ganz unbewusst) in irgendeine Schublade.

Die Kunst ist es jedoch, diese Schubladen anschließend ganz bewusst wieder aufzuziehen. Sich selbst zu öffnen, sämtliche Vor-Urteile beiseite zu schieben und nochmal bei Null anzufangen.

Das ist jedoch gar nicht so einfach, erst recht, wenn es um bekannte Persönlichkeiten geht wie den SPD-Politiker Peer Steinbrück auf dem Foto oben. Nachdem er im letzten Bundestagswahlkampf eine sehr breite Medienpräsenz hatte, wäre es ziemlich schwer, heute ohne ein bereits recht festgefügtes Bild in ein Interview mit ihm zu gehen. Doch nicht umsonst heißt es, das Porträtschreiben sei die Königsdisziplin des Journalismus.

Keine Zeit + kein Geld = kein Interesse? Nicht beim Porträtschreiben.

Manche schieben eine vermeintliche Unvoreingenommenheit vor, um sich auf Interviews gar nicht erst vorbereiten zu müssen. Sie argumentieren, je weniger sie über die Person wüssten, desto unvoreingenommener könnten sie ihr begegnen. Was dann jedoch zu der Gesprächseröffnung führt: “Ich soll über Sie schreiben, weiß aber gar nicht, was Sie so machen. Erzählen Sie mal!”, die im Porträtschreiben, wie ich schon in „Porträts schreiben – Die Vorbereitung“ erwähnte, absolut inakzeptabel ist. Auch der Hinweis auf mangelnde Zeit und zu geringes Honorar weckt bei Ihrem Gegenüber kein Vertrauen in Sie. Im Gegenteil, solche Sätze suggerieren, dass Sie weder Interesse an, noch Respekt vor Ihrem Gegenüber haben, und können dazu führen, dass es dicht macht. Am Ende werden Sie mit sehr viel weniger Informationen an Ihren Schreibtisch zurückkehren, als hätten Sie sich ausführlich vorbereitet.

Es gibt natürlich auch Journalist_innen, die sich tatsächlich nicht für ihr Gegenüber interessieren. Ihnen ist ihr eigener Witz, ihre Respektlosigkeit und Selbstinszenierung und teils auch die Demontage ihres Gegenübers wichtiger, als die Aufgabe, ihren Leser_innen einen so ausgewogenen Text zu liefern, dass die sich mit dessen Hilfe ein eigenes Bild von den Porträtierten machen können. Das mag in Klatsch- und Satireblättern oder -rubriken sehr gefragt sein; für lebendige, dreidimensionale Porträts taugt diese Haltung nicht. Es kann Sie natürlich niemand dazu zwingen, sich für eine Person zu interessieren. Doch wenn Sie tatsächlich kein Interesse an jemandem haben, sollten Sie sich fragen, ob Sie die richtige Person für dieses Porträt oder sogar generell fürs Porträtschreiben sind.

Es gibt nur eine einzige Ausnahme, in der Voreingenommenheit sogar erwünscht ist: zweckgebundene Porträts z. B. zur Imagepflege eines Unternehmens oder einer Partei. Ob das Porträt am Ende einseitig sein muss und wie sehr, wird u. a. von Auftraggeber_in, Medium und Anlass bestimmt. Zu dieser Sonderform der Porträts werde ich in einem anderen Posting nochmal zurückkommen.

Wie kann größtmögliche Unvoreingenommenheit erlangt werden?

Wie kann man nun trotz ausgiebiger Vorbereitung unvoreingenommen in ein Interview gehen, erst recht wenn die bisherigen Erkenntnisse über die Person sehr einseitig sind? Der erste und wichtigste Schritt ist, sich während der Recherche und in den Gesprächen (aber auch später während des Schreibens) immer wieder ganz bewusst zu fragen, ob man zu einseitig fragt, beobachtet (und schreibt); ob man sich nicht doch schon eine feste Meinung gebildet hat; ob man offen genug für das genaue Gegenteil wäre; und ob man der Person, die einem vertraut, wirklich gerecht wird. Auf den letzten Aspekt werde ich auch in einem anderen Posting noch einmal zu sprechen kommen.

Die Überprüfung der eigenen Motive ist der zweite Schritt. Welche Gründe haben Sie dafür, sich so auf das Gespräch vorzubereiten oder den Text so zu schreiben wie Sie es tun? Gibt Ihnen das Medium, für das Sie schreiben, bereits eine Denkrichtung vor? Sind Sie wirklich gezwungen, der zu folgen? Ist Ihnen die Person unsympathisch, haben Sie noch eine Rechnung mit ihr offen und würden Sie ihr gerne eins reinwürgen? Manche meinen, genau dies sei z. B. im letzten Bundestagswahlkampf mit Peer Steinbrück geschehen. Er schien überhaupt keine sympathischen Züge oder positiven Eigenschaften mehr zu haben – was nach Meinung vieler nicht nur im Stinkefinger-Cover des Süddeutsche Zeitung Magazins gipfelte, sondern auch darin, dass im TV-Duell der beiden Kanzlerkandidat_innen der Moderator Stefan Raab seine harmlosen Spaßfragen ausschließlich Angela Merkel stellte, die dadurch ganz automatisch besser wegkam.

Voreingenommenheit zeigt sich aber nicht nur durch Unsympathie. Auch das Gegenteil, das Schwärmen für eine Person, trägt nicht automatisch zu einer ausgewogenen Vorbereitung bei, da negative Informationen, die das schöne Bild stören könnten, möglicherweise bewusst oder unbewusst übersehen oder für unwichtig erachtet werden.

Es geht um die Realität Ihres Gegenübers, nicht Ihre eigene

Der dritte Schritt ist Offenheit. Seien Sie jederzeit bereit, Ihre eigenen Erkenntnisse, Erfahrungen und Ihr vorgefasstes Urteil im Laufe der Interviews und des Schreibens zu revidieren. Das bedeutet auch, zu erkennen, ob Sie im Gespräch nur ihr Vor-Urteil bestätigt sehen wollen. Dann müssen Sie solchen Antworten, die ein anderes, neues Bild entwerfen, nachgehen, anstatt sie zu übergehen. Der Journalist Michael Obert beschrieb in einem anderen Zusammenhang die perfekte Porträt-Haltung so:

„In solch einem Moment musst du aus deinen Erfahrungen zurücktreten, dann nimmt [dein Gegenüber] dich mit in [seine] eigene Realität.“

Und genau um die geht es: die Realität Ihres Gegenübers, nicht Ihre eigene. Und für diese Realität müssen Sie offen sein, Interesse haben (nicht nur zeigen). Wenn Sie nur einen Fragenkatalog abspulen, Hauptsache, Sie bekommen irgendetwas, über das Sie schreiben können, wird Ihr Gegenüber sich genauso wenig Mühe geben, Ihnen etwas Interessantes zu liefern. Hand in Hand mit Unvoreingenommenheit und Interesse geht der Respekt für Ihr Gegenüber, für seine Person, seine Handlungen, seine Entscheidungen und sein Leben. Mehr zu diesem Respekt aber, wie gesagt, ein anderes Mal.

(Dieses Posting ist Teil meiner Serie „Porträts schreiben„.)

 

Birte Vogel

Ich bin freie Journalistin & Autorin, schreibe Sachbücher (selbst und als Ghostwriterin) und coache Unternehmer_innen von der Idee bis zum fertigen Buch (auch hier vor Ort auf Amrum). Und ich berate Journalist_innen, wie sie aus ganz guten Porträts herausragende machen können.
Kontakt:
Tel.: 04682 – 96 842 37
E-Mail: vogel[at]nordsee-text.de

Schreibe einen Kommentar