Kulturjournalismus: Susanne Gurschler

Kulturjournalistin Susanne Gurschler (Foto: Ursula Aichner)
Kulturjournalistin Susanne Gurschler (Foto: Ursula Aichner)

Susanne Gurschler studierte Deutsche Philologie, Philosophie, Politikwissenschaft und Zeitgeschichte in Innsbruck und schloss 2003 mit dem Magister ab. Nach einer Überbrückungszeit u. a. als Lehrerin kam sie 1998 als freie Redakteurin zum Tiroler Nachrichtenmagazin ECHO. Seit 2003 ist sie dort verantwortliche Kulturredakteurin, arbeitet außerdem als freie Journalistin für Magazine und ist (Mit-) Autorin von Kunstkatalogen, Sammelbänden und wissenschaftlichen Publikationen. 2011 erschien ihr Buch “Panorama der ‘Schlacht am Bergisel’. Die Geschichte des Innsbrucker Riesenrundgemäldes” im Studienverlag.

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Birte Vogel (bv): Frau Gurschler, Sie sind seit 2003 Kulturredakteurin beim Tiroler „Echo“. Für die Nicht-TirolerInnen: was ist das „Echo“?

Susanne Gurschler (SG): Das „Echo“ ist ein Monatsmagazin speziell für Tirol. Es ist „Tirols erstes Nachrichtenmagazin“, wie es im Untertitel auch heißt, und feiert heuer sein 15-jähriges Bestehen. Das inhaltliche Spektrum reicht von Politik über Wirtschaft, Chronik bis zu Sport und Kultur. Im Echo werden tirolrelevante Themen behandelt, aber es findet auch ein Blick über den Tellerrand statt, indem andere Themen auf Tirol heruntergebrochen werden.

bv: Sind Sie als Kulturredakteurin dort fest angestellt?

SG: Nein, ich bin Freie. Im „Echo“ hab ich mit meiner journalistischen Tätigkeit begonnen und bekomme seitdem meine Hauptaufträge von dort, das heißt, die Arbeit fürs „Echo“ ist mein Haupteinkommen.

bv: Sie sind jetzt seit 15 Jahren beim „Echo“. Es wäre also nicht übertrieben, wenn ich sage, dass Ihnen dieser Job ziemlich liegt, oder?

SG: Das ist mein Traumberuf! Ich schreibe sehr gern, recherchiere sehr gern, ich rede gern mit Leuten und lerne wahnsinnig gern neue Dinge kennen.

bv: Was beinhaltet denn Ihre Arbeit dort?

SG: Ich bin hauptsächlich für die Kultur verantwortlich. Die ist schon sehr gurschlerlastig. (lacht) Manchmal mache ich auch Chronik- oder geschichtliche Themen, politische Themen weniger. Ich mache Themenvorschläge, und die werden genommen oder nicht. Wir sind insgesamt ein kleines, aber eingespieltes Redaktionsteam.

bv: Was für einen Stellenwert hat die Kultur ansich in Tirol?

SG: Wir haben ja eine Traditionskultur, die sehr stark ist: Schützen, Blasmusikkapellen, Trachtenvereine haben einen sehr großen Stellenwert. Vor allem im ländlichen Bereich sind sie fest im Selbstverständnis der Tiroler verankert. Daneben gibt’s eine sehr prosperierende, sehr kreative Szene im zeitgenössischen Bereich, die im ländlichen Raum ein schwierigeres Standing hat als in der Stadt. Da gibt es ein großes Gefälle. Viele Kulturinitiativen arbeiten oft unter sehr schwierigen Bedingungen mit sehr wenigen Mitteln.

Kultur gehört ganz existenziell zum Leben dazu

bv: Hat die Moderne dann wenig Chancen in Tirol?

SG: Provinz ist ja was, was im Kopf stattfindet. Es gibt viel Engagement sowohl im Traditions- als auch im zeitgenössischen Bereich. Die Traditionskultur wird von politischer Seite her stark gefördert, sie ist repräsentativ, sie steht für Tirol, für Tirolertum. Als Beispiele: Beim so genannten „Landesüblichen Empfang“ marschieren Schützen auf; der Landeshauptmann ist Präsident des Tiroler Blasmusikverbandes. Also da sieht man schon, wo die Gewichtung liegt. Dagegen können sich zeitgenössische Kunst und Kultur nur schwer durchsetzen. Mir fehlt allerdings auch manchmal der Mut – manchmal habe ich den Eindruck, es traut sich keiner so richtig was. Aber das Angebot ist schon groß. Speziell im Sommer finden sehr viele Festivals statt, Straßenfeste, Performances, in der Stadt und am Land. Da wäre noch mehr drin, mehr Potenzial speziell am Land. Aber das kommt vielleicht noch.

bv: Welchen Stand hat die Kultur in der österreichischen Presse? Werden die Feuilletons dort auch so zusammengestrichen wie in Deutschland?

SG: In Österreich spielt Kultur eine sehr wichtige Rolle. Es wird relativ viel Geld für Hochkultur ausgegeben. Es ist natürlich nie genug, aber das Subventionswesen ist sehr ausgeprägt. In Tirol können wir nicht von Feuilleton reden. Die Tiroler Tageszeitung hat zwei Seiten Kultur täglich. So ein Feuilleton wie in der FAZ, der ZEIT oder dem Spiegel – das gibt es in Österreich nicht.

bv: Aber zwei Seiten Kultur pro Tag sind doch schon eine ganze Menge!

SG: Ja, Journalismus in diesem Bereich wird als Service gesehen. Deswegen steht’s auch nicht grundsätzlich zur Diskussion. Aber die Pressekonferenzen sind immer schlechter besucht, wenige überregionale Medien interessieren sich für Kulturveranstaltungen in Tirol, außer es handelt sich zum Beispiel um die Innsbrucker Festwochen oder die Festspiele Erl. Heute sind wir bei Pressekonferenzen meistens nur noch zu zweit oder zu dritt – das war früher anders. Die überregionalen österreichischen Tageszeitungen haben ihre Regionalberichterstattung sehr zurückgeschraubt.

bv: Wie viele Seiten haben Sie im „Echo“ für die Kultur?

SG: Da sind’s zwischen acht und elf, zwölf.

bv: Im Mai 2013 haben Sie einen Artikel über die Nominierung der Tiroler Band Frei.Wild für den Musikpreis Echo und den darauffolgenden Entzug der Nominierung geschrieben. Vermischen sich Kultur und Politik häufig in Ihrem Ressort?

SG: Kultur hat immer auch gesellschaftspolitischen Anspruch, hat gesellschaftspolitische Relevanz. Sie ist ganz notwendig in der Auseinandersetzung – Kunst und Kultur können hier sehr viel beitragen, sehr viel auslösen. Kultur ist keine Freizeitbeschäftigung, sondern gehört ganz existenziell zum Leben dazu; nicht nur zum Spaß am Leben, sondern auch zur Auseinandersetzung mit dem Leben. Deswegen kann und will ich das auch nicht trennen.

Es ist ein Privileg, dass ich das machen kann

bv: Genauso wie viele sagen, man solle die Politik aus dem Sport raushalten, wenn es um Grundlegendes wie die Einhaltung der Menschenrechte geht, sagten rund um die Echo-Verleihung auch viele, man solle die Politik aus der Musik raushalten. Sollte das wirklich so sein?

SG: Frei.Wild geht natürlich ganz stark in die Gesellschaftspolitik. Musikalische Qualität ist hier der gesellschaftlichen Aussage ja untergeordnet. Die Band vermittelt höchstbedenkliche Inhalte. Dass durch sie bestimmte Leute angesprochen werden, hat natürlich seine Gründe, und darauf hinzuweisen finde ich ganz wichtig. Politik und Kultur verzahnen sich also manchmal mehr, manchmal weniger. Die Künste sind ja nicht nur schöne Künste, sie haben gewisse Effekte auf die Gesellschaft und umgekehrt – und dieses Wechselspiel muss natürlich berücksichtigt werden.

bv: Wie finden Sie Ihre Themen, abgesehen von den Pressemeldungen, die Sie erhalten?

SG: Ich lese jeden Tag die Tageszeitung. „Kulturzeit“ auf 3Sat versäume ich fast nie, die Sendung ist ein Fixpunkt wie das Mittagsjournal auf Ö1. Am Abend schaue ich meist 3Sat, Arte, viel solche Sachen. Das liegt mir einfach. Ich lese sehr viel, primär Bücher übers Schreiben, Bücher von Journalistenkollegen, viele Reportagen, viele Porträts. Ich schaue, welche Themen in Deutschland interessant sind, was spricht der Spiegel an, was behandeln die Wiener Medien? Und dann versuche ich natürlich im Gespräch mit Leuten herauszufinden, ob es Themen gibt, die spannend sind, die man angehen sollte.

bv: Was reizt Sie an der Aufgabe, über so sehr unterschiedliche Menschen und Themen wie Reinhold Messner, Andreas Hofer, Liesl Karlstadt und Frei.Wild zu schreiben?

SG: Genau das: dass es so unterschiedliche Themen sind, dass ich eben nicht konzentriert auf einen Themenbereich bin, sondern mich immer wieder in neue Bereiche einarbeiten kann. Ich kann mit ganz vielen, sehr unterschiedlichen Menschen reden, ich lerne so wahnsinnig viel dazu – das macht mir Spaß. Das Einarbeiten kostet Zeit und Nerven, aber wenn man sich damit beschäftigt, ist jedes Thema spannend. Es gibt kein Thema, das mich in den letzten 15 Jahren nicht interessiert hätte. Wenn das Interesse anfangs nicht oder nur marginal da war, ist es dennoch gekommen. Ich halte es für ein Privileg, dass ich das, was ich gerne tue, auch machen kann.

bv: Haben Sie Vorgaben, wie weit die Recherche gehen darf oder sollte?

SG: Wie weit ich mich engagiere, hängt von mir selber ab. Ich vertiefe mich gern – das ist keine wissenschaftliche Herangehensweise, keine Rundumbefassung mit einem Thema, aber ich gehe so weit, dass ich eine Haltung dazu haben und etwas Fundiertes schreiben kann. Da ich eine wissenschaftliche Ausbildung genossen habe, war es am Anfang schwierig, mich einzubremsen, damit leben zu können, dass man nicht der Weisheit letzten Schluss liefern kann. Es ist immer nur ein Aspekt, ein Thema, aber darüber muss ich gut und fundiert schreiben, sodass die Menschen, die es lesen, auch etwas damit anfangen können.

Ich hätte nie mit Blick auf einen festen Job studiert

bv: Sie haben einen Magister in Germanistik und im Zweitfach Philosophie, Politikwissenschaft und Zeitgeschichte studiert. Hatten Sie immer das Ziel, Journalistin zu werden?

SG: (lacht) Ich habe mir wenig Gedanken gemacht, was danach kommt. Mir war immer klar, dass ich Germanistik studieren will. Ich habe mich immer schon für Medien interessiert und habe im Studium Seminare und Workshops über die Berichterstattung im Fernsehen, in Zeitungen etc. gemacht, und schließlich ein Praktikum bei einem kleinen Regionalsender. Dann ist das eingeschlafen, weil Jobs in dem Bereich nicht auf der Straße liegen. Ich habe mich eine Zeitlang mit Unterrichten, mit Nachhilfe und anderen Jobs durchgeschlagen.
Als ich 1997 einen Job in einem Kulturverein bekommen habe, war mir klar: ich bin auf dem richtigen Weg, das ist meine Schiene. Ein Freund hat mich ein halbes Jahr später darauf aufmerksam gemacht, dass in Tirol ein neues Magazin gemacht wird, und Leute gesucht werden. Ich habe mich beworben und bin langsam in den Job reingewachsen. Fünf Jahre lang hab ich die Arbeit im Kulturverein und die journalistische Tätigkeit parallel gemacht, daneben meine Magisterarbeit geschrieben. 2003 habe ich das Studium abgeschlossen, beim Kulturverein gekündigt, und seitdem bin ich freie Journalistin und hab’s nie bereut.

bv: Hat Sie das Studium gut oder gut genug auf Ihren Job vorbereitet?

SG: Ich würde behaupten, nein. Wobei mein Anspruch auch nie war, mich auf einen Job vorzubereiten. Ich wollte studieren und hab studiert, was ich wollte. Ich hätte nie etwas studiert mit Hinblick auf den festen Job danach. Das lag nicht in meinem Denken.
Das Studium war die Möglichkeit, wissenschaftlich zu arbeiten, komplexe Themen zu erfassen, zu bearbeiten, selbstständig zu denken und Erkenntnisse in eigene Worte zu fassen. Das Rüstzeug hilft mir heute noch in meinem Beruf.

bv: Sie haben 2011 ein Buch über die Geschichte des Innsbrucker Riesenrundgemäldes „Schlacht am Bergisel“ herausgebracht. Wie kommt man auf die Idee, über die Geschichte eines Gemäldes zu schreiben?

SG: Ich hab im „Echo“ über etwa dreieinhalb Jahre immer wieder über die Übersiedlung des Gemäldes von der historischen Rotunde in die neue Rotunde berichtet. Am Ende hatte ich mich so lange mit der Geschichte des Riesenrundgemäldes und der Panoramen auseinandergesetzt, hatte so wahnsinnig viel Material und fand es ein so wahnsinnig spannendes Thema, dass ich das in einem Buch zusammenfassen wollte. Dann bin ich zu Markus Hatzer gegangen, dem Verlagsleiter des Studienverlags, und habe gesagt: „Ich will das Buch machen!“ Und er hat nach einigem Nachdenken gesagt: „Mach!“ Das war Glück!

Journalistische Arbeit wird immer weniger gewürdigt

bv: Wie haben Sie das dann neben der Arbeit noch geschafft?

SG: Den Hauptteil habe ich im Urlaub gemacht. Ich musste noch einiges nachrecherchieren, und es war noch sehr, sehr viel Arbeit. Aber es hat unheimlich viel Spaß gemacht, noch mal einen Schritt weiter zu gehen, zu vertiefen, wissenschaftlich zu recherchieren, das Buch dann aber journalistisch zu schreiben. Die Schreibzeit betrug insgesamt sicher zweieinhalb Monate- Im Urlaub hieß es: von morgens 7:00 Ur bis 14:00 Uhr, dann eine Pause, dann weiter schreiben. Der Grundstock musste im Urlaub stehen, den Rest konnte ich neben der Arbeit machen.
Ich habe mir viel Druck gemacht, das kann ich ganz gut, und ich war sehr konsequent. Ich war am Ende zwar sehr erledigt, aber es war ein tolles Gefühl. Ich hab’s nie bereut, das Buch gemacht zu haben. Ich möchte aber auch nicht ausrechnen, was da mein Stundenlohn war.

bv: War es sehr schwer, dafür einen Verlag zu finden, oder hilft in einem solchen Fall das Netzwerk, das Renommee der Kulturredakteurin?

SG: Ich hatte Glück, denn Markus Hatzer kannte meine Arbeit natürlich und wusste, dass ich schon sehr lange über diesen Themenkomplex schreibe. Der Studienverlag ist ein sehr guter Wissenschaftsverlag. Ich war sehr froh, dass er das Experiment gewagt hat, obwohl die Verkaufszahlen sicher nicht so sind, dass das Verlegerherz höher schlägt.

bv: Werden Sie weiter Bücher schreiben?

SG: Ich habe Pläne für ein neues Buch; da gibt es ein, zwei Sachen, die ich konkreter ins Auge fasse. Aber das neben meiner Arbeit als Journalistin zu machen, ist sehr aufwändig. Und mit Büchern lässt sich nichts verdienen.

bv: Ist das Buch denn für Ihren Job hilfreich, in puncto neue Aufträge oder mehr Anerkennung?

SG: Schön wär’s, wenn die Honorare stiegen. Aber die sinken eher. Die journalistische Arbeit wird immer weniger gewürdigt. Das Buch hat mir sicher Renommee gebracht. Ich wurde viel darauf angesprochen, habe viel Feedback bekommen. Es hat mich schon gefreut, wie breitenwirksam es war.
Natürlich ist es auch etwas anderes, wenn man schon ein Buch geschrieben hat, als wenn man nur sagt, ich würde gern ein Buch schreiben. Das wird mir hoffentlich beim nächsten Buch helfen, das an den Verleger oder die Verlegerin zu bringen. Denn es zeigt, dass man konsequent an einem Thema dranbleibt, dass man die Struktur und sprachlich durchhält. Diese Erfahrung war auch für mich selber ganz gut.

In der Königsklasse braucht man vor allem zum Schreiben viel Zeit – aber die fehlt immer öfter

bv: Sie bieten als freie Journalistin ganz unterschiedliche Textformen an – von der Reportage über Essays bis zu Interviews. Welche Form mögen Sie am meisten und warum?

SG: Am liebsten würde ich Reportagen, Porträts und Essays schreiben. Das sind die spannendsten Formen, das ist die Königsklasse. Aber die sind ungeheuer zeitaufwändig. Wenn man’s wirklich, wirklich, wirklich gut machen will, dann braucht man nicht nur zum Recherchieren, sondern vor allem zum Schreiben viel Zeit. Aber die fehlt in unserem Beruf immer öfter.

bv: Bleibt Ihnen denn neben der Arbeit fürs „Echo“ überhaupt Zeit für andere Aufträge?

SG: Ich kann schon Einiges dazu machen. Ich kriege auch andere Aufträge, aber ich hätte durchaus gern mehr. Es ist in meiner Position als Kulturredakteurin schwierig, als jemand wahrgenommen zu werden, der auch etwas anderes macht.

bv: Wie akquirieren Sie Firmenkunden? Ist das gerade im kulturellen Bereich nicht besonders schwer?

SG: Ja, das ist es. Es geht, wenn, dann nur über meine Themen. Es muss noch die Runde machen, dass ich nicht nur fürs „Echo“ schreibe, sondern auch Katalogbeiträge, Firmenporträts, Chroniken und anderes. Aber ich kann von meiner Arbeit fürs „Echo“ leben, und darüber bin ich sehr, sehr glücklich. Viele können das nicht. Der Journalismus ist so ein wichtiger Bereich und erfährt so wenig Wertschätzung. Manchmal erschreckt es mich, dass sich das so gewandelt hat.

bv: Ist Ihre Existenz als Kulturjournalistin denn gesichert?

SG: Ich habe da meine Nische gefunden. Ob ich im großen Haifischbecken bestehen könnte, weiß ich nicht. Ich möchte nur meine Arbeit gut machen und hätte gern die Bedingungen dazu. Und die hab ich beim „Echo“ und hoffe, dass sie mir erhalten bleiben. Ich hatte ein Riesenglück, dass ich einen Auftraggeber habe, mit dem ich kontinuierlich zusammenarbeite und mit dem ein Vertrauensverhältnis besteht.
Manchmal denke ich allerdings, in der PR ließe sich mehr verdienen. Journalisten haben ja einen unglaublich schlechten Ruf. Dabei ist das so ein wichtiger Job. und wird so schlecht bezahlt. Es ist für mich nicht nachvollziehbar, wie es so weit kommen konnte, dass in dem Bereich so wenig bezahlt wird. Gute Recherche, gute Arbeit muss doch gut gezahlt sein!

Qualitätsjournalismus ist nicht dem Untergang geweiht

bv: Was würden Sie Leuten raten, die in den Kulturjournalismus wollen?

SG: Ich würde ihnen abraten!

bv: Wirklich? Wo Sie den Job doch so sehr lieben?

SG: Ja, denn es ist so wahnsinnig schwierig, man kriegt keine Anstellung mehr, fällt von einem Praktikum ins nächste. Die Möglichkeiten, gut zu verdienen, sind verschwindend. Die, die jetzt anfangen, haben bestimmt die schlechtesten Voraussetzungen. Wenn da nicht die 100-prozentige Überzeugung ist, dass das der richtige Weg ist, würde ich sagen: Dann mach es nicht. Überzeugungstäter haben eine Chance. Alle anderen sollten schauen, ob sie nicht vielleicht besser woanders aufgehoben sind. Auch wenn ich das wahnsinnig schade finde.

bv: Allerorten werden Zeitungen geschlossen, MitarbeiterInnen entlassen, und die Zukunft der Branche wird in vielen düsteren Farben beschworen. Wie sehen Sie das?

SG: Ich bin überzeugt, dass der Qualitätsjournalismus nicht dem Untergang geweiht ist. Das kann ich schon aus Prinzip nicht sagen! Ich glaube, Menschen brauchen immer Unterstützung, Orientierung, Sortierung. Der Bedarf an meinungsbildendem, journalistischem Arbeiten wird nicht verschwinden. Jetzt ist eine Zeit, wo man denkt, das braucht keiner mehr. Aber woher soll die Orientierung denn kommen, wenn es keine Leute gibt, die komplexe Themen aufarbeiten, sodass man einen Weg findet, damit umzugehen? Den Anspruch muss Journalismus haben, und ich hoffe, den hat er auch – wenigstens Orientierung zu bieten.

bv: Ist das also die Aufgabe des Journalismus?

SG: Die Aufgabe ist, zu helfen, die Welt zu verstehen. Diese Aufgabe hört ja nicht auf, weil man jetzt mit einem anderen Medium arbeitet. Journalismus wird immer wieder totgeredet, aber Totgesagte leben länger. Es wird andere Formen brauchen, vielleicht muss man mehr Flexibilität an den Tag legen. Vielleicht haben die Medien auch etwas verschlafen, indem sie den Onlinejournalismus als Nebenprodukt kleingeredet haben. Ich wüsste aber nicht, worüber Journalismus laufen kann, wenn nicht über Qualität.

bv: Dennoch schwinden die Zahlen der LeserInnen.

SG: Dass die Zahl der Leser zurückgegangen ist, heißt ja nicht, dass sich kein Mensch mehr für Inhalte interessiert, sondern dass sie die genauso online lesen wollen. Journalistinnen und Journalisten müssen sich aber auch an der Nase nehmen und ihre Aufgaben machen: Orientierung, Information, Meinungsbildung – wobei ich mit Meinungsbildung meine, dass die Leser sich ihre eigene Meinung bilden können sollen, nicht, dass ich ihnen meine Meinung vorgebe. Da ist Vorsicht angebracht, aber ich habe durchaus Hoffnung.

Es geht in der Kultur nicht um gefällt mir/gefällt mir nicht

bv: Wenn nun doch jemand aus vollster Überzeugung in den Kulturjournalismus einsteigen möchte, was sollte die- oder derjenige Ihrer Ansicht nach unbedingt für diesen Job mitbringen?

SG: Ausdauer, die ist wahnsinnig wichtig. Leidenschaft. Freude am permanenten Lernen. Man muss sich selbst hinterfragen und darüber nachdenken, was man eigentlich in diesem Beruf will. Eine Liebe für die Sprache ist absolut notwendig. Was immer funktioniert, ist ein fixer Job auf der einen Seite, damit man eine Basis hat und Geld, und das, was einem Spaß macht, also eben journalistisch arbeiten, macht man nebenher und baut es dann aus. Man muss versuchen, dranzubleiben, und man muss offen und neugierig sein.

bv: Ist eine journalistische Ausbildung unbedingt nötig?

SG: Grundsätzlich finde ich eine Ausbildung in dem Bereich auch wichtig, denn man muss ja das Handwerk lernen. Manchmal habe ich den Eindruck, jeder glaubt, Kulturjournalismus kann man machen, weil man sich für Kultur interessiert. Aber das ist zu wenig. Bei Wirtschafts- oder Politikjournalismus sagt das doch auch keiner. Klar, ein Sportredakteur geht auch gern zum Spiel, aber er muss auch wissen, wovon er redet. Ich kann ein Fußballspiel auch gut oder schlecht finden, aber wenn mich jemand weiterfragt, stehe ich an. Es geht in der Kultur ja nicht um gefällt mir / gefällt mir nicht, sondern es geht unter anderem um ein Sensorium für Dinge und einen Blick für Strömungen.

bv: Wäre es denn ratsam, sich auf ein bestimmtes kulturelles Gebiet zu spezialisieren oder sind GeneralistInnen besser dran?

SG: Da würde ich unterscheiden. In der Region würde ich sagen: Generalist, Generalistin. Bei medial großem Einzugsgebiet sollte man sich eher spezialisieren, weil da die Kraft in der Spezialisierung liegt, wobei das natürlich auch eine Kompetenzfrage ist. In der Region ist es aber so: desto breiter man aufgestellt ist, desto besser steht man. Wenn ich heute nur über Bildende Kunst berichten könnte, hätte ich es sehr schwer hier, weil die Medien dafür fehlen.
Und außerhalb fehlen die Medien, die sich dafür interessieren, was in Tirol gezeigt wird. In Österreich ist es sehr Wien-lastig. Würde ich in Wien leben, könnte es durchaus Sinn machen, wenn ich mich spezialisiere, weil mehr Medien da sind, denen ich meine Arbeiten ich anbieten kann.

bv: Wäre der Weg, den Sie gegangen sind, heute auch noch so möglich?

SG: Ich war vor 15 Jahren zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Ich weiß nicht, ob ich den Job gekriegt hätte, wenn es nicht ein neu gegründetes Magazin gewesen wäre. Ich hatte großes Glück und konnte mich noch ausprobieren, schauen, ob das das Richtige für mich ist – das gibt’s heute nicht mehr. Da hat sich etwas ganz wesentlich verändert.
Auch im Studium. Unter den Bedingungen, unter denen die jungen Leute heute studieren, würde ich nicht mehr studieren wollen. Man muss ja heute schon am Anfang wissen, was am Ende rauskommt. Ich habe so wahnsinnig viele Vorlesungen gemacht, weil mich das Thema interessiert hat, obwohl ich wusste, dass ich darin keine Prüfung machen werde. Ich konnte meinen Intellekt probieren, mein Denken und meine eigene Meinung wurden gefordert. Zusammenhänge herstellen, strukturieren, auseinanderdividieren, einordnen können – das sollte man im Studium lernen und nicht das Reproduzieren von Fremdwissen. Manchmal ärgert mich das.
Ich bin gern in die Schule gegangen, habe gerne studiert, und es stand für mich immer außer Frage, dass das ein Lernen fürs Leben ist, dass es darum geht, Weitblick, Horizont zu kriegen, das eigene Hirn einzusetzen und nicht alles eins zu eins in praktische Dinge umsetzen zu können. Heute wird Bildung dermaßen geringgeschätzt, dass ich mir manchmal Sorgen um die Zukunft mache.

bv: Herzlichen Dank für dieses Gespräch!


(Zuerst veröffentlicht auf „Schreiben als Beruf“ am 22.10.2013.)