Eindeutig in der Minderheit, und dennoch immer öfter alleinig präsent. Mir reicht's! (Foto: Tim Reckmann / pixelio.de)

Mir reicht’s! – Ich bin nicht „der Wähler“, „der Leser“, „der Bürger“!

Eindeutig in der Minderheit, und dennoch immer öfter alleinig präsent. Mir reicht's! (Foto: Tim Reckmann / pixelio.de)
Eindeutig in der Minderheit, und dennoch immer öfter alleinig präsent. Mir reicht’s! (Foto: Tim Reckmann / pixelio.de)

Immer mehr Medien haben den Plural verlernt. Bei Wahlen geht „der Wähler“ an die Urne, „der Bürger“ geht auf die Barrikaden, „der Leser“ liest immer häufiger digital, und im Einzelhandel ist „der Verbraucher“ verantwortlich für ein gutes Weihnachtsgeschäft.

Alles nur Männer? Oder soll ich mich etwa von diesen Bezeichnungen auch angesprochen fühlen? Vergessen Sie’s! Der männliche Plural, der unsere Sprache bislang beherrschte, war (und ist) für mich als Frau schon nicht akzeptabel. Und den nun durch den männlichen Singular zu ersetzen – geht’s noch?

Wissen Sie, wie sich die Bevölkerung in Deutschland zusammensetzt? So:

Weiblich Männlich
41,2 Millionen 39,5 Millionen
51,1 % 48,9 %

(Stand 2013, Quelle: Statistisches Bundesamt und mein Taschenrechner)

Selbst Menschen, die (wie ich) mathematisch ein bisschen beeinträchtigt sind, werden zugeben müssen, dass der weibliche Anteil an der Bevölkerung deutlich sichtbar höher ist als der männliche Anteil, und zwar um 1,7 Millionen Menschen bzw. 2,2 Prozent. Nach Adam Riese ist die weibliche Bevölkerung also ganz klar in der Mehrheit. Können Sie mir folgen?

Und jetzt erklär mir doch bitte mal jemand, warum so viele Medien zunehmend diese klare Mehrheit der Bevölkerung sprachlich ausschließen? Weil Zeit Geld ist und sich „der Verbraucher“ schneller sagt als „die Verbraucherinnen und Verbraucher“? Weil sich Männer ja von einem weiblichen Plural gar nicht angesprochen fühlen würden? Weil „der Zuschauer“, „der Leser“ und „der Hörer“ sich ja nicht an einen anderen, geschlechtergerechten Plural gewöhnen kann oder will? Weil sich noch keine Frau darüber beschwert hat?

Sprache richtet nichts aus?

Dann beschwere ich mich jetzt mal. Mir reicht’s! Nicht nur als Frau und als Journalistin, sondern auch als GEZ-Gebührenzahlerin lehne ich diese zunehmende Vermännlichung unserer Sprache ab. Ich erwarte, dass Sie, liebe Kolleginnen und Kollegen – nicht nur, aber insbesondere im öffentlich-rechtlichen Rundfunk und Fernsehen – mich und den Rest der Mehrheit dieses Landes sprachlich endlich wieder mit einschließen. Ich fordere, dass Sie sich die Zeit nehmen, „Wählerinnen und Wähler“ zu sagen und zu schreiben, bis wir alle uns auf einen geschlechtergerechten Plural haben einigen können. (Dafür müsste allerdings erst einmal eine öffentliche Debatte zu diesem Thema in Gang kommen, aber das kann erfahrungsgemäß dauern.)

Die grassierende männliche Versingularisierung des ohnehin schon in der Regel männlichen Plurals nehme ich nicht länger hin. Ich als Frau finde sprachlich in der öffentlichen Diskussion kaum noch statt. Ich und der Rest der Mehrheit dieses Landes werden immer häufiger ausgeschlossen aus Ihren Nachrichten, Kommentaren, Beiträgen, Reportagen und Diskussionen.

Wir schreiben das Jahr 2014. Seit 65 Jahren ist das Grundgesetz in Kraft. Dort ist fest- und vorgeschrieben, dass Frauen und Männer gleichberechtigt sind und nicht benachteiligt werden dürfen. Sie jedoch, liebe Kolleginnen und Kollegen, tun genau dies täglich mit mir und der Mehrheit der Bevölkerung, indem Sie uns sprachlich nicht vorkommen lassen. Merken Sie das gar nicht (mehr)?

Schau einer an, der Leser von heute trägt also Handtasche. (Screenshot: www.bibliofeles.de/2014/03/19/rezension-sachen-machen-was-ich-immer-schon-tun-wollte-von-isabel-bogdan)
Schau einer an, der Leser von heute trägt also Handtasche. (Screenshot: www.bibliofeles.de/2014/03/19/rezension-sachen-machen-was-ich-immer-schon-tun-wollte-von-isabel-bogdan)

Sehr viele denken, Sprache sei nur ein Werkzeug, sie würde ja nicht wirklich etwas ausrichten (dazu empfehle ich übrigens die Lektüre dieser Rede Václav Havels [pdf]). Selbst viele Frauen stören sich nicht daran, dass sie „der Bürger“ usw. genannt werden. Aber was, wenn man sie ständig „Arschloch“ nennt oder „Hure„? Dann richtet Sprache plötzlich doch etwas aus? Ein Schimpfwort darf die Empfängerin stören, aber ein männlicher (versingularisierter) Plural nicht? Dann frage ich mal anders: wie würden die Herren sich wohl fühlen, wenn die Presse jetzt nur noch den weiblichen Plural benutzte? Jürgen Klopp und Pep Guardiola wären jetzt Trainerinnen. Der Vorstand von Bayern München bestünde u. a. aus den ehemaligen Fußball-Nationalspielerinnen Rummenigge und Sammer, und Schloss Bellevue wäre der Sitz der deutschen Bundespräsidentinnen. Sprache richtet wirklich nichts aus?

Ich bin es leid, liebe Kolleginnen und Kollegen! Ich bin nicht „der Bürger“, „der Wähler“, „der Leser“ oder „der Verbraucher“. Ich bin „die Bürgerin„, „die Wählerin„, „die Leserin“ und „die Verbraucherin„. So viel Zeit muss sein!

Birte Vogel

Ich bin freie Journalistin & Autorin, schreibe heute aber aus Selbsterhaltungstrieb nur noch Texte für Unternehmen. Ich ghoste Sachbücher und coache Unternehmer_innen von der Idee bis zum fertigen Buch (demnächst auch hier vor Ort auf der Nordseeinsel Amrum). Und ich berate Journalist_innen, wie sie aus ganz guten Porträts herausragende machen können.
Kontakt:
Tel.: 04682 – 96 842 37
E-Mail: post[at]birtevogel.de

1 Gedanke zu “Mir reicht’s! – Ich bin nicht „der Wähler“, „der Leser“, „der Bürger“!

  1. Ich habe es auch satt, ständig in der männlichen Minderheit *angeblich* mitgemeint zu sein. Ich will nicht mit Männern in einen Topf geworfen werden. Das hat keine Frau verdient. Der maskuline Singular ignoriert Frauen und lässt uns aus dem öffentlichen Leben (wieder) verschwinden, wie es in der bei uns immer noch HERRschenden „christlich-patriarchalen Leitkultur“ seit Jahrtausenden Unsitte war und ist. Das ist Mobbing. Das ist Unterdrückung. Das ist menschenfeindlich, barbarisch. Eine Gesellschaft, die als „zivilisiert“ gelten will, kann sich das nicht leisten. Basta.

Schreibe einen Kommentar