Medizinjournalismus: Dr. Dunja Voos

Medizinjournalistin Dr. Dunja Voos (Foto: Britta Frenz)
Medizinjournalistin Dr. Dunja Voos (Foto: Britta Frenz)

Dr. Dunja Voos ist Fachärztin für Arbeitsmedizin, hat als Fachredakteurin für Verlage gearbeitet und ist seit 2007 freie Medizinjournalistin. Sie bloggt auf www.medizin-im-text.de und schreibt im Auftrag von Verlagen, Agenturen und Verbänden verständliche Texte für Patientinnen und Patienten. Bislang sind zwei Bücher von ihr erschienen: „Kleine Kinder richtig verstehen“ (Humboldt, 2009) und „Psychoanalyse tut gut“ (Psychosozial-Verlag, 2011).

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Birte Vogel (bv): Frau Dr. Voos, Sie haben Medizin studiert. Was war damals Ihr berufliches Ziel?

Dr. Dunja Voos (DV): Ich wollte als Ärztin mit einer eigenen Praxis Patienten helfen. Aber das war nicht so möglich, wie ich mir das vorstelle. In meinen Augen sind nämlich die Gespräche mit Patienten das Wertvollste an dieser Arbeit.

bv: Auf Ihrer Website steht ja auch Ihr Motto: „Worte statt Pillen“.

DV: Genau. Doch leider werden Gespräche am geringsten bezahlt. Das, wovon Ärzte heute leben, sind Röntgenbilder, chirurgische Eingriffe und anderes, aber nicht die Zuwendung zum Patienten. Die kommt meistens viel zu kurz.

bv: Wie sind Sie dann zum Schreiben gekommen?

DV: Aus Verzweiflung darüber, dass ich in diesem System nicht so arbeiten konnte, wie ich es mir vorgestellt hatte. Als ich dann meinen Facharzt für Arbeitsmedizin machte, war mir bereits klar, dass ich etwas anderes machen wollte. Ich las ein Buch über alternative Wege für Mediziner und fand dort ein Kapitel über Medizinjournalismus. Als ich das gelesen hab, dachte ich, ich kann wieder schlafen. (lacht)

bv: Wie ging es dann weiter?

DV: Dann fand ich einen Kurs der WBS Training AG für Akademiker, die Fachzeitschriftenredakteure werden wollten. Damals gehörte das Institut noch zum Klett-Verlag und die Ausbildung wurde vom Arbeitsamt finanziert. Sie ging über ein Jahr und hat mir unglaublich viel gebracht.

bv: War die Ausbildung denn praxis-orientiert?

DV: Sehr. Ich hab alles gelernt, was ich brauche. In Wochenblöcken in ganztägigem Unterricht wurden uns die unterschiedlichen Formate beigebracht: eine Woche lang Reportagen schreiben, eine Woche lang Nachrichten schreiben, oder auch Filmschnitt oder HTML.

bv: Waren die Inhalte auf MedizinerInnen zugeschnitten?

DV: Nein, das war ganz allgemein für Akademiker. Für Mediziner gibt es aber auch noch das mibeg-Institut. Dort wird auch die Fachredaktion für Wissenschaftsjournalismus angeboten.

Ohne Promotion ist man nicht glaubwürdig

bv: Wie wichtig ist es denn, Ihrer Erfahrung nach, sich auf ein medizinisches Fachgebiet zu spezialisieren?

DV: Ich halte es nicht für sinnvoll, sich zu spezialisieren. Agenturen haben zum Beispiel ein sehr breites Themenspektrum, von Kardiologie bis zu Diabetes. Allerdings ist man im Medizinjournalismus ohne Promotion für Leser nicht glaubwürdig. Ich habe einmal eine Stelle deshalb nicht bekommen. Erst als ich promoviert hatte, bekam ich sie.

bv: Das heißt, Sie schreiben heute über alle medizinischen Themen?

DV: Nein, ich bin tatsächlich spezialisiert, und zwar darauf, Psychologie für Patienten leicht verständlich zu erklären. Berichte, Studien, Forschungsergebnisse übersetze ich in verständliches Deutsch. Die Themen reichen da von Depression bis ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung, Anm. d. Red.).

bv: Aber das widerspricht ja dem, was Sie eben sagten.

DV: (lacht) Das stimmt. Aber die Psychologie ist mein Steckenpferd. Allerdings habe ich deshalb auch finanzielle Einbußen. Ich kann eben nicht mal eben über Herzschrittmacher schreiben, weil ich aus dem Allgemeinmedizinischen raus bin. Und Psychotexte werden viel schlechter bezahlt als allgemeinmedizinische.

bv: Was fasziniert Sie so an diesem Themenkomplex, dass Sie auch finanzielle Einbußen dafür hinnehmen?

DV: Mich interessieren Fragestellungen rund um die Psychoanalyse, Angststörungen, Borderline-Störungen, weil diese ganz oft missverstanden werden. Die Verhaltenstherapie schaut nur, wie sich ein Patient verhält, aber nicht, wie er sich fühlt und woher die Gefühle kommen. Mich interessiert es, da mehr in die Tiefe zu gehen. Abgesehen davon ist auch das Feedback der Leser ganz wichtig. Natürlich gibt es auch Kritik, aber ich bekomme jetzt viel häufiger als damals im Krankenhaus ein Dankeschön dafür, dass endlich etwas mal gut erklärt oder verständlich geschrieben wurde. Ich habe das Gefühl, das kommt an, und ich kann Patienten helfen.

bv: Gibt es etwas, über das Sie nie schreiben würden?

DV: Dinge,  mit denen ich mich unwohl fühle. Wenn ich mit einem Text nicht zufrieden bin, geht der nicht raus.

bv: Worüber oder was würden Sie am liebsten mal schreiben?

DV: Eigentlich tue ich das bereits in meinem Blog „Medizin im Text„. Allerdings würde ich sehr gern dafür auch mal bezahlt werden.

bv: Sie sind seit 2007 selbstständig. Welche Vorteile hat die Selbstständigkeit für Sie?

DV: Dass ich mir die Zeit ganz frei einteilen und mir die Kunden aussuchen kann.

bv: Und was sind die Nachteile?

DV: Auftragsflauten. Dass man nie mal krank sein und ausfallen kann, dass man immer da sein muss.

bv: Welche Arbeitszeiten haben Sie?

DV: Das kann ich gar nicht sagen, nicht einmal wie viele Stunden ich am Tag arbeite. Ich arbeite, wann immer es geht, manchmal auch das ganze Wochenende durch.

Man muss alle Nutzungsrechte abgeben

bv: In welcher Spanne bewegen sich die Honorare im Medizinjournalismus?

DV: Das ist sehr unterschiedlich. Die Pharmaindustrie zahlt natürlich in der Regel wesentlich mehr als Verlage. Wenn man nicht für die Pharmaindustrie arbeitet, dann geht das von 80 Euro pro Referat, für das man vielleicht vier Stunden braucht, bis 90 Euro pro Stunde und mehr. Männer verdienen da häufig mehr als Frauen. Grundsätzlich erlebe ich drei Arten von Bezahlung: pauschal, nach Stunden oder nach ZmLZ, also Zeichen mit Leerzeichen. Manche Verlage oder Agenturen zahlen gerade einmal 8 Euro für einen Text von 1.000 bis 1.500 ZmLZ, andere zahlen 100 Euro.

bv: Wie haben sich die Honorare seit Beginn Ihrer Selbstständigkeit verändert?

DV: Ich habe das Gefühl, sie haben sich kaum geändert. Ich bekomme heute allerdings aufgrund meiner Erfahrung höhere Honorare als zu Beginn.

bv: Sind Buy-out-Verträge im Medizinjournalismus Usus?

DV: Ich kenne es gar nicht anders, als dass man die Nutzungsrechte komplett abgeben muss. In manchen Verträgen muss man sogar unterschreiben, dass das, was man schreibt, auch als mundartliches Stück im Theater aufgeführt werden darf. Und dass die Texte auch an andere Verlage weiterverkauft werden dürfen.

bv: Weiterverkauft, ohne dass Sie als Urheberin dafür ein zusätzliches Honorar erhalten?

DV: Ja, es gibt Auftraggeber, die kein zusätzliches Honorar zahlen. Normalerweise erhalte ich für Zweitverwertungen aber ein zusätzliches Honorar.

bv: Was hat sich im Medizinjournalismus verändert, seit Sie schreiben?

DV: Mein Eindruck ist, dass der Medizinjournalismus für die Patienten ein bisschen verständlicher geworden. Es wird viel fürs Internet geschrieben, und die Art und Weise, wie man dort schreibt, scheint sich auch auf Print übertragen zu haben.

bv: Wie ist aus Ihrer Sicht der Trend im Medizinjournalismus – gibt es zunehmend mehr Jobs, höhere Honorare, breitere Arbeitsmöglichkeiten oder eher das Gegenteil?

DV: Es gibt immer mehr Aufträge, das sprießt an allen Ecken und Enden. Aber viele gehen mit den Honoraren immer mehr runter. Nur große Firmen und Verlage bezahlen meistens ganz gut.

bv: Welchen Stellenwert hat der Online-Journalismus für MedizinjournalistInnen?

DV: Einen sehr, sehr hohen Stellenwert. Studien werden oft im Internet zuerst veröffentlicht, bei Lancet, dem New England Journal of Medicine, dem British Medical Journal, bei Thieme usw. Das Internet hat daher eine sehr große Bedeutung.

Ein großes allgemeinmedizinisches Wissen ist wichtig

bv: Welche beruflichen Möglichkeiten haben Leute, die sich für den Medizinjournalismus interessieren?

DV: Sie können für die Pharmaindustrie arbeiten, frei bloggen, in großen Kliniken in Pressestellen arbeiten, in Health Care-Agenturen für Medikamente, Medizinprodukte, Heilpraktiker, für Produkthersteller Broschüren, Webtexte, Werbung verfassen usw.

bv: Gibt es für MedizinerInnen in den Tages- und Wochenzeitungen Jobs?

DV: Auch, aber viele medizinischen Texte dort werden von Nichtmedizinern geschrieben. Auch die Skandale werden oft nicht von Medizinern aufgedeckt, sondern von anderen Journalisten, die frei von Verbindungen zum Beispiel zur Pharmaindustrie sind.

bv: Was sollte man, Ihrer Ansicht nach, unbedingt für diesen Job mitbringen?

DV: Man sollte promoviert haben, sehr gut recherchieren können, die Fachjournale kennen und das übliche journalistische Handwerkszeug erlernt haben. Harald Martenstein* sagte gestern im Radio, das Schreiben hätte viel weniger mit Talent zu tun als er dachte. (lacht) Man muss außerdem ziemlich kritikfähig sein. Gerade am Anfang muss man es ertragen können, wenn immer wieder Korrekturschleifen kommen.

bv: Würden Sie anderen raten, sich auf ein bestimmtes Fachgebiet zu spezialisieren oder sind GeneralistInnen besser dran?

DV: Ich glaube, es ist besser, wenn man breit gefächert schreiben kann, also ein großes allgemeinmedizinisches Wissen hat.

bv: Wie wichtig waren Vorbilder für Ihren Weg?

DV: Ich habe zwar Vorbilder, aber keins im Journalismus. In der Medizin sind es Psychoanalytiker wie Arno Gruen und Harold Searles.

bv: Was würden Sie gern an Ihrem Job oder an der Branche ändern?

DV: Ich finde, Journalisten sollten unbedingt mehr über Honorare sprechen, so wie es die Freischreiber jetzt tun. Freie wissen oft gar nicht, welche Honorare sie verlangen können. Je mehr Journalisten das untereinander offen kommunizieren, desto weniger können Verlage, Agenturen und Firmen im Honorarbereich machen, was sie wollen.

bv: Herzlichen Dank für das Gespräch!

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*Harald Martenstein ist Journalist und Autor. Er ist insbesondere bekannt für seine Kolumnen im Tagesspiegel, in der ZEIT und auf RadioEins.


(Zuerst veröffentlicht auf „Schreiben als Beruf“ am 03.06.2013.)