Finanzkommunikation: Heike Virchow

Texterin, Redakteurin, Lektorin und Korrektorin Heike Virchow (Foto: privat)
Texterin, Redakteurin, Lektorin und Korrektorin Heike Virchow (Foto: privat)

Heike Virchow  liest lieber „Capital“ als Krimis. Sie hat Italianistik, Anglistik und BWL studiert, u. a. bei der Amerikanischen Handelskammer, der Deutschen Börse und bei McKinsey gearbeitet. Im Jahr 2000 machte sie sich mit „Textpertise“ selbstständig und arbeitet als Texterin, Redakteurin, Lektorin und Korrektorin für Wirtschaftstexte. Sie ist auf Finanzkommunikation spezialisiert und hat 2006 die Prüfung zum CIRO (Certified Investor Relations Officer) absolviert.

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Birte Vogel (bv): Frau Virchow, Sie sind Texterin und Lektorin. Wie würden Sie Ihren Beruf beschreiben?

Heike Virchow (HV): Genaugenommen arbeite ich mit Texten auf vier Stufen. Als Texterin erschaffe ich auf dem leeren Blatt Papier – oder besser dem leeren Bildschirm – neue Texte nach den Vorgaben des Kunden und für eine zuvor bestimmte Zielgruppe. Als Redakteurin mache ich aus rudimentären Texten vollständige, runde Texte; bei der Redaktion greife ich auch in die Struktur des Textes ein. Als Lektorin beschäftige ich mich mit dem Stil des Textes, formuliere um, schaue, ob die Sätze vielleicht zu lang sind, ob sie abwechslungsreich genug sind, nicht zu viele Wortwiederholungen vorkommen. Dabei mache ich automatisch ein Korrektorat mit, prüfe die Umbrüche, einheitliche und konsistente Schreibweisen, Rechtschreibung, Grammatik und so weiter. Manche Kunden beauftragen ein Korrektorat ganz isoliert – das übernehme ich natürlich auch, auf Deutsch und auf Englisch.

bv: Warum machen Sie diese Arbeit gern?

HV: Ich glaube, beim Korrektorat und Lektorat ist es ein gewisser Perfektionismus, der mir sowieso eigen ist und den ich bei den Texten auch für Geld an den Tag legen darf. (lacht) Beim Texten und Redigieren macht es mir Spaß, Dinge zu ordnen, zu strukturieren, aus 100 Seiten ungeordnetem Material eine Geschichte zu machen, die andere lesen möchten.

bv: Wie sind Sie zu diesem Beruf gekommen?

HV: Ich habe nach dem Gymnasium zunächst die Höhere Handelsschule für Abiturienten besucht. Schon da hab ich betriebswirtschaftliche Inhalte in Kombination unter anderem mit Sprachen gelernt. Das hat mir unheimlich Spaß gemacht, also habe ich nach einem ähnlichen Studiengang gesucht. Es gab nur wenige Unis, an denen ich ein Sachfach mit Sprachen kombinieren konnte, und so bin ich in Gießen gelandet. Ich habe Italianistik, Anglistik und im Nebenfach BWL (Betriebswirtschaftslehre, Anm. d. Red.) studiert. Diese Kombination hat mir den Weg zu meinem Beruf geebnet.

bv: Haben Sie nach dem Studium gleich als Texterin und Lektorin gearbeitet?

HV: Nein, in meinem ersten Job nach der Uni habe ich für eine internationale Pressefotoagentur gearbeitet und dort vieles gemacht, aber nur selten mal etwas geschrieben. Bei meiner nächsten Station, der Amerikanischen Handelskammer, habe ich mich das erste Mal beruflich mit Texten beschäftigt. In der Policy-Abteilung haben mein amerikanischer Chef und ich viele Briefe an Politiker geschrieben, unter anderem an die Wirtschaftsminister der Länder und den damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl. Ich habe die Schreiben redigiert und später auch selbst Briefe vorformuliert. Das hat mir sehr viel Spaß gemacht.

Erste Kunden in der Selbstständigkeit waren die alten Arbeitgeber

bv: Sie haben dann eine Zeitlang für Ihre Kinder pausiert.

HV: Richtig, nach der Geburt meines zweiten Kindes habe ich mich ein Jahr lang ganz intensiv der Familie gewidmet. Gegen Ende dieses Jahres habe ich eines Tages eine Anzeige von McKinsey gesehen (McKinsey ist eine Firma für Unternehmens- und Strategieberatung; Anm. d. Red.). Sie suchten damals Editoren, und ich dachte: Das ist ja genau das, was ich gerne mache! Dort war allerdings ein hoher Arbeitseinsatz gefordert. Ich hatte eine Vollzeitstelle und fuhr jeden Tag eine Stunde mit dem Zug von Gießen nach Frankfurt am Main und abends wieder zurück. Die Zeit bei McKinsey war nicht nur wegen des Pendelns sehr anstrengend, aber dafür intellektuell unheimlich bereichernd. Jeder Text eröffnete mir eine neue Welt, es ging ja immer um andere Unternehmen, andere Branchen – es war unwahrscheinlich horizonterweiternd. Ende der 1990er Jahre dann habe ich dort auch einige Businessplan-Wettbewerbe kommunikativ betreut. Der erste war StartUp, den McKinsey zusammen mit dem „Stern“ durchgeführt hat. Dort wurden gute Ideen von Existenzgründern gesucht und prämiert. Meine Mitarbeit daran sollte mir später noch sehr helfen.

bv: Dennoch haben Sie noch einmal die Stelle gewechselt.

HV: Ich habe bei McKinsey aufgehört, weil ich wegen der Kinder in Teilzeit arbeiten wollte. Damals war das ungleich schwieriger durchzusetzen als heute. Ich bin dann zur Deutschen Börse gegangen, im Jahr 2000 habe ich mich schließlich selbstständig gemacht.

bv: Warum wollten Sie sich aus einer festen Stelle heraus selbstständig machen?

HV: Zum einen zog die Deutsche Börse um, was für mich bedeutet hätte, am Tag drei Stunden zu pendeln. Das war mir zu viel. Und dann sagten mir immer mehr Kollegen und Freunde: Mit dem, was du kannst – warum machst du dich nicht einfach selbstständig? Da ich bei McKinsey durch die Arbeit an StartUp Einblick in die einzelnen Schritte, die für eine Unternehmensgründung notwendig sind, bekommen hatte, wusste ich, was zu tun war. Das Schöne war, dass meine ersten Aufträge von meinen früheren Arbeitgebern, der Deutschen Börse und McKinsey, kamen. Damit hatte ich schon zwei gute Referenzkunden.

Die Basis der Selbstständigkeit war eine solide Finanz- und Liquiditätsplanung

bv: Sie haben Ihre Selbstständigkeit aus dem Nichts gestartet?

HV: Mein Mann hatte sein Gehalt, das gab uns ein bisschen Sicherheit. Aber ein Gehalt allein reichte nicht für uns als Familie und er hatte auch jeweils nur Zeitverträge. Deshalb habe ich ihm gesagt: Ich möchte es ein Jahr lang probieren, und wenn es nicht läuft, dann suche ich mir wieder eine feste Stelle. Aber ich war mir ziemlich sicher, dass es funktionieren würde, weil ich eine richtig solide Finanz- und Liquiditätsplanung hatte. Ich bekam außerdem eine Förderung von 5.000 Mark vom Arbeitsamt und konnte mir davon meine Grundausstattung kaufen: einen PC, einen Drucker, Geschäftspapier und was man sonst für einen vollständigen Arbeitsplatz braucht.

bv: Was gab Ihnen diese Sicherheit, dass Sie nicht wieder würden aufgeben müssen?

HV: Ich habe Zutrauen in meine eigenen Fähigkeiten. Als Angestellte hatte ich gemerkt, dass das, was ich mache, gut ankommt. Warum sollten mir Kunden dafür also nicht auch ein angemessenes Honorar zahlen? Ich weiß zwar, wo meine Grenzen sind, ich weiß aber auch, was ich kann. Wenn man das macht, was einen super interessiert, wenn man die richtigen theoretischen Grundlagen hat und nicht denkt, man sei nur ein Mäuschen, dann hat man eine gute Basis, von der aus man starten kann.

bv: Welche Herausforderungen hatte die Selbstständigkeit für Sie parat?

HV: Eine Herausforderung war es, erst einmal meinen Mann davon zu überzeugen, dass die Selbstständigkeit eine wirklich gute Idee ist. Ich habe kein besonders ausgeprägtes Sicherheitsdenken; ich weiß, wenn es nicht läuft, dann geh ich auch zu Aldi an die Kasse. Ich habe schon während der Schulzeit Nachhilfe gegeben und in den Ferien immer gejobbt. Deshalb wusste ich: Das klappt schon irgendwie, ich werde mich und notfalls uns alle ernähren können.

bv: Wie viel Akquise gehört zu Ihrer Arbeit?

HV: Ich habe noch nie viel Akquise gemacht, und wenn doch, dann meist nicht sehr wirkungsvoll. Vor einigen Jahren habe ich verschiedenen Unternehmen angeboten, ihre Geschäftsberichte kostenlos durchzusehen und sprachliche Verbesserungsmöglichkeiten aufzuzeigen. Das hat funktioniert, zwei von ihnen wurden danach feste Kunden. Ich werde mittlerweile aber in den Kundenunternehmen auch von Abteilung zu Abteilung weitergereicht. Der Sprung von den beiden ersten Kunden, die ja alte Arbeitgeber waren, zu mehr Kunden ist also fast wie von selbst passiert, weil sich mein Angebot herumgesprochen hat. Wenn meine Ansprechpartner das Unternehmen wechseln, nehmen sie mich meist auch zu ihrem neuen Arbeitgeber mit. Fast schon eine Art Schneeballeffekt.

Man sollte immer hinterfragen, was man macht

bv: Sie arbeiten von einem Büro zu Hause aus. War das von Anfang an so?

HV: Nein. Ich habe zuerst im Heimbüro gearbeitet, aber dann gemerkt, dass ich mit meiner Arbeit woandershin muss. Eine Zeitlang hatte ich dann mit einer Kollegin ein Büro in Köln, aber als sie schwanger wurde, haben wir die Bürogemeinschaft aufgelöst. Ich habe aus unseren Fehlern gelernt und bin dann in ein eigenes Büro hier in Gießen gezogen. Da konnte ich mich besser konzentrieren. Heute sind meine Kinder erwachsen, und ich habe mein Büro wieder zu Hause.

bv: Welches Konzept würden Sie denn anderen raten? Externes oder Heimbüro?

HV: Alles hat seine Zeit. Man muss ab und zu in sich reinhorchen, auf die eigene private Situation und die Arbeitsbedingungen schauen und überlegen, was gerade am besten passt. Man sollte immer hinterfragen, was man macht und was man braucht, und nicht das Aktuelle als unverrückbaren Status quo annehmen.

bv: Welche Vorteile hat die Selbstständigkeit für Sie?

HV: Tausende! (lacht) Am allertollsten ist die Selbstbestimmung. Ich bin nicht wirklich ein Fan von Hierarchien. Ich erkenne Autorität nur an, wenn sie mit Kompetenz unterfüttert ist; dann ordne ich mich gern unter. Wenn jemand nur qua Position das Sagen hat, aber die Kompetenz fehlt, dann nicht. Ich finde es sehr befriedigend, dass ich jetzt bestimmen kann, welche Kunden ich habe und was ich mit meinen Ressourcen mache. Manchmal arbeite ich morgens ab halb sieben und mache um 16 Uhr Schluss, manchmal fange ich erst um zehn Uhr an und arbeite bis Mitternacht, ganz flexibel je nach Auftragslage, Leistungsvermögen, privaten Terminen – und Wetter.

bv: Das hört sich immer noch nach sehr vielen Arbeitsstunden an.

HV: Als Angestellte fand ich es aber unheimlich schwierig, die Arbeit mit dem Privatleben zu vereinbaren, denn mein Leben bestand zu über 90 Prozent aus Arbeit. Das war kein Dauerzustand. Die hohe Lebensqualität, die sich aus der Selbstbestimmung ergibt, ist für mich das Wichtigste und Befriedigendste an der Selbstständigkeit. Und die Vereinbarkeit mit dem Familienleben. Ich war immer ansprechbar und da für meine Kinder; als mein Mann später außerhalb von Gießen arbeitete, wäre es auch gar nicht anders gegangen.

Es geht meinen Kunden auch um mich als Mensch

bv: Und haben sich die 90 Prozent in der Selbstständigkeit wirklich reduziert?

HV: Einige Jahre lang waren es tatsächlich noch etwa 80 Prozent. Im vergangenen Jahr habe ich verstanden, dass ich besser auf mich aufpassen muss, damit ich gesund und arbeitsfähig bleibe. Also habe ich mein Engagement ein bisschen zurückgefahren. Meine Hauptsaison ist der Winter, wenn die Geschäftsberichte erstellt werden. In der vergangenen Saison habe ich einen Geschäftsbericht weniger angenommen als sonst, und das hat sich sehr bemerkbar gemacht. Im Winter liege ich zwar immer noch bei ungefähr 90 Prozent, aber im Frühjahr und Sommer dafür nur bei 40, an manchen Tagen sogar nur bei 20 Prozent. Das mache ich ganz bewusst so, denn ich brauche den Ausgleich. Wenn ich dann im Garten in der Sonne sitze, denken viele Leute: „Hat die keine Arbeit? So gut möcht‘ ich es auch mal haben!“ (lacht) Aber die sehen ja nicht, wie viel ich dafür im Winter hinter geschlossenen Türen arbeite.

bv: Welche Vorteile hat die Selbstständigkeit für Sie, abgesehen von dieser freien Einteilung von Zeit und Auslastung?

HV: Ich habe so viele unterschiedliche Kunden in unterschiedlichen Branchen – da wird die Arbeit einfach nicht langweilig. Und ich weiß von jedem Kunden, was er braucht und stelle mich darauf ein. Also fühlt er sich wohl mit mir, bleibt mir treu, und das gibt mir sehr viel Befriedigung und Selbstbestätigung, die man als Angestellte meiner Ansicht nach nicht in diesem Maße bekommt. Dankbare Kunden bedeuten mir sehr viel mehr als ein festes Gehalt und ganz selten mal ein Schulterklopfen. Manche Kunden rufen mich mittlerweile sogar nur zum Reden an – es geht ihnen also nicht nur um mich als Dienstleisterin, sondern auch um mich als Mensch, und das tut gut. Aber natürlich freue ich mich am Monatsende auch über die bezahlten Rechnungen.

bv: Hat die Selbstständigkeit Nachteile für Sie?

HV: Nein, keinen einzigen. Ich hab da auch keine Sorgen. Solange mein Kopf und meine Augen funktionieren und ich tippen kann, seh‘ ich keine Grenzen. Meine Motivation ist groß genug, und ich hab eine sehr große Selbstdisziplin. Es ist für mich kein Problem, um 9 Uhr am Schreibtisch zu sein. Bei McKinsey hieß es immer: „Client first, firm second, self third“ [„Zuerst der Kunde, dann das Unternehmen, dann der Einzelne“; Anm. d. Red.]. Das war sehr hart, und es ist auf Dauer wohl auch ungesund, aber ich lebe bis heute ein bisschen danach.

Diese Welt muss einen anfixen

bv: Woraus besteht Ihre Arbeit genau?

HV: Ich texte, redigiere, lektoriere und korrigiere Wirtschaftstexte, unter anderem Geschäftsberichte, schreibe dort zum Beispiel die Vorworte der Vorstandsvorsitzenden nach Vorgaben aus den Unternehmen und passend zu ihrer Persönlichkeit. Ich betexte Newsletter, und übersetze aus dem Englischen sowie – zusammen mit freien Mitarbeiterinnen – vom Deutschen ins Englische, manchmal sogar einen ganzen Geschäftsbericht.

bv: Das heißt, Sie haben sich auf eine ganz bestimmte Nische spezialisiert.

HV: Genau. Mir liegt alles, was mit betriebswirtschaftlichen Zusammenhängen zu tun hat. Das ist auch mein Wettbewerbsvorteil, denn ich kenne den Unterschied zwischen Prozent und Prozentpunkt, weiß, was im Wertpapierhandelsgesetz steht und was im Aktiengesetz usw. Ich hinterfrage inhaltlich sehr viel, weil ich eben den betriebswirtschaftlichen Hintergrund habe. Das hilft mir übrigens auch bei meiner Preisgestaltung.

bv: Ist denn für Ihre Nische ein BWL-Studium grundsätzlich empfehlenswert?

HV: Ich würde mal so sagen: Mit einem fachfremden Studium kann man nicht so leicht direkt in die Arbeit an Geschäftsberichten einsteigen. Mir war die Unternehmenswelt schon von Kindesbeinen an vertraut. Ich habe meinem Großvater immer zugehört, wenn er in seinem Büro Briefe diktiert hat, und viel daraus gelernt. Man muss natürlich nicht genau diese Voraussetzungen haben, aber ich hatte es dadurch leichter. Das Wichtigste ist aber, dass diese Art der Arbeit einem etwas bedeutet. Ich lese, seit ich Mitte 20 war, „Capital“, „Wirtschaftswoche“, „Manager Magazin“ und andere Wirtschaftsmagazine ganz „freiwillig“, weil mich das alles interessiert. Man muss ein echtes Interesse für die Themen mitbringen, diese Welt muss einen anfixen, und man darf bei den Nachrichten nicht ausschalten, wenn ein Bericht über eine Fusion kommt. Das Interesse muss vorhanden sein, das kann man sich nicht verordnen.

bv: Was gefällt Ihnen am Texten und Lektorieren?

HV: Ursprünglich war es gar nicht das Texten und Lektorieren, das mir so viel Spaß gemacht hat, sondern das Lesen. Als Kind habe ich Mengen an Büchern, Zeitschriften und Tageszeitungen gelesen. Irgendwann hab ich gemerkt, dass es manchmal keinen Spaß machte, etwas zu lesen, und ich habe mich gefragt, woran das wohl liegt. Ich wusste damals gar nicht, dass es Lektoren in Unternehmen gibt, die sich darum kümmern, dass Texte lesbar werden. Und als ich es erfuhr, dachte ich: Was? Das kann man beruflich machen? Für Geld? Fantastisch! Ich habe dann fünf Jahre nach Beginn meiner Selbstständigkeit auch angefangen, selbst zu texten. Ein Kunde fragte an, und ich dachte: Warum eigentlich nicht? Ich merkte, das macht total Spaß, und der Kunde fand das auch noch gut, was ich da geschrieben hatte. (lacht)

Nur mit Spezialisierung kommt man finanziell weiter

bv: Gibt es eine Branche, für die Sie nie schreiben würden?

HV: Für die Rüstungsindustrie. Ich kann nicht mit Begeisterung darüber schreiben, wie zielgenau ein Panzer arbeitet. Und ich könnte sicherlich auch nicht das Parteiprogramm bestimmter Parteien schreiben. Ich bin zwar ein politischer Mensch, aber beruflich würde ich gern bei Wirtschaftsthemen bleiben.

bv: Welcher Auftrag hat Ihnen von allen bisherigen am meisten Spaß gemacht?

HV: Ich habe einmal Mitarbeiter für ein Unternehmen interviewt, um sie für eine Website in ihrer individuellen Besonderheit darzustellen. Es waren sehr anspruchsvolle Mitarbeiter, und trotzdem haben sie an meinen Texten nur Kleinigkeiten ändern wollen. Es hat mir unheimlich was gegeben, dass ich das konnte. Der Auftrag hatte zwar wenig mit meiner Spezialisierung auf Finanzkommunikation zu tun, aber so etwas würde ich jederzeit gern wieder machen.

bv: Wie beurteilen Sie die Entwicklung der Honorare in Ihrem Arbeitsbereich?

HV: In meiner kleinen Nische kann ich sehr gut davon leben. In fast 13 Jahren hab ich drei- oder viermal die Preise erhöht. Nie hat ein Kunde gesagt: „Das wird uns jetzt aber zu teuer.“ Mit wachsender Erfahrung und wachsender Spezialisierung sind höhere Honorare drin, aber natürlich auch nur bis zu einem gewissen Punkt, ab dem der Markt nicht mehr hergibt. Je niedriger qualifiziert die Arbeit ist, desto schneller erreicht man diese Grenze. Lektorat und Korrektorat werden heute am Markt mit teilweise ungeheuer niedrigen Honorarsätzen angeboten, aber die sind kein Benchmark für mich, diese Anbieter haben meist keine Spezialisierung – oder nicht die entsprechende Erfahrung. Meiner Meinung nach kommt man nur mit einer Spezialisierung finanziell weiter.

bv: Wer gehört zu Ihren Kundinnen und Kunden?

HV: Ich arbeite für große und mittlere Unternehmen, für Banken und für PR- und Werbeagenturen.

bv: Was hat sich im Arbeitsfeld der TexterInnen und LektorInnen verändert, seitdem Sie selbstständig sind?

HV: Das Umfeld hat sich durch die neuen Medien verändert. Als ich angefangen habe, gab es kaum Internetseiten. Die Aufgaben verändern sich dadurch, man muss technischer werden, nicht nur in Word schreiben, sondern sich jetzt auch mit Content-Management-Systemen auskennen. Anfangs habe ich noch auf Papierausdrucken korrigiert und die dann weggefaxt, heute geht das meistens im pdf-Dokument und per E-Mail.
Was sich noch geändert hat, ist der Zeitdruck. Auf Kundenseite ist er größer geworden. Das bedeutet aber nicht, dass der bei mir immer ankommt. Man kann auch eigene Vorstellungen äußern und verhandeln. Wenn Kunden einen kennen, dann wissen sie, dass sie sich auf Zusagen verlassen können. Früher habe ich genauso geliefert, wie die Kunden das wollten, hab dafür sogar private Termine gecancelt. Das mache ich heute nicht mehr. Mein Privatleben muss seinen Platz haben, damit ich im Beruf leistungsfähig bleibe. Früher hatte ich den Anspruch an mich selbst, dass ich springe, wenn der Kunde ruft. Aber dann kam ein Tag, an dem drei Kunden auf einmal etwas bis zum nächsten Tag brauchten. Da habe ich genau geschaut, was ich ihnen realistischerweise bis wann anbieten kann, und das haben sie dann auch angenommen. Meine Kunden wissen: Wenn es irgendwie geht, verrenke ich mich für sie. Aber ich möchte auch mal spontan ins Theater gehen können.

Die Vielfalt ist gerade das Schöne

bv: Wie wichtig ist es, sich selbst einen Firmennamen zu geben?

HV: Der Name „Textpertise“ hat sicher zum Erfolg beigetragen. Er ist vielleicht nicht ganz einfach auszusprechen (lacht), aber er hat einen gewissen Absolutheitsanspruch: „Textpertise“ gibt es nur einmal.

bv: Wie ist aus Ihrer Sicht der Trend im Texten und Lektorieren – mehr Jobs oder eher Kürzungen?

HV: Ich habe den Eindruck, dass viele Unternehmen schon aus Prinzip sparen – bei anderen ist es betriebswirtschaftliche Notwendigkeit. Im Zweifel gibt es immer andere Kunden, die mit mir zusammenarbeiten möchten. Da bin ich entspannt.

bv: Welchen Stellenwert hat das Internet bzw. Onlinetexte bei Ihrer Arbeit?

HV: Ich habe eher Printaufträge; manchmal werden die Publikationen auch als pdf-Datei online gestellt. Gelegentlich überarbeite ich Website-Texte. Aber insgesamt haben Onlinetexte keinen hohen Stellenwert bei meiner Arbeit.

bv: Was sollte man, Ihrer Ansicht nach, unbedingt für diesen Job mitbringen?

HV: Wie gesagt, ein Interesse an wirtschaftlichen Zusammenhängen, Fachkenntnisse, Selbstdisziplin, Risikobereitschaft, Eigeninitiative, eine Dienstleistermentalität, aber auch die Fähigkeit, auf sich selbst aufzupassen, damit man sich mit den eigenen Ansprüchen und denen der Kunden nicht überfordert.

bv: Wäre es ratsam, sich auf ein bestimmtes Fachgebiet zu spezialisieren …

HV: Oh ja!

bv: … oder sind GeneralistInnen besser dran?

HV: Als Generalist funktioniert es, wenn man es sehr vehement kommuniziert. Aber dann muss man auch sowas wie einen Über-Nacht-Service anbieten, immer sehr schnell reagieren und dennoch auf gleichbleibendem qualitativen Niveau arbeiten.

bv: Und wie ist es bei den Wirtschaftstexten – wäre es besser, sich bspw. auf Kundenmagazine oder Geschäftsberichte oder Fachartikel zu spezialisieren?

HV: Ich halte es grundsätzlich für sinnvoller, sich auf bestimmte Themen, Branchen und Zielgruppen zu konzentrieren. Ich kam aus der Wirtschaft, habe mich erst auf Finanzkommunikation spezialisiert und dann nochmal eine Fortbildung in Investor Relations gemacht. Durch so eine Zusatzausbildung kommen auch andere Aufträge. Wenn ich nur Geschäftsberichte machen würde, würde mich das zu sehr einschränken. Die Vielfalt ist doch gerade das Schöne an der Selbstständigkeit. In einem Unternehmen hat man immer nur die gleichen Produkte. Das wäre mir auf Dauer zu eintönig. Jetzt hab ich mal mit Autos zu tun, dann mit Medizintechnik, dann mit dem neuesten Anlageprodukt einer Bank. Das ist schön bunt. Das Gleiche gilt für die Arten der Publikationen. Aber immer innerhalb des Bereichs Finanzkommunikation.

Wegen des CIRO konnte ich meine Preise erhöhen

bv: Sind Fortbildungen generell nötig oder zumindest empfehlenswert?

HV: Auf jeden Fall empfehlenswert. Man kann seine Nische mit der Zeit finden, sich dann fokussieren. Aber man sollte immer auch nach rechts und links schauen, damit man den Reichtum der Arbeit, der einem als Selbstständigem zur Verfügung steht, nicht selbst einschränkt.

bv: Wie wichtig sind Zertifikate wie Ihres als CIRO (Certified Investor Relations Officer, ein Zertifikat des Deutschen Investor Relations Verbandes DIRK; Anm. d. Red.) in der Zusammenarbeit mit Unternehmen?

HV: Sie sind wichtig, wenn man sich sicher sein kann, dass die Kunden wissen, was für ein Zertifikat das ist. Sonst hat man keinen Vorteil daraus. Den CIRO können meine Kunden einordnen, deshalb ist das Zertifikat etwas wert. Ich habe nach der bestandenen Prüfung auch meine Preise erhöhen können.

bv: Wie wichtig waren Vorbilder für Ihren Weg? Und welche waren das?

HV: Mein Großvater war selbstständiger Handelsvertreter. Er hatte sein Büro zu Hause und war ansonsten unterwegs. So habe ich als Kind viel von seiner Arbeit mitbekommen, aber auch die Schattenseiten gesehen. Ich mache deshalb heute einiges ganz ähnlich wie er – und vieles ganz anders. Er war aber mindestens in einer Hinsicht ein sehr positives Vorbild: Durch ihn weiß ich, dass sich Risikobereitschaft lohnt. Und dass man sich, wenn man auf eigenen Füßen steht, von niemandem mehr etwas sagen lassen muss. Das war mir schon immer viel wert.

bv: Herzlichen Dank für das Gespräch!


(Zuerst veröffentlicht auf „Schreiben als Beruf“ am 17.07.2013.)