Porträts schreiben: Sollte man Interviews aufnehmen oder nur mitschreiben? (Foto: Lutz Doblies / pixelio.de)

Porträts schreiben – Aufnehmen oder mitschreiben? (9)

Porträts schreiben: Sollte man Interviews aufnehmen oder nur mitschreiben? (Foto: Lutz Doblies / pixelio.de)
Porträts schreiben: Sollte man Interviews aufnehmen oder nur mitschreiben? (Foto: Lutz Doblies / pixelio.de)

Auch bei der Frage, ob Sie die Gespräche aufnehmen oder mitschreiben sollen, wenn Sie Porträts schreiben, sollten Sie zunächst diese Faktoren prüfen: wen interviewen Sie, wo erscheint das Porträt, und wie hoch ist Ihr Honorar?

Warum ist das wichtig? Der erste Punkt (wen interviewen Sie?) ist deshalb wichtig, weil es von einigen Menschen weidlich bekannt ist, dass sie Dinge, die sie im Interview äußern, hinterher niemals (so) gesagt haben wollen. Dies können Sie nur sicher widerlegen, wenn Sie das Gespräch auf Band aufgezeichnet haben. Außerdem können Sie im Nachhinein auf dem Band Untertöne und Nebengeräusche hören, die Ihnen im Gespräch entgangen sind.

Für welches Medium und für welches Honorar Sie schreiben ist von Bedeutung, wenn es um Ihren Aufwand geht. Zwar haben Sie mit einer Original-Tonaufnahme eine Beweissicherheit und müssen sich nicht nur auf rudimentäre Notizen und die Erinnerung verlassen. Doch wenn Sie nicht mitschreiben und das Gespräch nur aufnehmen, bedeutet das im Anschluss teils erhebliche Mehrarbeit, da das Gespräch zunächst transkribiert werden muss oder man es zumindest noch einmal anhören und sich dabei die nötigen Notizen machen muss. Diese zusätzliche Zeit bezahlt Ihnen in der Regel niemand, und Sie müssen abwägen, ob Sie mit Ihrem Porträt Ihrem Gegenüber und Ihren Leser_innen auch bei geringerem Aufwand noch gerecht werden können.

Beim Mitschreiben verlieren Sie Blickkontakt

Schreiben Sie jedoch nur mit, dann sind die Zitate oft nicht wortgetreu, möglicherweise auch nicht ganz korrekt. Doch bei einem Porträt geht es nicht nur um Genauigkeit, sondern auch um den Sound. Wie spricht eine Person, welche Worte wählt sie, wie klingt sie?

Hinzu kommt, dass Sie beim Mitschreiben den Blickkontakt verlieren. Um ja nichts zu verpassen, um jedes gute Zitat festzuhalten, schreiben Sie unentwegt und können dabei die Mimik, die Blicke und die Bewegungen des Gegenübers nicht mehr sehen, geschweige denn in den Notizen festhalten. Wenn Sie das Gespräch jedoch aufzeichnen, können Sie sich auf Ihr Gegenüber und das Gespräch voll konzentrieren und müssen sich nur ab und zu Notizen machen, wenn etwas Besonderes geschieht, das Sie aus der Tonaufnahme nicht heraushören können.

Wägen Sie also gut ab, welche Leistung Sie für dieses Medium und Honorar bieten können und ob Sie damit der zu porträtierenden Person immer noch gerecht werden können.

Für die Tonaufnahmen gibt es heute zahlreiche Möglichkeiten vom Diktiergerät über Smartpens bis hin zu Apps. Ich selbst habe eine Zeitlang mit einem Smartpen gearbeitet, einem ziemlich dicken Stift, der hervorragende Tonaufnahmen machte und gleichzeitig die eigenen Notizen auf präpariertem Papier digitalisiert und mit der Tonaufnahme synchronisiert. Der Stift hatte sich als hervorragender „Eisbrecher“ bewährt, denn die James-Bond-artige Technik hat meine Gesprächspartner_innen alle staunen (und sich dabei entspannen) lassen. Hinzu kam, dass er äußerlich lediglich wie ein (dicker) Stift aussieht, sodass er meine Gegenüber nie nervös machte – sie vergaßen schnell, dass er das Interview aufzeichnete.

Aufnahmegerät sollte über Strom aufladbar sein

Der große Nachteil war jedoch, dass er ausschließlich über USB aufladbar war, nicht über ein Stromkabel. So ist er mitten in einem langen Porträt-Interview, trotz angeblich vollen Akkus, ohne einen Warnton ausgegangen, und ich hatte (natürlich) nicht noch meinen Computer mitgeschleppt. Nicht nur verlor ich auf diese Weise jede Menge schöner Zitate, ich irritierte meinen Gesprächspartner auch dadurch, dass ich ihn um eine Pause bat und hektisch mein Ersatzgerät an den Start brachte. Ich hatte den Smartpen bis dahin wärmstens empfohlen – heute würde ich das nicht mehr tun, da die Aufladung nach wie vor nur über USB möglich ist. Für Interviews ist das meines Erachtens nicht gut und sicher genug. Apps sind da wesentlich empfehlenswerter, da Smartphones immer auch übers Stromkabel aufgeladen werden. Sie sollten allerdings in Ihren Einstellungen sichergehen, dass Ihre Aufnahmedaten nirgendwohin übertragen werden, wo Sie keinen Zugriff haben bzw. wo noch andere Zugriff haben könnten.

Sollten Sie sich für eine Tonaufnahme entscheiden, sorgen Sie in jedem Fall dafür, mindestens ein Ersatzgerät dabei zu haben. Sollten Sie sich gegen eine Tonaufnahme entscheiden, lernen Sie entweder, furchtbar schnell oder möglichst ohne hinzuschauen zu schreiben. Was bei handschriftlichen Notizen schwierig werden könnte, ist an Laptops oder Tablet-Computern schnell zu lernen. Allerdings steht bei einem Laptop der Monitor zwischen Ihnen und Ihrem Gegenüber und bildet möglicherweise eine Barriere, die kontraproduktiv sein kann.

Auch wenn es jetzt so scheinen mag, dass Sie nur die Wahl haben zwischen sehr viel mehr Arbeit (aber Genauigkeit bei den Zitaten) und weniger Arbeit (aber möglicherweise falsch mitgeschriebenen Zitaten), ist dazwischen natürlich sehr viel Spielraum. Mit ein wenig Erfahrung werden Sie wissen, was für Sie besser funktioniert, aufzunehmen oder mitzuschreiben (oder beides).

(Dieses Posting ist Teil meiner Serie „Porträts schreiben“.)

Schreiben Sie selbst Porträts und kommen nicht weiter? Ich berate Sie gern!

Birte Vogel

Ich bin freie Journalistin & Autorin, schreibe heute aber aus Selbsterhaltungstrieb nur noch Texte für Unternehmen. Ich ghoste Sachbücher und coache Unternehmer_innen von der Idee bis zum fertigen Buch (demnächst auch hier vor Ort auf der Nordseeinsel Amrum). Und ich berate Journalist_innen, wie sie aus ganz guten Porträts herausragende machen können.
Kontakt:
Tel.: 04682 – 96 842 37
E-Mail: post[at]birtevogel.de

2 Gedanken zu “Porträts schreiben – Aufnehmen oder mitschreiben? (9)

  1. Ich zeichne in der Regel die Gespräche auf und schreibe stichwortartig mit. Ich notiere Gesten, bestimmte Wiederholungen, Betonungen etc., also alles, was mir während des Gesprächs auffällt. Das muss nicht immer Verwendung finden, hilft mir aber, später, wenn ich das Gespräch Revue passieren lasse (für mich der wichtigste Teil: Woran erinnere ich mich, ohne auf die Notizen zu schauen, ohne das Band abzuhören?). Und ich notiere, wenn ein Satz, eine Aussage mir besonders relevant erscheint, den Zeitpunkt, dann finde ich sie leicht. Meistens höre ich mir das Gespräch zur Gänze noch einmal an. Mir fallen da immer wieder Sachen auf, die ich im Gespräch überhört habe. Oft sehr spannende Details, Änderungen in der Tonlage, Wiederholungen … Transkribieren tue ich selten; das kostet viel Zeit und diese wird – wie du schreibst – selten bezahlt, leider.

  2. Stimmt, Susanne, in der Tonaufnahme hört man so vieles, das man vorher nicht wahrgenommen hat.

    Interessant, dass für Dich der wichtigste Teil ist, woran Du Dich ohne Notizen und Band erinnerst. Schreibst Du Dir das dann auf oder kannst Du Dir so etwas behalten? Ich (das kommt aber erst im nächsten Posting) muss mir das sofort aufschreiben, da mehrere Stunden Gespräch so unwahrscheinlich viel Information und Eindrücke bedeuten, dass diese Dinge schnell in den Hintergrund rücken (um nicht zu sagen: vergessen sind). Dabei gehören sie m. E. zu den wichtigsten Bestandteilen eines dreidimensionalen Porträts.

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