Ist Online-Journalismus die Lösung der Zeitungskrise?

Online-Zeitung als GmbH

Einer der ersten, die sich online wagten, war Hardy Prothmann 2009 mit dem Heddesheimblog. Heute leitet der für seine kritischen Berichte bekannte Journalist weitere elf Lokalblogs. Ein weiteres Beispiel ist regensburg-digital. Dort berichtet Stefan Aigner über Missstände, hinterfragt scheinbar Gegebenes und fand sich deshalb schon mehrfach vor Gericht wieder. Wie er in einem Interview auf der Website Lousy Pennies berichtet, verdient Aigner mit seiner Website jedoch lausig, auch heute noch. Blogs wie diese gibt es dennoch in wachsender Zahl.

Die Calenberger Online News (CON) ist anders. Zum einen wurde die Online-Zeitung nicht von einer Person gestartet, sondern gleich von dreien: Ernst-Richard Köper, Bettina Richter und Markus Hugo gründeten 2011 mit der Agentur Hugo-Köper-Richter eine UG (haftungsbeschränkte Unternehmergesellschaft). Mit Köper und Richter waren zwei im Zielgebiet gut bekannte LokaljournalistInnen im Team. Sie hatten zuvor jahrelang für die mittlerweile geschlossene Deister-Leine-Zeitung (DLZ) geschrieben. Hugo war zuletzt Geschäftsführer eines Veranstaltungszentrums und ist nun u. a. für die Akquise von Werbekundschaft zuständig.

Berichterstatter mit bislang zwei Portalen

Noch eins unterscheidet die CON von den anderen beiden Beispielen. „Wir sind reine Berichterstatter,“ sagt Ernst-Richard Köper, einer der drei Gesellschafter, „wir wollen keine Meinungsmacher sein.“ So berichten die drei tagesaktuell von dem Geschehen aus vier Kommunen südwestlich von Hannover. Seit kurzem auch mit weiteren MitarbeiterInnen auf einem zweiten Portal, den Leinetal Online News (L.ON) aus drei Kommunen südlich von Hannover. Mit CON füllen sie auch eine Lücke, die im März 2012 durch die urplötzliche Einstellung der Deister-Leine-Zeitung (DLZ) nach 126 Jahren Lokalberichterstattung entstanden war.

Die DLZ hatte über viele Jahre in Konkurrenz zur Calenberger Zeitung (CZ) gestanden, einer Lokalbeilage der Hannoverschen Allgemeinen (HAZ) aus dem Hause Madsack. Erstaunlicherweise hat die CZ nach dem Wegfall der DLZ nie die Chance genutzt, die sich ihr als Platzhirsch nun bot: die lokale Berichterstattung so anzuheben, dass sie sämtliche AbonnentInnen der DLZ einfangen konnte. Die Calenberger blieb, was sie war: eine recht kleine Beilage der Tageszeitung der benachbarten Großstadt.

Alle Artikel sind kostenlos zu lesen

Das Online-Angebot der Calenberger bzw. der HAZ ist ein Bezahlangebot. Der Großteil der tagesaktuellen Artikel ist nur für AbonnentInnen oder nach Einzelbezahlung zugänglich. Zwar wird die Bezahlschranke nach zwei Tagen geöffnet, doch dann sind die Artikel eben nicht mehr aktuell. Die CON dagegen veröffentlichte ihre Artikel von Anfang an kostenlos.

„Wir finanzieren uns rein über die lokale Werbung“, sagt Köper. „Es gibt aber auch ein paar Werbekunden, die über den Tellerrand hinausschauen. Der Ruheforst Wennigsen wirbt z. B. bis hin nach Laatzen. Für andere Werbekunden sind wir aber noch zu klein. Sieben Kommunen sind ihnen da noch zu wenig.“

Täglich bis zu 7.000 Leser

Doch das kann sich ändern. Es gibt Pläne für eine Erweiterung des Angebotes, so Köper: „Wir hatten immer den Traum, die Landeshauptstadt zu umschließen, indem wir den Speckgürtel abdecken. Wenn sich L.ON jetzt störungsfrei entwickelt, dann werden wir Anfang nächsten Jahres die weiteren Schritte planen.“ Möglich ist das, weil die Leserzahlen entsprechend hoch sind. Die Calenberger Zeitung von Madsack hat laut Mediadaten von 2012 eine Auflage von knapp 15.000. Köper kann dagegen halten: „Wir haben mittlerweile täglich zwischen 6.000 und 7.000 Leser. Madsack hat die ältere und langsam aussterbende Leserschaft. Sie verlieren ihre Abonnenten, und wir gewinnen Leser dazu.“ Wie groß die Online-Diskrepanz zwischen den beiden ist, zeigt sich an den „Gefällt mir“-Angaben auf Facebook: während die Calenberger Zeitung mit 362 Fans vor sich hin schlummert, steht die CON mit 2.750 Fans ausnehmend gut da (Stand: 2.7.2013).

Was eine Online-Zeitung den Printzeitungen voraus hat, ist jedoch nicht nur das jüngere Publikum. Online lässt sich auch nachvollziehen, welche Artikel, welche Themen am meisten gelesen werden. „Wenn wir Print-Kollegen erzählen, wie das Interesse bei uns gewichtet ist“, sagt Köper, „dann meinen die: ‚Das ist bei uns ganz anders.‘, ohne es belegen zu können. Dabei wissen wir viel genauer, was unsere Leser lesen und zur Kenntnis nehmen. Eine Zeitung hat nur die Abo-Zahlen, aber sonst keine Resonnanz.“

Erfreulich großes Interesse an Kommunalpolitik

Und so stellt die CON sich mit ihrem Themenspektrum auf ihre Leserschaft ein. „Die Berichte über den Jugendfußball haben wir zum Beispiel relativ schnell wieder eingestellt. Herrenfußball wird richtig gut gelesen, aber die Jugend vergisst ihr Spiel sofort nach dem Schlusspfiff. Es ist natürlich immer auch eine Frage, ob wir weniger gelesene Themen personell und finanziell wuppen können“, so Köper. „Wenn wir das schaffen, berichten wir natürlich auch über solche Themen.“

Andere Themen, die den Lokalzeitungen sehr wichtig sind, gehen online kaum. „Mit welcher Inbrunst wir früher zum Beispiel Scheckübergaben in Kindergärten begleitet haben! Aber das interessiert höchstens zehn der anwesenden zwanzig Eltern, sonst niemanden. Unerfreulich war für mich zu sehen, dass Sex & Crime sehr beliebt sind. So zynisch es klingt: aber ein Auto am Baum ist viel interessanter als so eine Scheckübergabe. Erfreulich dagegen ist das relativ große Interesse an Kommunalpolitik.“

Die Konkurrenz aus der Zukunft

Anders als bei regensburg-digital sind es keine „lousy pennies“, die die drei von CON verdienen. Immerhin schaffen sie es, zu dritt von der Arbeit für ihr Zeitungsportal zu leben und freie MitarbeiterInnen zu bezahlen. Doch große Sprünge können auch sie noch nicht machen. „Wir sind finanziell noch nicht auf Rosen gebettet“, sagt Köper. „Aber das Zutrauen der Werbekunden ist in den zwei Jahren gewachsen. Die meisten dachten, wir sind in drei Monaten wieder weg.“

Nicht nur das: zu Anfang waren sie ungebliebte und gefürchtete Konkurrenz für die beiden Print-Zeitungen. „Anfangs haben uns die Leute gehasst“, so Köper, „weil sie dachten, wir nehmen ihnen die Frühstückszeitung weg. Aber die Aufgabe eines fortschrittlichen Menschen ist es doch, aus einer Entwicklung eine gute Entwicklung zu machen, anstatt sich konservativ dagegen zu stellen. Es lässt sich doch steuern, ob die Entwicklung gut wird oder nicht. Insofern sind wir für Print keine Konkurrenz im eigentlichen Sinne, sondern vielmehr die Konkurrenz, die aus der Zukunft kommt.“

Eine Sache von Trial & Error

Ist der Online-Journalismus also die Lösung für JournalistInnen? Sicherlich (noch) nicht – dazu sind die Verdienste aus dem Online-Angebot wohl noch zu gering. Doch der Online-Journalismus wird weiter zunehmen und neue Wege entwickeln. Die Printzeitungen, die die digitale Entwicklung verschlafen haben und jetzt verzweifelt gegen kostenlose Angebote wie CON mit einer Bezahlschranke antreten, werden immer größere Schwierigkeiten haben, auf diesem neuen Markt mitzuhalten. Und was die Zukunft angeht, sagt Köper: „Es gibt noch keine Lehrbuchmeinungen zum Online-Journalismus. Dazu ist das Phänomen zu jung. Für uns ist das eine Sache von Trial & Error, was das Ganze schwierig macht, denn wir wissen nicht: haben wir uns geirrt oder schätzen wir etwas nur falsch ein? Da agieren wir noch ein bisschen aus dem Bauch heraus.“ Aber offensichtlich mit Erfolg.

(Mehr zu Ernst-Richard Köper hier im Interview über seinen Job als Online-Journalist.)


(Zuerst veröffentlicht am 02.07.2013 auf „Schreiben als Beruf“.)