Nie wieder Antisemitismus in Deutschland! (Foto ehem. KZ Bergen-Belsen: Birte Vogel)

Ich schäme mich! Ein Kommentar zum Antisemitismus in Deutschland

Es ist mir völlig egal, aus welchen Gründen Menschen in diesem Land öffentlich und völlig unbehelligt menschenverachtende, antisemitische Sprüche und Aufrufe zum Mord wie „Juden ins Gas“ schreien. Es ist mir völlig egal, welche Erklärungsversuche es dafür gibt, dass Leute in diesem Land Menschen jüdischen Glaubens beschimpfen, bedrohen und sie und ihre Gotteshäuser tätlich angreifen.

So etwas darf einfach nicht geschehen! Nicht in diesem Land. Und schon gar nicht gerade einmal knapp 70 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs.

Nie wieder Antisemitismus in Deutschland! (Skulptur im ehem. KZ Bergen-Belsen. Foto: Birte Vogel)
Nie wieder Antisemitismus in Deutschland! (Skulptur im ehem. KZ Bergen-Belsen. Foto: Birte Vogel)

Schon vor vielen Jahren sagte jemand in einem TV-Interview:

„Wieso fragen Sie mich etwas zu Israels Politik? Ich bin Deutscher!“

Dieser Deutsche war Michel Friedman, und gefragt wurde er damals zu Israel aus einem einzigen Grund: weil er jüdischen Glaubens ist. Was sollte das? Auch jetzt, während des aktuellen Kriegs zwischen Israel und der palästinensischen Terrororganisation Hamas, werden ganz automatisch Dieter Graumann, Charlotte Knobloch und zahlreiche andere Deutsche aufgefordert, Stellung zu nehmen und sich von Israel zu distanzieren. Aus einem einzigen Grund: weil sie jüdischen Glaubens sind. Was soll das?

Antisemitische Plakate dürfen bleiben?

Dann lese ich auf der Website von Radio Bremen in einem Bericht über eine Demonstration:

Nur vereinzelt gab es aber anti-israelische Transparente.

Wie kann eine öffentlich-rechtliche Sendeanstalt lediglich von „anti-israelischen“ Transparenten schreiben, wenn es doch ganz offensichtlich mindestens ein eindeutig antisemitisches Plakat (hier zu sehen) gegeben hat, das die Wörter „Landraub“, „Völkermord“ und „Staatsterror“ mit einem Davidstern, also dem Judentum allgemein, gleichsetzt? Weiter steht dort:

Die Veranstalter forderten daraufhin, diese abzunehmen. Das passierte aber nicht in jedem Fall. […]

Die Bremer Journalistin Beate Krafft-Schöning gehört zu den Mit-Organisatoren der Demonstration. Sie sagte zu Radio Bremen, dass sich die Demo „überhaupt nicht gegen Israel richtet“, sondern sich für eine friedliche Lösung im Palästina-Konflikt einsetzen wollte.

Das sahen einige Teilnehmer_innen wohl nicht so, denn sie demonstrierten ganz offensichtlich gegen das Judentum allgemein. Und ich habe keinen Bericht darüber finden können, dass die Veranstalter_innen irgendetwas gegen antisemitische Rufe und ganz offen antisemitische Plakate wie das eben genannte unternommen haben. Eine Bildunterschrift zu einem anderen Foto auf der gleichen Seite besagt sogar:

„Dieses Transparent hatten die Organisatoren auch verboten – erfolglos.“

Erfolglos? Wie kann das sein? Warum haben die Verantwortlichen nichts dagegen unternommen?

Mangel an Menschlichkeit, Verstand und Mitgefühl

Mich erschüttert diese Unwissenheit, diese Geschichtsvergessenheit und dieser unfassbare Mangel an Menschlichkeit, Verstand und Mitgefühl, die sich aktuell wieder vermehrt durch diese Demonstrationen, in den Reaktionen darauf und in den Kommentaren zu Online-Berichten und auf Facebook & Co. zeigen.

Und wenn alle Zeitzeugen gestorben sind, was dann? Geht's wieder von vorne los? (KZ-Gedenkstätte Bergen-Belsen im Jahr 2000. Foto: Birte Vogel)
Und wenn alle Zeitzeugen gestorben sind, was dann? Geht’s wieder von vorne los? (Bild: ehem. KZ Bergen-Belsen im Jahr 2000. Foto: Birte Vogel)

Mich entsetzt zudem, wie überrascht sich viele zeigten, als „plötzlich“ antisemitische Sprüche auf den Straßen geschrien wurden (wie sich der Antisemitismus in Deutschland heute darstellt, s. u.). Dabei ist es seit vielen Jahren bekannt, dass etwa 20 Prozent der deutschen Bevölkerung in unterschiedlichem Maße antisemitisch eingestellt sind.

Zwanzig Prozent! Das sind 16 Millionen Menschen, die entweder selbst noch den Zweiten Weltkrieg miterlebt haben oder die von den Morden und anderen Gräueltaten an der deutsch-jüdischen Bevölkerung in der Schule erfahren haben. 16 Millionen Unbelehrbare. Wie kann das sein?

Und wieder will niemand was gemerkt haben?

70 Jahre, nachdem das kleine Mädchen Anne Frank, dessen Tagebuch so viele von uns bis ins Mark erschüttert hat, verraten und ins KZ verschleppt wurde – nur siebzig Jahre danach sind solche Plakate und Sprüche auf unseren Straßen wieder möglich, ohne dass irgendjemand sofort dagegen einschreitet?

Ich bin fassungslos. Ich schäme mich zutiefst für diese Menschen und dieses Land, das über so viele Jahre blind gegen den Antisemitismus war und offensichtlich bis heute ist. Ich bin erschüttert, dass ein Freund von mir, der aus Angst um seine Familie nicht offen dazu steht, dass er Jude ist, dies offensichtlich nicht ohne Grund tut. Ich schäme mich vor all jenen, die ihre Gotteshäuser in diesem Land mit Panzerglas und anderen Sicherheitsvorkehrungen vor antisemitischen Übergriffen schützen müssen. Ich schäme mich vor meinen jüdischen Freund_innen, die ohne Eltern und Großeltern aufwachsen mussten, weil sie in den KZs von ihren eigenen Landsleuten auf grausamst vorstellbare Weisen ermordet wurden. Ich schäme mich vor den alten Freunden unserer Familie, auf deren Armen ich vor 35 Jahren zum ersten Mal in meinem Leben eine eintätowierte KZ-Nummer sah. Und ich schäme mich vor den beiden zauberhaften alten Leuten, die alle Familienmitglieder im Holocaust verloren hatten, nach Israel fliehen mussten und mir als Deutscher auf dem Gelände des ehemaligen KZs Bergen-Belsen, in dem sie beide einst interniert waren, sehr liebevoll, sehr interessiert, von Mensch zu Mensch begegneten.

Was für eine Gesellschaft lässt es zu, dass es – nur einen Wimpernschlag nach den entsetzlichen Verbrechen ihrer Vorfahren – auf ihren Straßen wieder genauso zugeht wie zu Beginn der Nazizeit, als auch niemand glaubte, dass es schlimmer werden könnte?

Als alle sicher waren, dass das nur ein paar Spinner sind, die da auf der Straße ihren Hass herausschrien.

Als alle deshalb einfach wegschauten.

Gedenkstein für die Schwestern Margot und Anne Frank in Bergen-Belsen. (Foto: Birte Vogel)
Gedenkstein für die Schwestern Margot und Anne Frank in Bergen-Belsen. (Foto: Birte Vogel)

So stellt sich der Antisemitismus in Deutschland heute dar (aus dem Bericht des unabhängigen Expertenkreises Antisemitismus (Drucksache 17/7700)):

Die Umfragen verdeutlichen im Einzelnen, dass dabei neben den „klassischen“ antisemitischen Bezichtigungen – Juden besäßen zu viel Einfluss (Verschwörungsvorwurf) oder seien wegen ihres eigenen Verhaltens selbst „schuld“ an ihrer Verfolgung – Mutmaßungen und Vorwürfe sehr viel stärker eine Rolle spielen, die erst als Reaktion auf den Holocaust und die Existenz des Staates Israel entstanden sind: Es handelt sich dabei insbesondere um den Vorwurf, Juden zögen Vorteile aus dem Holocaust oder nutzten ihn für ihre Zwecke zulasten deutscher Belange aus („sekundärer“ Antisemitismus), sowie um eine mit Antisemitismus aufgeladene Kritik an Israel, die den Staat schlechthin mit „den Juden“ identifiziert und die israelische Politik mit der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik gleichsetzt.
Aus dieser Schwerpunktverlagerung antisemitischer Inhalte erklärt sich auch, dass der Antisemitismus in Deutschland nicht mehr – wie von den 1950er- bis in die 1970er-Jahre – relativ kontinuierlich mit dem demographischen Rückgang der durch den Nationalsozialismus geprägten älteren Generationen abnimmt. Vielmehr ist seit den 1980er-Jahren eine Wellenbewegung zu konstatieren, die offenbar sehr stark durch die Ereignisse im Nahen Osten und die innenpolitische Debatte, insbesondere die Auseinandersetzung um Rechtsextremismus und Nationalsozialismus, geprägt ist.

Für das vergangene Jahrzehnt lässt sich zeigen, dass – nach einem deutlichen Rückgang antisemitischer Einstellungen in den Jahren 2004 bis 2006 – seit 2007/2008 wiederum ein Anstieg antisemitischer Einstellungen festzustellen ist, ohne dass bisher das Niveau von 2002 erreicht wurde. Die vorhandenen Daten erlauben eine Reihe von Differenzierungen hinsichtlich einzelner Teile der Bevölkerung; hervorgehoben sei, dass die noch in den 1990er-Jahren deutlich geringeren Antisemitismuswerte in den neuen Bundesländern sich mittlerweile an den gesamtdeutschen Durchschnitt angenähert haben.
Im Vergleich mit anderen europäischen Ländern nimmt Deutschland, was die Verbreitung antisemitischer Einstellungen anbelangt, einen Mittelplatz ein. Dabei ist zu betonen, dass Deutschland trotz einer beständigen Auseinandersetzung mit seiner nationalsozialistischen Vergangenheit und trotz einer weitgehenden öffentlichen Tabuisierung des Antisemitismus im Allgemeinen höhere Werte erreicht als die westeuropäischen Länder Italien, Großbritannien, Niederlande und Frankreich. Dass Deutschland im europäischen Vergleich trotzdem einen mittleren Platz einnimmt, ist vor allem auf zum Teil extrem hohe Antisemitismuswerte in Polen, Ungarn und Portugal zurückzuführen (Vergleichsdaten liegen nicht für alle europäischen Länder vor).

Lassen sich antisemitische Einstellungen mit Hilfe der Meinungsforschung zumindest in ihrer Größenordnung und in ihrem Trend mit einiger Sicherheit erfassen, ist unser Wissen über das Ausmaß des Antisemitismus im deutschen Alltag außerordentlich rudimentär.
Als gesichert gelten kann die tiefe Verankerung antisemitischer Stereotype und Wahrnehmungsmuster in der Alltagskultur, doch ist völlig ungeklärt, in welchem Umfang sich dieser Bodensatz an Vorurteilen und Ressentiments in konkreten Handlungen (einschließlich verbaler Angriffe) in der alltäglichen gesellschaftlichen Interaktion äußert und welche Folgen dies für Juden und Nichtjuden hat. Die Dimensionen dieses Phänomens lassen sich nur erfassen, wenn man die unterschiedlichen Bereiche fokussiert, in denen solche alltäglichen Formen des Antisemitismus nachweisbar sind: private Geselligkeiten, Kneipengespräche, Schulhöfe, Fußballspiele, Internetblogs etc. Die weder von den – auf die politischen Extreme konzentrierten – Verfassungsschutzbehörden noch von der Strafverfolgung erfasste alltägliche Ausgrenzung, Diffamierung, Beschimpfung und Boykottierung von Juden ist jedenfalls fester Bestandteil des Erfahrungshorizonts der in Deutschland lebenden Juden.

Birte Vogel

Ich bin freie Journalistin & Autorin, schreibe Sachbücher (selbst und als Ghostwriterin) und coache Unternehmer_innen von der Idee bis zum fertigen Buch (auch hier vor Ort auf Amrum). Und ich berate Journalist_innen, wie sie aus ganz guten Porträts herausragende machen können.
Kontakt:
Tel.: 04682 – 96 842 37
E-Mail: vogel[at]nordsee-text.de

5 Gedanken zu “Ich schäme mich! Ein Kommentar zum Antisemitismus in Deutschland

  1. Ich fange an zu lesen und denke ja, ja, ja und dann kommt der Beweis:
    eindeutig antisemitisches Plakat (hier zu sehen) http://www.radiobremen.de/politik/nachrichten/demo148_v-slideshow.jpg

    und ich denke Nee. Wieso ist das jetzt antisemitisch? Der Davidstern ist auf der Israelischen Flagge, also ist er auch kein rein religiöses Zeichen mehr und die Darstellung in einem solchen Zusammenhang ist nicht sofort antisemitisch.

    Habe dann nicht mehr weiter gelesen.

    • Hallo Herr Tippe,

      da stimme ich Ihnen nicht zu. Ein Davidstern allein steht nicht für Israel. Israel hat bekanntlich eine andere Flagge. Wer Israel gemeint hätte und nicht das Judentum ansich, hätte die blauen Linien mitgezeichnet. So viel mehr Arbeit ist das schließlich nicht.

      Würde jemand den Halbmond mit Stern neben diese Wörter setzen, wäre es genauso. Auch er ist Teil so mancher Landesflagge – würde er aber ohne den Zusatz der Landesfarben der Flagge benutzt und mit solchen Worten gleichgesetzt, welchen anderen Schluss ließe das zu als eine Gleichsetzung mit dem Islam ansich?

  2. Ich sehe gerade, dass dieser automatisch generierte Ausschnitt aus meinem Blog eins hier drüber sehr sehr unglücklich aus dem Zusammenhang gerissen ist und damit quasi exakt das Gegenteil meiner Meinung darstellt.

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