Drehbücher schreiben (TV-Serie): Michael Meisheit

Drehuchautor Michael Meisheit (Foto: Steven Mahner)
Drehuchautor Michael Meisheit (Foto: Steven Mahner)

Michael Meisheit studierte ein paar Semester Sonderpädagogik und ging dann an die Filmakademie Baden-Württemberg, um Film und Medien mit Schwerpunkt Drehbuch zu studieren. Noch während des Studiums wurde er von Produzent Hans W. Geißendörfer zu Deutschlands erster Seifenoper geholt, der „Lindenstraße”. Die Serie läuft – ungeschlagen im deutschen Fernsehen – seit fast 28 Jahren Sonntags in der ARD, und Meisheit ist seit 16 Jahren einer ihrer Drehbuchautoren. Er ist außerdem Autor des Fernsehfilms „Dann kam Lucy” und des geplanten Kinofilms „The smoke that thunders”. 2012 erschien sein erster Roman „Soap”; 2013 folgte unter dem Pseudonym Vanessa Mansini der Roman „Nicht von dieser Welt”, der sich wochenlang in den Kindle-Charts auf einem der ersten zehn Plätze hielt. In seinem Blog schreibt Meisheit sehr offen über seine Arbeit und alles, was damit zusammenhängt.

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Birte Vogel (bv): Herr Meisheit, inwieweit befähigen einen zwei Jahre Studium der Sonderpädagogik, anschließend fürs Fernsehen zu arbeiten?

Michael Meisheit (MM): Ich hatte Erziehungsschwierigenpädagogik als Schwerpunkt. (lacht) Das hilft schon, weil das Fernsehen ein schwieriges Feld mit manchmal schwierigen Leuten ist.

bv: Wie kam der Wechsel zum Fernsehen zustande?

MM: Ich hatte mich nach dem Zivildienst an den großen Filmhochschulen beworben, wurde aber nicht angenommen. Dann hab ich erst mal Sonderpädagogik gemacht, weil ich mir auch vorstellen konnte, Lehrer zu werden. Während des Studiums bewarb ich mich dann in Ludwigsburg.

bv: Was mussten Sie für die Bewerbung tun?

MM: Ich musste eine Arbeitsprobe einreichen. Das war kein ganzes Drehbuch, aber, wenn ich mich recht erinnere, ein ausführliches Exposé mit ein paar Szenen. Es war die Grundlage, um überhaupt eingeladen zu werden. Sie haben dann etwa 80 oder 100 Leute zum Gespräch eingeladen und wir mussten innerhalb von zwei Tagen ein Drehbuch für einen Kurzfilm schreiben. Ich bin damals mit meinem Computer angereist, das war noch ein 386er!

bv: Sie wurden angenommen und bekamen noch während des Studiums ihren ersten Job.

MM: Ich hatte mich bei der „Lindenstraße“ beworben und hab dann mein Studium abgebrochen, als ich angenommen wurde.

bv: Seit 1997 sind Sie nun Drehbuchautor der wöchentlichen Serie „Lindenstraße“. Wir würden Sie Ihre Arbeit beschreiben?

MM: Wir Drehbuchautoren machen hier alles. Das ist der Unterschied zu den meisten anderen Serien. Hier ist man ein richtiger Autor und schreibt von der ersten Idee bis zum letzten Dialog alles selbst. Wir entwickeln und schreiben die Storylines, schreiben die Drehbücher und nehmen alle Änderungen vor, bis hin zu der aktuellen Szene, die jede Woche vorkommt.

bv: Diese Szene nimmt immer Bezug auf ein aktuelles Thema, seien es die Wahlen oder der Bankenskandal. Ist es schwierig, dafür so kurzfristig das richtige Thema zu finden?

MM: Nein, gar nicht. Es gibt nur eine kleine Hürde dabei. Es sind ja nicht immer alle Schauspieler vor Ort oder manche haben zum Beispiel die Haare nicht mehr so wie in den Szenen, die vorher gedreht wurden, sodass man mit ihnen das Aktuelle nicht drehen kann.

Ich kann in dieser Welt die Fäden ziehen

bv: Gibt es vorgeschriebene Grenzen für diese Themen?

MM: Nein, der Sender ist sehr offen. Der Produzent ermutigt uns auch immer. Witzigerweise wird bei politischen Themen immer uns oder dem Produzenten, Hans Geißendörfer, die entsprechende politische Haltung zugeschrieben, dabei ist es ja eine Haltung der jeweiligen Figur.

bv: Früher wurden ja auch häufig Briefe an die „Lindenstraße“ geschrieben, in denen Leute Angebote machten, weil sie die Figuren der Serie für real hielten.

MM: Ja, es gab Bewerbungen auf leerstehende Wohnungen oder Fragen wie: „Liebe Frau Beimer, wo haben Sie das schöne Service gekauft?“ Viele identifizieren sich extrem mit den Rollen. Da denk ich manchmal: Hey, Leute, das ist nur eine Serie! Teilweise wunder ich mich auch. Wir haben vor einer Weile die Figur Orkan eingeführt – ein kleinkriminellen, jungen Türken, aber bevor der sich überhaupt das erste Mal daneben benommen hatte, schrieben Leute: „Wenn der nicht wieder auszieht, kucke ich nie wieder „Lindenstraße““. Auf der anderen Seite gibt es aber auch Leute, die gerade wegen ihm eingeschaltet haben.

bv: Haben Sie denn Verständnis für diese Reaktionen?

MM: Die Leute sind ja mit der „Lindenstraße“ groß geworden. Es ist für sie so, als ob die Figuren Freunde sind oder Verwandte. Und wenn da jemand „eindringt“, den man auch in seinem persönlichen Umfeld nicht haben möchte, dann kann es schon einmal zu solch heftigen Reaktionen kommen. Andererseits ging es uns ja gerade darum, dass sich die Zuschauer – auch die kritischen – mit solch einer Figur auseinandersetzen, daran reiben, etwas mehr erfahren als aus der Bildzeitung.

bv: Was fasziniert Sie so an der Arbeit für die „Lindenstraße“?

MM: Das ist meine kleine Welt, die ich zwar nicht komplett selbst erfunden habe, aber ich war schon etwa bei der Hälfte der Figuren, die da rumspringen, an der Entwicklung beteiligt. Ich kann in dieser Welt zusammen mit den Kolleginnen die Fäden ziehen. Es ist sehr spannend, in so einem bestehenden Rahmen was zu machen. Aber ich mag die Figuren einfach auch alle, ich bin im Geiste sehr gern mit ihnen zusammen.
Ich schreibe gerne Serien und entwickle zwischendurch immer wieder neue Serien, denn man kann über diesen Zeitraum viel tiefer und länger erzählen als in einem 90-Minüter. Ich gucke auch viel lieber Serien, amerikanische Serien vor allem.

„Lindenstraße“ ist sehr nah an dem, was du dir ausgedacht hast

bv: Es gibt sehr viele Menschen, die sehr viel lieber amerikanische Serien schauen als deutsche. Warum gibt es keine ähnlich guten und beliebten Serien hier in Deutschland?

MM: Ich denke, es ist ein finanzielles Problem. In den USA gibt es nicht nur mehr Geld für Bombenexplosionen usw., sondern da werden Autoren auch mal für ein ganzes Jahr für eine Serie angestellt. Ohne Gewissheit, dass diese auch wirklich läuft. Aber die Amerikaner können über internationale Verkäufe auch viel leichter Geld wieder reinholen.
Autoren haben in Deutschland weniger Zeit fürs Schreiben. Und ein Serienkonzept wird hier sehr schlecht bezahlt, nicht anders als ein Filmexposé. Das muss man also zwangsläufig nebenher schreiben, während man woanders sein Geld verdient. Und daran scheitert’s eben auch bei vielen.
In Deutschland sind Autoren zudem von einem anderen Geist geprägt. Sie sind eher Einzelkämpfer, aber für Serien braucht man Teamarbeiter.

bv: Was macht Ihnen an der „Lindenstraße“ so viel Spaß, dass Sie schon seit 16 Jahren dabei sind?

MM: Es ist eine ganz besondere Situation, dass ein Autor von der ersten Idee bis zur letzten Drehbuchfassung verantwortlich ist. Ich hab mal eine Zeitlang für die Telenovela „Rote Rosen“ gearbeitet. Das war wirklich industrielles Arbeiten. Ich hatte zwar Anteil an den Geschichten, aber ich hab sie später gar nicht wiedererkannt. Bei der „Lindenstraße“ ist das, was gedreht wurde, sehr nah an dem, was du dir ausgedacht hast. Das ist ein enormer Reiz, dass man sich so stark wiederfindet.

bv: Wie hilfreich ist es, dass es eine so bekannte und lang laufende Serie ist?

MM: Es hilft sehr, wenn ich für Recherchen irgendwo anrufe. Ich habe noch nie jemanden getroffen, der sagte: „Lindenstraße? Kenn ich nicht.“ Ich bin zum Beispiel schon zwei Tage mit einer Polizistin zur Recherche unterwegs gewesen oder wurde vom Chefarzt in der Charité rumgeführt. Es ist toll, für etwas zu arbeiten, das so einen Status hat.
Und die Serie hat ein so breites thematisches Feld. Ich kann über alle Themen schreiben, die mich interessieren.

bv: Wie ist denn der Ablauf von der ersten Idee bis zum Drehbuch?

MM: Wir haben sehr viel Vorlauf. Ein bis eineinhalb Jahre vor Ausstrahlung haben wir 2 Wochen lang Storyline-Sitzung für die Geschichten für ein halbes Jahr, also 26 Folgen. Danach schreiben wir die ersten Drehbuchfassungen. Nächste Woche gebe ich zum Beispiel Erstfassungen ab, für die die Storyline-Sitzung im März war. Ich schreibe in der Regel zwölf Drehbücher pro Halbjahr. Das ist sehr viel, aber ich hab auch die entsprechende Erfahrung.

Für Geißendörfer ist der Autor wahnsinnig wichtig

bv: Bleibt es bei so viel Erfahrung denn bei einer Drehbuchfassung?

MM: Nein, wir schreiben grundsätzlich drei Fassungen. Das hat aber auch äußere Gründe. Wenn wir die erste Fassung geschrieben haben, machen wir die Storylines fürs nächste Halbjahr. Wenn sich da was für die Figuren ändert, müssen wir die vorhergehenden Fassungen anpassen. Und dann kommt noch der Reality-Check von anderen Abteilungen, nach dem wir die dritte Fassung schreiben.

bv: Viele AutorInnen erzählen, dass ihre Drehbücher oft so sehr geändert werden, auch ohne, dass man sie konsultiert, sodass sie sie am Ende kaum wiedererkennen. Ist das bei Ihnen auch so?

MM: Das geht bei uns gar nicht, dazu ist der Apparat zu groß, da kann nicht einer mal eben etwas ändern. Die Regisseure drehen zum Beispiel nur jeweils zehn Folgen am Stück. Wenn sie da was ändern, könnte das Probleme für Geschichten bringen, die sehr viel später laufen und deren Inhalt sie vielleicht nicht einmal kennen. Deshalb wird bei uns vor größeren Änderungen immer der Autor gefragt.

bv: Das hört sich paradiesisch an.

MM: Es ist wirklich eine sehr befriedigende Arbeit. Aber ich muss schon sagen, dass das eine sehr besondere Geschichte ist. Sie spiegelt nicht die normale Situation der professionellen Drehbuchautoren wider. Hans Geißendörfer kommt nunmal vom Autorenfilm. Für den ist der Autor was wahnsinnig Wichtiges, und das ist für uns und unsere Arbeit prägend.

bv: Aber wenn es so befriedigend und schön ist, warum haben Sie 2007 / 2008 einen Ausflug zur Telenovela „Rote Rosen“ gemacht?

MM: Ich bekam eine Anfrage von den beiden Brückners, Jörg und Heike (haben die Telenovela „Rote Rosen“ entwickelt, Anm. d. Red.), und fand es schön, mal was anderes auszuprobieren. Ich hab sehr schnell gemerkt, dass es da so eine Art Wanderzirkus gibt. Es fielen immer dieselben Namen, und die Autoren tauchten irgendwann auf und gingen wieder, immer weiter von Soap zu Soap (Soap / Daily Soap = engl. für Seifenoper und tägliche Serien, Anm. d. Red.).
Ich hab da unter anderem als Storyeditor gearbeitet und Futures entwickelt, war zwei Jahre lang immer wieder mal da. Aber es war parallel zur „Lindenstraße“ zu anstrengend, viel Fahrerei von Berlin nach Lüneburg, und es gab auch andere interessante Projekte.
Das Schöne an „Rote Rosen“ war, dass sich das Konzept rund um eine 50-jährige Hauptfigur von den anderen Dailys unterschied. Futures zu entwickeln gefiel mir, aber ich fand es innerlich nicht so befriedigend, Storylines vorgesetzt zu bekommen, das Dialogbuch abzugeben, und jemand anders überarbeitet das nochmal.

Das Kino ist viel breiter aufgestellt als Fernsehfilme

bv: Sie haben weitere Ausflüge von der „Lindenstraße“ gemacht. 2011 haben Sie „Und dann kam Lucy“, einen Fernsehfilm, geschrieben. Anschließend kam „The smoke that thunders“, der 2013 in Sambia fürs Kino gedreht wird oder schon wurde?

MM: Das mit Sambia war ein aberwitziges Projekt, aber es musste komplett ohne Sender oder Filmförderung finanziert werden, und ist deshalb erst einmal nicht zustande gekommen.

bv: Was sind denn die Unterschiede im Schreiben fürs Fernsehen und fürs Kino?

MM: Das kommt drauf an. „Lucy“ ist eine typische Degeto-Produktion, ein bisschen humorvoller als Pilcher vielleicht. Da ist alles klar reglementiert, es gibt bestimmte Vorgaben vom Sender, ein begrenztes Budget, und man muss die 90 Minuten genau treffen.

Das Kino ist sehr viel breiter aufgestellt. Der Film hätte komplett in Sambia gespielt, ich war dafür in Sambia zum Recherchieren. Erzählerisch kann und muss man ein bisschen größer denken, was die archetypische Geschichte angeht. Es ist anders als bei einem Fernsehfilm, der auch alltäglichere Geschichten erzählt. Auch was die Bildhaftigkeit angeht. Da sind große Unterschiede auch für mein eigenes Denken, aber der Szenenaufbau bleibt natürlich überall gleich.

bv: Werden Sie weitere Filme schreiben oder sich auf die „Lindenstraße“ beschränken?

MM: Mal gucken. Einer der vielen schönen Aspekte an der „Lindenstraße“ ist, dass mir immer ein paar Monate im Jahr bleiben, in denen ich nicht notwendigerweise etwas verdienen muss. In der Zeit beschäftige ich mich mit den anderen Anfragen, die ich bekomme. Wenn ich was Besonderes daran sehe, inhaltlich oder vom Arbeitsprinzip her, so wie bei „Rote Rosen“, dann mache ich das. Das waren nicht immer Sachen, deren Erfolg sicher war. Es liegen auch fertige Drehbücher beim Sender oder Produktionsfirmen rum; daraus kann auch manchmal erst nach Jahren was werden.

Wir kriegen Wiederholungshonorare

bv: Ist diese Warterei sehr frustrierend?

MM: Wenn es aus formellen Gründen so lange dauert, weil sich die Senderverantwortlichkeit geändert hat oder so, dann ist das schon frustrierend. Ich hab mal für eine spannende Filmidee einen Blankovertrag für einen Mystery-Film bekommen, und wir waren sicher, dass wir im Sommer drehen werden. Dann wurden zwei Mystery-Filme gesendet, die hatten wahnsinnig schlechte Quoten, und der Film wurde sofort abgesagt, egal wie gut das war, was wir da abgegeben haben. Da haben wir uns schon gefragt: Ist das sinnvoll so zu arbeiten, auch als Sender?

bv: Sind Sie bei der „Lindenstraße“ fest angestellt?

MM: Nein, ich habe einen Werkvertrag jeweils für die Folgen eines Halbjahres. Ich bin allerdings auch gerne selbständig.

bv: Einen Buy-out-Vertrag?

MM: Nein, wir kriegen Wiederholungshonorare.

bv: Schauen Sie die Serie denn selbst? Oder reicht es Ihnen, die Bücher dafür geschrieben zu haben?

MM: Ich gucke alle Folgen. Schon alleine um zu sehen, was aus unseren Ideen bzw. meinen Drehbüchern geworden ist. Aber z.B. auch um neue Schauspieler zu sehen: wie interpretiert der das? Was kann der, was nicht so gut? Da hat man dann auch Assoziationen für die nächsten Storylines.

bv: Welches ist Ihre Lieblingsserie?

MM: Meine absolute Lieblingsserie, schon seit ein paar Jahren, ist „The Wire“. Aber ich gucke auch gern „Breaking bad“, „How I met your mother“. Und als mein Sohn noch ganz klein war und morgens um fünf Uhr wach war, habe ich mit ihm auf dem Bauch und mit Kopfhörern mehrere komplette Staffeln „24“ geschaut, bis meine Frau wach wurde.

Was besonders wehtut, ist, wenn ein Schauspieler gehen will

bv: Gibt es in Ihren Augen keine ähnlich guten Serien in Deutschland?

MM: Von den deutschen Serien gefiel mir „Im Angesicht des Verbrechens“ von Dominik Graf sehr gut.

bv: Sie schreiben seit 16 Jahren für die „Lindenstraße“. Wird das nicht irgendwann langweilig?

MM: Die „Lindenstraße“ ist ja ein bisschen wie das Leben selbst. Wird das langweilig? Ich finde es aber tatsächlich selber erstaunlich, dass es nicht langweilig wird. Als ich anfing habe ich zwei Autorinnen abgelöst, die das zehn Jahre lang gemacht hatten, und ich konnte mir nicht vorstellen, das so lange zu machen. Jetzt hab ich die überholt.

Es macht wirklich immer wieder Spaß und hat viele Besonderheiten. Ich kann zum Beispiel ohne Probleme eine unserer Figuren Anekdoten von vor 20 Jahren erzählen lassen. Das muss ich gar nicht erfinden, denn das ist alles gesendet worden. Und es hat einen ganz anderen Reiz, wenn eine Schauspielerin schon als Baby dabei war. Das ist wie eine erweiterte Familie und funktioniert auch so. Bei einer Daily Soap und weniger liebevoll geführten Sachen würd ich mich auch schneller langweilen.

bv: Ist es schwer, einer Rolle, die Sie mögen, eine Katastrophe ins Drehbuch zu schreiben?

MM: Das kommt schon mal vor. Was aber besonders wehtut, ist, wenn ein Schauspieler gehen will und man grad so tolle Ideen für ihn hatte. Wir versuchen dann natürlich, für ihn die bestmögliche Geschichte zu bringen, und das macht dann doch wieder Spaß.

Nur bei Todesfällen von Schauspielern ist es wahnsinnig schwer. Als Ute Mora (Rolle der Berta Griese/“Rehlein“, Anm. d. Red.) überraschend starb, mussten wir an die Szenen anknüpfen, die schon gedreht waren, und das Ende der Figur diskutieren. Das war wirklich schwer.

bv: Ist das anders, als wenn jemand wie Annemarie Wendl, die jahrelang die Else Kling gespielt hatte und zu einer echten Kultfigur geworden war, gehen möchte?

MM: Das war auch nicht leicht, denn da merkt man: da geht ein ganz großer, wichtiger Teil verloren. Sie war ja schon länger so eine Art Chor für die Lindenstraße. Ihr Ausstieg hat dann zwar inhaltlich nicht alles auf den Kopf gestellt. Aber es war emotional, und es war für die „Lindenstraße“ ein großer Verlust.

Da ist mittlerweile eine große Routine

bv: Ist es für Sie als Drehbuchautor schwer, mit dieser emotionalen Bindung an Serie, Rollen und Menschen umzugehen?

MM: Mir gefällt das grade gut. Ich bin beim Schreiben manchmal den Tränen nah, aber das ist ein Reiz des Autorendaseins: im Geiste viele Leben leben zu können und viele Emotionen nachzuempfinden.

bv: Ist es bei so vielen Rollen im Lauf der Jahre nicht unmöglich, für jede Rolle immer wieder eine eigene Sprache finden zu müssen, um sich nicht zu wiederholen?

MM: Erstaunlicherweise nicht so sehr. Wir legen ganz banal Redewendungen und Kosenamen fest und haben so ein Gerüst. Und dann prägen die neuen Schauspieler die Rolle selbst. Es ist sicherlich schwieriger, mit vorhandenen Figuren zum 100. Mal dieselbe Situation in derselben Dekoration zu haben und dennoch neu zu erzählen.

bv: Stellt sich im Lauf der Jahre eine Routine beim Schreiben ein?

MM: Ja, da ist mittlerweile eine große Routine. Ich bin sehr viel schneller als früher und glaube, trotzdem besser – ich hoffe, dass andere das auch so sehen. Die Erfahrung hilft da eine Menge, aber vor allem die intime Kenntnis der Figuren. Bei etwas Neuem, das ich schreibe, dauert es viel länger, bis ich da hinkomme. Die Figuren der „Lindenstraße“ lasse ich einfach aufeinander los. Ich konstruiere die Szenen gar nicht so sehr, sondern wenn ich z.B. eine Storyline vor mir liegen habe, in der steht: „Helga trifft Hans; es wird deutlich, dass er sauer ist, weil sie schlecht über ihn geredet hat.“ Dann schaffe ich zuerst eine interessante Grundsituation, z.B. dass er sich aus seiner Wohnung ausschließt, und ab da schlüpfe ich abwechselnd in die Rollen der beiden. Was würde sie jetzt sagen, wie reagiert er darauf usw. Das kommt dann fast von allein, ich muss es nur mitschreiben – eben weil ich die Figuren so gut kenne. Natürlich muss an der Szene hinterher noch gefeilt werden, aber so habe ich schnell eine gute Basis.

bv: Hat es eigentlich irgendwelche Vorteile, in erster Linie als Serienautor bekannt zu sein?

MM: Eigentlich hat das weder Vor-, noch Nachteile. Es kommen ja trotzdem auch Aufträge für Filme. Natürlich ist man schon in einer Schublade, wenn auch nicht so sehr wie die Schauspieler. Aber es überwiegt, dass man weiß, dass ich erfahren bin und abliefern kann. Also ist das eher ein Vorteil.

Neuerdings bin ich auch noch Selfpublisher

bv: Welche Arbeitszeiten haben Sie?

MM: Seit ich Kinder habe, ist der Tag sehr durch sie reglementiert: in den Kindergarten bringen, frühstücken, dann arbeiten, bis meine Frau am frühen Abend die Fahne schwenkt und sagt, sie kann nicht mehr. Im Normalfall arbeite ich von zehn bis sechs, aber da ich zu Hause arbeite, auch mit Unterbrechungen.

bv: Warum arbeiten Sie zu Hause und nicht in einem externen Büro?

MM: Zeitweise hatte ich auch mal einen Tisch in einem Großraumbüro; das fand ich ganz lustig. Aber ich liebe es, zu Hause zu arbeiten. Die Gefahr, abgelenkt zu werden, ist groß, aber mit Disziplin geht das. Ich plane nur sehr viel mehr Zeit für z.B. eine Drehbuchfasssung ein als früher.

Neuerdings bin ich ja nebenbei auch noch Selfpublisher. Dabei ist man noch mehr als nur Autor. Da gibt’s eine Menge Anfragen, Postings, Auswertungen usw zu erledigen. Zeit, um den Computer mal eine Woche auszumachen, mich nur um die Kinder und schönes Essen zu kümmern, hatte ich deshalb schon länger nicht mehr.

bv: Wie beurteilen Sie denn die Situation für den Nachwuchs und für QuereinsteigerInnen?

MM: „Drehbuch schreiben Geld verdienen“ war mal ein Suchbegriff, mit dem jemand in meinem Blog gesucht hat. Da hab ich mir gedacht, dann schreib ich doch mal was darüber. Ich hab eine Rechnung aufgestellt, wie viele Drehbuchautoren eigentlich benötigt werden und wie viele es gibt. Es gibt schon viele, und die werden alle gar nicht gebraucht. In der Anfangszeit der Soaps und Telenovelas gab’s viele Möglichkeiten, neue Autoren wurden händeringend gesucht, aber mittlerweile gibt es nicht mehr so viele fiktive Sendeplätze und die zusätzlichen Autoren sind immer noch da.

Ich kann nur sagen: man wartet nicht auf Neueinsteiger. Aber es ist nicht unmöglich. Mit eigenen Ideen und eigenem Stil kann man seinen Weg finden. Es kann allerdings ein paar Jahre dauern, bevor man davon leben kann. Es gibt eine Faustregel: man muss zehn Sachen entwickeln, bevor eine was wird. Man darf sich also nicht über Jahre an sein erstes Projekt hängen. Viele Leute haben ein großes Werk, an dem sie schon lange feilen. Völlig losgelöst davon, was draus werden soll. Kino? Fernsehen? Welcher Sender? Wenn man sie das fragt, gucken die Leute schon groß. Aber damit muss man sich beschäftigen; man muss wissen, welcher Sender, welche Produktionsfirma macht was. Und man muss damit leben, dass die Sachen auch mal nix werden.

Feedback sollte man nicht nur von der eigenen Mutter einholen

bv: Welche Möglichkeiten haben denn Leute, die sich davon nicht abschrecken lassen und unbedingt für Film und Fernsehen schreiben wollen?

MM: Was die Ausbildung angeht, ist es sinnvoll, eine gute Grundausbildung zu machen, das Handwerkszeug zu lernen. Im Extremfall kann das auch mit Hilfe von Büchern gehen. Ich bin ein wenig skeptisch, ob es so sinnvoll ist, ein langes Studium zu machen. Ein kompaktes Jahr bei guten Lehrern kann durchaus ausreichen. Ich hab mein Studium ja selbst auch abgebrochen, weil es dort nach dem Grundstudium nur noch Projektarbeit gab und die hatte ich durch meinen Job bei der „Lindenstraße“ bereits „in echt“.Man sollte also die Theorie kennen, und danach muss man schreiben, schreiben, schreiben. Man lernt schreiben, indem man schreibt. Und man sollte zusehen, dass man sich viel Feedback holt, nicht nur von der eigenen Mutter. Ich mach das jetzt z.B. mit meinen Romanen im Blog mit Testlesern, und das hilft mir enorm weiter.

bv: Was sollte man, Ihrer Ansicht nach, unbedingt für den Job als DrehbuchautorIn mitbringen?

MM: Neugierde. Wer anderen Leuten nicht gern Fragen stellt, kann nicht viel erzählen. Und man braucht Leidensfähigkeit. Es gibt wenige Berufe, wo die so sehr dazugehört. Man wird viel kritisiert, und wer das nicht aushalten kann, ist da falsch. Und man braucht natürlich Fantasie.

bv: Sie haben neben Ihrer Arbeit als Drehbuchautor nun auch zwei Romane als Selbstverleger herausgebracht. Warum?

MM: Ich wollte immer schon mal einen Roman schreiben. Habe mich da immer wieder ausprobiert. Mein Debütroman „Soap“ ist ja z.B. schon zehn Jahre alt. Aber erst jetzt durch die neuen Möglichkeiten des Internets für Selbstverleger konnte ich ihn so herausbringen, wie ich es mir vorgestellte hatte. Natürlich erhoffe ich mir Erfolg von der Arbeit als Selbstverleger.. Aber es geht mir auch um das Innovative, das Neue, und dass ich mich in dieser Pionierzeit mit neuen Sachen ausprobieren kann. „Nicht von dieser Welt“ war zusätzlich nun noch ein großer Glücksfall,mit dem ich tatsächlich auch Geld verdient habe. .

bv: Werden Sie dennoch weitere Romane schreiben und selbst verlegen?

MM: Ja, da gibt’s noch so viele Ideen und Möglichkeiten. Auch Transmediales find ich wahnsinnig spannend, letztlich ist das E-Book nur der erste Schritt; ich träume z.B. davon, auch mal ein E-Book mit Filmsequenzen oder ähnliches zu machen. Die Möglichkeiten, die sich Autoren oder Kreativen allgemein durch das Internet bieten, sind noch lange nicht ausgeschöpft …

bv: Herzlichen Dank für das Gespräch!


(Zuerst veröffentlicht auf „Schreiben als Beruf“ am 13.08.2013.)