Wie "scheißegal" ist es wirklich, dass Frauen auch aus sprachlicher Sicht nicht gleichberechtigt sind? (Foto: Rainer Sturm / pixelio.de)

„Es ist mir scheißegal, wie Frauen sich dabei fühlen“ – Frauen und Sprache

Wie "scheißegal" ist es wirklich, dass Frauen auch aus sprachlicher Sicht bis heute nicht gleichberechtigt sind? (Foto: Rainer Sturm / pixelio.de)
Wie „scheißegal“ ist es wirklich, dass Frauen auch aus sprachlicher Sicht bis heute nicht gleichberechtigt sind? (Foto: Rainer Sturm / pixelio.de)

Es geschieht selten, dass mich etwas so ins Mark trifft, dass mir schlicht die Worte fehlen. Gestern telefonierte ich mit einem Kollegen, mit dem ich seit mehr als dreißig Jahren befreundet bin. Es liegen sehr viele Kilometer zwischen uns, doch wir kennen uns gut, wir schätzen und lieben uns, obwohl wir verschiedener kaum sein könnten. Wir würden auch unbedingt und ohne Fragen zu stellen füreinander einstehen. So einen Freund muss man erst einmal finden. Und dann musste ich mir von ihm, den ich zu kennen glaubte, gestern diesen Satz anhören: „Ganz im Ernst: Es ist mir scheißegal, wie Frauen sich dabei fühlen!“

Es ging um ein Thema, das mich schon länger umtreibt, und bei dem ich es längst gewöhnt bin, nicht nur bei manchen Männern, auf gesundheitsbedenkliches Augenrollen und ein völlig überzogenes Maß an Unverständnis zu treffen: es ging um Frauen und Sprache, genauer gesagt, den Umgang mit unserer Sprache, wenn es um Frauen geht.

Ich setze mich seit geraumer Zeit damit auseinander, wie in unserer Gesellschaft über Frauen gesprochen und geschrieben wird, und welche Auswirkungen das auf uns Frauen, auf die Gleichberechtigung und unsere Chancengleichheit hat. Denn Sprache macht einen Unterschied. Wenn ich Sie jahrelang mit „Du blödes Arschloch“ anblaffe, hat das eine ganz andere Wirkung auf Sie, als wenn ich Sie immer höflich lächelnd sieze und mit Ihrem Namen anspreche. Oder nicht?

Worte erschaffen Realitäten

Warum sollte es dann etwas ganz anderes sein, wenn es um Worte in Bezug auf Frauen geht? Worte schaffen eine Voraussetzung für Kommunikation und gegenseitiges Verstehen. Doch Worte erschaffen auch Bilder und Realitäten. Als ich meinen Freund fragte, ob er als Journalist nicht die Aufgabe habe, korrekt zu berichten und seine gesamte Leserschaft mit einem Text anzusprechen, und ob es ihm egal sei, dass ein möglicherweise großer Teil seiner Leserschaft sich durch seine Sprache ausgegrenzt fühle, meinte er: „Es ist mir scheißegal, wie Frauen sich dabei fühlen. Jeder Idiot weiß doch, dass immer Frauen und Männer gemeint sind.“

Dann lassen wir es doch einmal auf einen Versuch ankommen. Einem Bericht über den Ausgang eines Schulwettbewerbs hatte eine niedersächsische Lokalzeitung ein Foto hinzugefügt. Welches Bild schwebt Ihnen bei der dazugehörigen Bildunterschrift als erstes vor Augen?

Der Ministerpräsident mit den glücklichen Gewinnern.

Seien Sie ganz ehrlich: haben Sie gerade einen Ministerpräsidenten vor sich gesehen, der von lauter Jungs umringt ist? Oder einen Minsterpräsidenten inmitten von Jungs und Mädchen?

Ich möchte wetten, dass niemand von Ihnen einen Minsterpräsidenten vor Augen hatte, der ausschließlich von Mädchen umringt ist. Und doch war genau dies der Fall. Obwohl also unsere Sprache ein Wort dafür hätte, nämlich „Gewinnerinnen“, obwohl noch Platz für vier weitere Buchstaben gewesen wäre, und obwohl kein einziger Junge auf dem Bild war, hatte sich die Redaktion für den männlichen Plural entschieden.

„Mitgemeint“ sein genügt nicht für ein gleichberechtigtes Miteinander

Jenen Plural, mit dem Frauen angeblich immer „mitgemeint“ sind, was ja angeblich (s. o.) „jeder Idiot“ weiß. Doch aufgrund dessen, wie unsere Sprache seit sehr langer Zeit genutzt wird, haben die meisten Menschen nach meiner Erfahrung bis heute beim bislang noch gängigen (männlichen) Plural fast immer und ganz automatisch als erstes Männer und Jungen vor Augen, seltener gemischte und nie rein weibliche Gruppen, wenn es nicht gerade um ein vermeintlich „rein weibliches“ Thema geht. Erwähnt werden Frauen in den Medien rein aus sprachlicher Sicht auch immer seltener – in letzter Zeit wird der Plural sogar immer häufiger zum männlichen Singular (s. dazu auch meinen Blogbeitrag „Mir reicht’s: Ich bin nicht „der Wähler“, „der Leser“, „der Bürger“).

Wenn in den Medien über Frauen berichtet wird, dann nach wie vor sehr häufig mit klischeebehafteten Ausdrücken und Inhalten. Ein schönes Beispiel dafür ist die aktuelle Ausgabe der Zeitschrift „Journalist“, Mitgliederzeitschrift des Deutschen Journalistenverbandes (DJV). Die müssten doch eigentlich am sorgfältigsten mit der Sprache umgehen, möchte man meinen. Doch in der aktuellen Ausgabe (7/2014) findet sich ein Leserbrief, in dem ein männlicher (!) Leser feststellt:

„Kaum ein Porträt von Frauen, in dem das Attribut „selbstbewusst“ nicht vorkommt. Kein Porträt von Männern, in dem es vorkommt. Indem man es für erforderlich hält, es zu erwähnen, dass sich eine Frau ihrer eigenen Persönlichkeit bewusst ist und kein verhuschtes Mäuschen, bestärkt man Stereotype, gegen die man vermeintlich anschreibt.“

Der Autor bezieht sich auf den „Journalist“-Artikel „Besuch in der Chefinnenetage“ (Heft 6/2014), in dem eine Journalistin mit drei Chefredakteurinnen über „Kompetenz, Quotenfrauen und Krippenplätze“ gesprochen hat. Ich möchte mal einen Artikel sehen, in dem mit Männern über Kompetenz und Krippenplätze gesprochen wird.

Der Mann als Held und Vorbild

Wenn überhaupt einmal ein Mann im Zusammenhang mit seinen Vaterpflichten Thema ist, dann wird er schnell zum Vorbild hochgejubelt: so geschehen z. B. im Fall des Vizekanzlers Sigmar Gabriel, als er ankündigte, seine Tochter einmal (in Worten: EIN Mal) pro Woche nachmittags von der Kita abzuholen. Über den Charakter dieser Heldentat wurde unter mehr als 16.000 LeserInnen von Spiegel Online wie folgt abgestimmt:

(Quelle: http://www.spiegel.de/forum/votes/vote-10062.html)
(Quelle: http://www.spiegel.de/forum/votes/vote-10062.html)

Aha. Für fast 43% der Teilnehmenden ist der Minister also ein „Vorbild“, weil er sich einen einzigen Nachmittag pro Woche (= vier Nachmittage pro Monat) um sein Kind kümmern möchte. Und welche Medien und überregional publizierte Umfragen applaudieren all den zahllosen Frauen, die das in aller Stille jeden einzelnen Nachmittag tun und dafür auf ihre Karriere verzichten? Was für ein Vorbild werden diese Frauen damit für ihre Töchter in einer Gesellschaft, in der es doch angeblich schon so gleichberechtigt und chancengleich zugeht?

Ein letztes Beispiel, ebenfalls aus dem oben erwähnten Branchen- und Fachmagazin „Journalist“ (7/2014). Über den Journalisten Freddie Röckenhaus wird getitelt:

„Freddies fliegende Kamera“

und geteasert:

„Freddie Röckenhaus weiß, wie Deutschland von oben aussieht. […] Entstanden sind daraus die gleichnamige ZDF-Reihe und ein Kinofilm. […]“

Ein Interview mit der Journalistin Jessica Lessin wird dagegen betitelt:

„Eine tolle Erfahrung“,

und geteasert:

„[…] Ihr Baby: „The Information“. Für 399 Dollar pro Jahr verspricht sie exklusive Artikel über die Technologie-Branche.“

Merken Sie den Unterschied in der Wahl der Sprache? Der Mann mit fliegender Technik hat also ein spezielles Wissen für seine Projekte, aber das Projekt der Frau, die u. a. acht Jahre lang für das Wall Street Journal geschrieben hat und jetzt über die Technologie-Branche berichtet, ist eine tolle Erfahrung und ihr Baby. Was für Bilder entstehen bei solchen Texten immer und immer wieder ganz unbewusst in den Köpfen der Menschen?

Worte sind die Basis für das Durchbrechen der gläsernen Decken

Was mich nun an der Reaktion meines alten Freundes so erschüttert hat, ist, dass er, als sensibler, weltoffener und diskussionsfreudiger Mensch, als guter und mehrfach preisgekrönter Journalist, so etwas nicht einmal bemerkt. Und nicht nur das: er lehnt es strikt ab, sich über solche Dinge und über sein eigenes Handwerkszeug, die Sprache und ihre Wirkung, Gedanken zu machen. Sich wenigstens einmal zu fragen, ob an meiner Kritik nicht vielleicht irgendetwas dran sein könnte. Selbst wenn er danach zu einem anderen Ergebnis käme als ich: sollte er sich nicht schon aus beruflichen Gründen und als Vater zweier Töchter damit auseinandersetzen? Doch er ist mit dieser Einstellung bei weitem nicht allein, schon gar nicht, wenn er sagt: „Es gibt wichtigere Dinge auf dieser Welt als die Frage, ob eine Frau sich mitgemeint fühlt oder nicht.“

Das mag aus seiner Sicht so sein; über die Gründe für eine solche Aussage kann ich nur spekulieren. Aus meiner Sicht ist dieses Thema jedoch unumgänglich in Bezug auf die Zukunft unserer Gesellschaft. Denn ich bin mir absolut sicher, dass es niemals Gleichberechtigung und Chancengleichheit für Frauen geben wird, solange die Sprache derart männlich geprägt ist und bleibt, solange Frauen sprachlich immer seltener vorkommen. Eine gläserne Decke wird sicher nicht allein durch Worte zerbrechen, doch bilden Worte die Basis für die Stärke, sie eines Tages durchbrechen zu können.

Und was die „wichtigeren Dinge“ betrifft, frage ich meinen alten Freund und all die anderen, die der Gleichberechtigung der Frauen auch aus sprachlicher Sicht so vehement entgegenstehen: Wenn Wasser und Vitamine gleichermaßen ohne Aufwand zugänglich wären und allen Menschen in diesem Land frei zur Verfügung stünden, würdest Du Deinen Töchtern sagen, sie sollten die Finger von den Vitaminen lassen, denn Wasser sei schließlich wichtiger für den Körper? Ist es Dir „scheißegal“, wie sie sich dabei fühlen? Ist es Dir „scheißegal“, dass Deine Töchter sprachlich entweder gar nicht vorkommen oder nur klischeehaft dargestellt werden? Ist es Dir „scheißegal“, dass sie ihr Leben lang niemals die gleichen Chancen haben werden wie Jungs?

 

Birte Vogel

Ich bin freie Journalistin & Autorin, schreibe heute aber aus Selbsterhaltungstrieb nur noch Texte für Unternehmen. Ich ghoste Sachbücher und coache Unternehmer_innen von der Idee bis zum fertigen Buch (demnächst auch hier vor Ort auf der Nordseeinsel Amrum). Und ich berate Journalist_innen, wie sie aus ganz guten Porträts herausragende machen können.
Kontakt:
Tel.: 04682 – 96 842 37
E-Mail: post[at]birtevogel.de

4 Gedanken zu “„Es ist mir scheißegal, wie Frauen sich dabei fühlen“ – Frauen und Sprache

  1. Vielen Dank für diesen Artikel, dem ich aus ganzem Herzen nur zustimmen kann. Es wird – auch nach zwei Jahren – noch immer viel zu wenig darüber gesprochen!
    Beste Grüße und weiter so,
    Anna Sacco.

    • Vielen Dank, Anna Sacco! Es ist leider wirklich so, dass noch immer viel zu wenig darüber gesprochen wird. Der Widerstand hat sich m. E. sogar noch verstärkt (bis hin zu einem „Jetzt erst recht!“). Allerdings deutlich mehr von Seiten der Männer als von Seiten der Frauen. Es fehlt aber auch noch immer an Aufklärung – leider auch (aber längst nicht nur) innerhalb der journalistischen Ausbildungen.

  2. Die sind halt etwas minderbemittelt, diese meine Geschlechtsgenossen!
    Aber die Frauen lassen sich immer noch schnell/leicht ins Bockshorn jagen! Meinen Sie nicht?
    Aber, wenn sie Erfolg haben bei den Frauen, die Matschos? Warum sollen sie sich ändern?
    Da gibt es doch immer noch genug devote Frauen, die das mitmachen. Unter dem Motto: Der ist doch gar nicht so schlimm, er hat es doch nicht so gemeint!

    • Die Frage ist aber immer, warum Frauen sich, wie Sie schreiben, „ins Bockshorn jagen“ lassen. Sehr viel davon hat m. E. mit den Strukturen zu tun, in denen sie aufgewachsen sind und weiterhin leben. Sie sehen seit den bewegten 1980ern, als Frauen tatsächlich mitgesprochen und mitgemeint wurden, kaum einen Fortschritt für sich und andere Frauen. Eher sogar Rückschritte. Sie sehen aber auch keine Möglichkeiten, überhaupt etwas ändern zu können, oder etwas ändern zu können, ohne ihre bisherigen Sicherheiten, ihr bisheriges Leben vollständig aufgeben zu müssen. Bestehen Sie mal in Ihrem Umfeld darauf, dass Frauen sich nicht mit der männlichen Berufsbezeichnung benennen lassen – Sie werden für irre gehalten. Deshalb passen sich die meisten Frauen am Ende an die vorhandenen gesellschaftlichen und sprachlichen Strukturen an, bis die ihnen normal erscheinen. Normales und Altbekanntes aber nehmen wir häufig als etwas Positives wahr oder zumindest nicht als etwas Bedrohliches, selbst wenn es das ist.

      Wir befinden uns momentan in allen gesellschaftlichen Bereichen auf dem Rückschritt in Sachen Gleichberechtigung – aber mein Kollege ist nicht der Einzige (auch nicht der einzige Journalist), der die Sprache für unwichtig hält. Aber er gehört zu der Mehrheit, die sich definitiv nicht dauernd „du Arschloch“ nennen lassen würde – weil da Sprache ja plötzlich wieder einen Unterschied macht. „Minderbemittelt“ würde ich Ihre Geschlechtsgenossen deshalb aber nicht nennen – einfach nur zu faul, um ernsthaft nachzudenken und dann zu handeln. Würden sie das tun, hätten sie längst erkannt, welche Vorteile Gleichberechtigung auf allen Ebenen, auch der sprachlichen, für sie haben könnte.

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